Ein Trickfilm für Cinema Quadrat

Unsere Mitarbeiterin Monika Hamryszak hat uns zum Abschied einen tollen Trickfilm-Trailer hinterlassen, den wir schon im Kino gezeigt haben. Auch unseren Homepage-Besuchern wollen wir ihn nicht vorenthalten.

Monika Hamryszak hat im Jahr 2013/2014 ein Freiwilliges Kulturelles Jahr bei uns absolviert. Sie ist künstlerisch tätig und arbeitet vor allem als Fotografin. Hier geht es zu ihrer Facebook-Seite.

06.01.2015

Hinter den Masken

Am 31.12.2014 berichtete die Rheinpfalz über das 29. Mannheimer Filmsymposium.

 

Von Stefan Otto

»Sechs Filme und sieben Vorträge waren beim 29. Mannheimer Filmsymposium im Cinema Quadrat zu sehen und zu hören. Es ging um „Schauspielen im Film“, und so waren neben Filmwissenschaftlern und interessierten Kinogängern auch veritable Schauspieler dabei: Catherine Flemming, deren Frühwerk „Cuba Libre“ zu sehenwar, und RP Kahl, der denDirector’s Cut seines „Angel Express“ mitgebracht hatte.

RP Kahl, als Schauspieler zuletzt im Münsteraner „Tatort: Der Hammer“ zu sehen, macht eigentlich alles. Er schreibt, produziert, führt Regie, manchmal nimmt er auch die Kamera in dieHand, sorgt für den Ton oder den Schnitt. „Angel Express“war 1997 sein erster Filmin eigener Regie, ein nervöser Berlin-Film, deutlich von der Zeit geprägt, in der er entstand.Mit Techno von Genlog, dem damals 27-jährigen Kahl in einer der Hauptrollen und einem Revolver, der von Hand zu Hand geht, bis amEnde ein tödlicher Schuss fällt. „'Angel Express' ist ein Filmüber die ruhelose, gierige Suche nach dem ultimativen Erleben, dem nächsten Das 29.Mannheimer Filmsymposiumhat sichmit demThema „Schauspielen“ beschäftigt – RP Kahl stellt Director’s Cut von „Angel Express“ vor Kick“, so Kahl. Er beschreibe damit eine Suche, die zwangsläufig immer in die Leere und Einsamkeit führe. „Aber diese Kälte ist die einzigwirklich feste Größe imLeben, und deshalb ist diese Endlossuche eigentlich das Lebensziel und völlig okay.“ Er habe den Film zu einer Zeit gedreht, in der allesmöglich und alles erreichbar schien, sagt Kahl, dochmehr als ein Jahrzehnt später befänden wir uns immer noch am gleichen Fleck: „Deshalb auch der Director’s Cut. Die Geschichten sind noch nicht zu Ende erzählt.“

Catherine Flemming: „Ich möchte den Zuschauer packen in seiner letzten Seelenecke.“

Catherine Flemming, die imJulimit „Ein offener Käfig“ auch zu Gast beim Ludwigshafener Festival des deutschen Films gewesen war, zeigte Ausschnitte aus ihrem Film „Die Datsche“ von 2002 und berichtete von ihrer Arbeit mit Regisseuren wie Christian Petzold, Carsten Fiebeler und Buddy Giovinazzo. „Während der Dreharbeiten kommt kein Mensch so nah an mich heranwie der Regisseur“, erklärte sie. Es gehe schließlich darum, gemeinsam etwas zu erreichen, und so schätze sie es sehr, wenn der Regisseur sich ausführlich Zeit nimmt, sich mit den Fragen und Problemen der Schauspieler auseinanderzusetzen. Erst in Zusammenarbeit mit dem Team, das den Filmerstellt, bekomme sie als Schauspielerin die Macht, das Publikum zum Lachen, zum Weinen oder zum Fürchten zu bringen. Sie strebe dabei Glaubwürdigkeit an, denn sie möchte, dass es gelingt, die Zuschauer zu verführen und zu entführen. „Ich möchte bereichern, den Zuschauer packen in seiner letzten, kleinen Seelenecke“, so Flemming. Wahrhaftig oder authentisch sei sie dabei insofern, als in jeder Rolle, die sie spiele, etwas von ihr persönlich stecke.

Die Casting-Direktorin Sabine Weimann verschaffte in ihremWerkstattbericht „Gesucht: Die ideale Besetzung“ seltenen Einblick in einen Bereich, der sonst der Öffentlichkeit verborgen bleibt. Die Berlinerin, die zuletztDarsteller für dieARD-Vorabendserie „Dating Daisy“ und den ZDFFernsehfilm „Zwischen den Zeiten“ gesucht hat, informierte aus erster Hand über den Besetzungsprozess für deutsche Filme. Anhand von Einspielern zeigte sie, wie die damals 16-jährige Stephanie Amarell zur Titelrolle in Ben Verbongs „Mona kriegt ein Baby“ kam. Von Produktionen gebucht, mit demAuftrag, einemöglichst interessante Vorauswahl von Schauspielern anzubieten, versteht Weimann sich als künstlerische Beraterin für Filmund TV und sieht eine ihrerwichtigsten Aufgaben darin, junge Talente frühzeitig zu entdecken und so immer wieder für bemerkenswerten schauspielerischen Nachwuchs zu sorgen.

Casting-Direktorin Sabine Weimann ermöglichte einen Einblick in ihre Arbeit

Die Schauspielkunst sei eine Kunst der schönen Lüge, führte der Filmkritiker Rüdiger Suchsland in seinem Vortrag „Das A/authentische d/Darstellen“ aus. Sie sei schön, weil sie auf die Wahrheit ziele und damit zu einem Mittel der Wahrheit werde. Sie werde zu einer Gratwanderung, sobald ihr eineWahrheit zugrunde liege, ein Zwang, sich mit der Wirklichkeit zu arrangieren. Dies sei besonders der Fall,wenn Schauspieler berühmte historische Persönlichkeiten darstellten, wenn Bruno Ganz in „Der Untergang“ Hitler verkörpert, Meryl Streep Margaret Thatcher (in „Die Eiserne Lady“) oder Daniel Brühl Niki Lauda (in „Rush“). Wenn ein Schauspieler sich auf eine solche Rolle einlasse, komme es zwischen Darsteller und Dargestelltem zu widerstreitenden Anziehungs- und Abstoßungsbewegungen, die beide nicht unberührt lassen. „Es entsteht ein Hybrid, ein Mischwesen, das sich von dem ablöst, was ihm zugrunde liegt, und doch auf es zurückwirkt“, so Suchsland. Konkret: „In unser Hitler-Bild hat sich etwas von Bruno Ganz eingeschlichen, und in unser Bruno-Ganz-Bild etwas von Hitler. So sehr, dass es für Ganz' Karriere eine Zeit vor und eine nach ,DerUntergang' gibt.“

Die Schauspielkunst sei eine Kunst des Typischen und des Typisierens und gerade, wo sie mit der Nachahmung einer allgemein bekannten,medial präsenten Person verbunden ist, sei sie auch eine Kunst der Reduktion auf nur wenige Gesten und Eigenschaften. „Es geht um schnelle, eindeutige Wiedererkennbarkeit, um Verschmelzungmit demVorbild.“ Bestimmten charismatischen Figuren, wie auchMarlene Dietrich (in „Marlene“ von Joseph Vilsmaier) oder Marilyn Monroe (in „MyWeekWith Marilyn“) könneman offenbar nicht zu Leibe rücken, allenfalls vermögeman die Oberfläche abzubilden.

Zugute kam dem Mannheimer Symposiumim29. Jahr, dass sich nicht allein die vorgesehenen Referenten in der Lage zeigten, fachlich fundierte, interessante Vorträge zu halten, sondern sich im Publikum ebenbürtige Spezialisten fanden. So konnte, als überraschend ein Redner ausfiel, der Kölner Publizist Klaus Gronenborn einspringen und denMünchner Komiker und Filmpionier Karl Valentin in Betrachtung bringen. Ein gelungener, improvisierter Vortrag über einen Improvisator und Musiker, dessen Auftritt imvorgestellten Film-Sketch „Ein verhängnisvolles Geigensolo“ (1936) nicht gelingen will. Ein Film, in dem Valentin als Künstler auf offener Bühne demontiert wird, ein Film, in dem Pannen die Handlung antreiben, ein Film der unmerklichen Übergänge von der Bühne ins Leben. Das passte.«

 

 

30.11.2014

Auf der Suche nach neuem Spielort

Am 28.11.2014 berichtete der Mannheimer Morgen über die Suche von Cinema Quadrat nach einem neuen Spielort.

 

»Es tropft aus der Dehnungsfuge in der Decke, Wassereinbrüche sind an der Tagesordnung - das Cinema Quadrat hält mit Eimern und Regenrinnen die Stellung im maroden Teil des Collini-Center, doch der Blick richtet sich in die Zukunft. "Quo vadis Cinema Quadrat?" Diese Frage stand jetzt bei einem Meeting auf der Tagesordnung.

Dr. Peter Bär und Ernst Gramberg, die Vorstände des Kommunalen Kinos, präsentierten ihre prekäre Lage im Erdgeschoss, entwickelten aber auch Zukunftsvisionen für das Filmhaus und spielten dabei eine ganze Reihe von Möglichkeiten durch. Auf der Suche nach einer Spielstätte für Morgen hat man schon etliche "Schauplätze" sondiert: Das Kesselhaus im Herschelbad wäre zwar ein wunderbarer Ort, es ist aber definitiv zu klein. Eine Ideallösung wäre ein Neubau-Cinema unter einem Dach mit dem Institut für Deutsche Sprache und der Bibliothek am Alten Meßplatz, doch wer weiß, wann diese Pläne reifen? Auch in den Turley Barracks ließe sich ein filmisches Kulturprogramm gut an, und Investor Tom Bock zeigt Sympathie für den Gedanken, doch für die Cinema-Leute ist der Exerzierplatz etwas weit weg vom Schuss, und ungewiss seien auch die Mietvorstellungen, so Bär.

Den Lokschuppen im Glückstein-Quartier hat man ebenfalls in Betrachtung gezogen, da hat allerdings ein Privatinvestor die Hand drauf und das Trafohaus in der Schwetzingerstadt wäre zwar schön, aber es ist in fester Hand des Bürgervereins. Das Panoptikum im Stadthaus haben die Filmbegeisterten schon in Augenschein genommen, die Decken sind zwar hoch genug - doch die Cineasten brauchen keinen lichtdurchfluteten Raum - alles müsste verdunkelt werden. Noch am besten geeignet scheint die Stadtgalerie in den S-Quadraten, doch da steht schon ein Nachnutzer auf der Matte.

Etliche Optionen - aber bisher noch keine Lösung: Auch Landtagsabgeordnete Helen Heberer sowie die Stadträte Dr. Achim Weizel und Gerhard Fontagnier mischten sich in die lebhafte Diskussion ein und wollen bei der Suche behilflich sein. Entsprechende Anträge laufen bereits, die Cinema-Aktiven haben auch schon vor Monaten mit dem Immobilienmanagement Fühlung aufgenommen. Bislang keinerlei Reaktion. Die Politiker wollen da nun nachfassen und Druck machen. räu«

Den Originalartikelmit einem vielsagenden Foto finden sie HIER.

05.11.2014

Cinema Quadrat sucht Zuflucht

Das Filmmagazin »Screenshot - Texte zum Film« berichtet zutreffend über die aktuelle Raumproblematik von Cinema Quadrat

 

Den Originaltext des Artikels finden Sie auf der Webseite SCREENSHOT - TEXTE ZUM FILM.

»Das Cinema Quadrat ist in Mannheim in der Ostkurve der Ringstraße um die Quadrate-Innenstadt beheimatet, im Erdgeschoss des Collini-Centers. Dieses besteht aus zwei Gebäudeteilen, einem 95 Meter hohen Wohn-Hochhaus und einem kleineren Bürokomplex, in dem eine Menge städtischer Ämter untergebracht sind. Oder besser: waren.

Denn dieser Büroteil ist baufällig. Die meisten Behörden sind schon ausgezogen. Das Cinema Quadrat harrt noch aus, muss noch ausharren: Denn eine neue Bleibe ist noch nicht gefunden. Dabei steht schon seit fast zwei Jahren ein Gerüst um das Gebäude, nicht für Renovierungsarbeiten, sondern als Schutz, weil sonst Betonbrocken aus der maroden Fassade herunterfallen könnten. Aus gewöhnlich gut informierten Kreisen verlautet, dass die Miete für das Gerüst die Stadt Mannheim monatlich einen hohen fünfstelligen Betrag kostet. Eine Renovierung lohne sich nicht; ein Abriss aber sei kompliziert. Denn der Wohnturm, der von der Eigentümergemeinschaft stets in Schuss gehalten wurde, ist nicht betroffen vom Verfall; beim Büroturm aber habe die Stadt wohl versucht, Geld zu sparen durch mangelhafte Instandhaltung...

Nun ist es aber so: Beide Gebäudeteile stehen auf einer Betonplatte, unter der sich die Tiefgarage befindet. Wird ein Teil abgerissen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich der andere Teil wie auf einer Wippe absenkt...

Wenn man sich durch das Labyrinth von Gerüststelzen durchmüht, findet man den Weg ins Cinema Quadrat. Klar ist aber: Das Collini-Center hat keine Zukunft, das Cinema Quadrat muss irgendwann raus. Und sucht mit zunehmender Verzweiflung ein Gebäude, das sich für den Kinobetrieb eignet. 99 Plätze, ein Foyer, ein Raum für den supermodernen 4k-Projektor.

Am 26. Novermber sind die Vertreter der Stadt Mannheim ins Collini-Center geladen, um über die Situation zu informieren, um sich auszutauschen über das weitere Vorgehen. Und um überhaupt das Cinema Quadrat auf der Prioritätenliste etwas nach oben zu schubsen. Immerhin ist es eines der ältesten kommunalen Kinos in Deutschland, getragen von einem emsigen Verein, der ein ausgezeichnetes Programm zusammenstellt, zudem jährlich zwei bundesweit beachtete Symposien veranstaltet, im Frühjahr als Dialog zwischen Filmwissenschaft und Psycholanalyse zu einem Regisseur, im Herbst als intensive Betrachtung eines Themas mit Vorträgen und Werkstattberichten.

Beim diesjährigen Symposium kamen direkt Einladungen: die MFG-Filmförderung in Baden Württemberg wollte das gesamte Kino nach Stuttgart umziehen lassen, der Bundesverband der kommunalen Filmarbeit lockte gar nach Berlin. Aber klar: Auf jeden Fall will der Verein in Mannheim bleiben. Fraglich ist nur, wo.«

Harald Mühlbeyer

03.11.2014

Ein Bericht vom 29. Mannheimer Filmsymposium "Schauspielen im Film"

Im Online-Magazin »Kino-Zeit« berichtete Harald Mühlbeyer über unser diesjähriges Symposium

 

Den Originalartikel finden Sie auf der Webseite KINOZEIT.

»Schauspiel: Das hat auch viel mit Improvisation zu tun, mit dem freien Spiel innerhalb gesetzter Grenzen, mit dem Einbauen von Zufälligem, von Unvorhergesehenem, was die Präsentation von Vorgegebenem frischer und lebendiger erscheinen lässt. Ähnliches gilt für ein Symposium. Da fällt dann zum Beispiel kurzfristig ein Referent aus, und man muss Ersatz besorgen. Gut, wenn ein Stockwerk höher Klaus Gronenborn über den Texten zum Festivalkatalog des Mannheim-Heidelberger Filmfestivals sitzt; und wenn Rüdiger Suchsland sich mit ihm spontan zu einem Gespräch über Karl Valentin, der vielleicht ein Schauspieler seiner selbst ist, verabredet. Wenn dann noch im heimischen DVD-Schrank der Kurzfilm Ein verhängnisvolles Geigensolo zu finden ist, ist der Tag gerettet...

Wobei ohnehin eigentlich nichts im Argen liegt beim Mannheimer Symposium, das Organisator Peter Bär und sein Team zwar straff, aber sehr abwechslungsreich konzipiert haben: Da machen sich die langjährige Erfahrung ebenso bezahlt wie der Wunsch und die Fähigkeit, eine intensive intellektuelle Atmosphäre des Austauschs zu schaffen im intimen Rahmen des 99-Sitze-Kinos, in dem sich Publikum und Referenten auf Augenhöhe begegnen können. Wenn in diesem Jahr auch eine Diskussionsrunde - der offene Gedankenaustausch über vorhergehende Vorträge - zugunsten eines weiteren Werkstattgesprächs gestrichen wurde: Gerade die Berichte aus der Praxis ergaben wichtige Einblicke ins Schauspielerdasein, in die Performances vor und für die Kamera, in das Hineinschlüpfen in die Filmfiguren.

So berichtete Catherine Flemming von ihrer Arbeit - ausgehend vom selten gezeigten frühen Petzold-Filmes Cuba Libre von 1996, der in schöner 35mm-Kopie in Mannheim lief, über die Schauspielausbildung in der damals streng hierarchisch angelegten Ernst-Busch-Schule bis zu diversen Beispielen und Anekdoten aus bisherigen, auch internationalen Filmen: "Ich möchte bereichern, den Zuschauer packen in seiner letzten kleinen Seelenecke", so Flemming, die sich ihres Arbeitsphilosophie wie auch dem Weg, gewünschte Wirkungen zu erzeugen, sehr bewusst ist.

Ernst-Busch-Schule: Das war auch die Ausbildungsstätte für RP Kahl; allerdings Außenstelle Rostock... weniger angesehen, weniger im Zentrum, für Kahl aber dennoch Sprungbrett zur Jungstar-Karriere am Theater der frühen 1990er Jahre; bis er der allabendliche Routine einer nachgespielten Kreativität auf der Bühne überdrüssig wurde und in Film und Fernsehen alle Rollen annahm, die einigermaßen passten - mit vielen Sendern, die viel Stoff brauchten, in den 1990ern kein Problem; doch auch dies Industrieware, Fließbandarbeit - so dass Kahl sich ab 1997 vom Schauspiel weg zum Regisseur entwickelte. Markstein: Oskar Roehlers wilde Reise durch die Nacht Silvester Countdown von 1997, in dem Kahl kurzerhand gleich als Produzent fungierte und in dessen energetischem Flow er Angel Express, ein ungestümes Berlin-Panorama, inszenierte. Seither bezeichnet er sich nicht mehr als Schauspieler, sondern als Regisseur.

In Mannheim reflektierte er im Gespräch mit Marcus Stiglegger dieses Wechselspiel von Schauspiel- und Regiefunktion - nach wie vor wirkt er als Darsteller in Spielfilmen mit, dreht zudem eigene Filme; und erforscht in diesem Spannungsfeld mehr oder weniger experimentell das Performative, das das Spiel im und mit dem Film bedeutet.

Von der anderen Seite beleuchtete die Castingdirektorin Sabine Weimann die Auswahl von Schauspielern: ein interessanter Aspekt des Filmemachens, in den man gemeinhin wenig Einblick erhält. Insbesondere nicht solchen: Mit tatsächlichen Castingvideos für einige Produktionen, die Weimann besetzt hatte, konnte der Verlauf von Bewerbung über Beurteilung bis zum Ergebnis, dem fertigen Film, nachverfolgt werden. Da hat etwa die 16-jährige Stephanie Amarell sich aus dem Schüleraustausch in England per E-Casting-Video bei Ben Verbong gemeldet, nur auf die Info hin, dass für einen Film eine Jugendliche gesucht würde, und dass sie ein Gedicht -  Fontanes "John Maynard"-Ballade - vortragen solle. Das tat sie, mit durch Videoschnitt verteilten Rollen; beim Casting ein anderes Gedicht, mit Vorgaben von größter Freude oder tiefster Trauer vorzutragen - um dann schließlich in Mona kriegt ein Baby die Titelrolle zu spielen. Diesen Prozess machte Weimann anschaulich, auch die allgemeinen Schwierigkeiten beim Casting, etwa durch Produzenten oder Redakteure "gesetzte" Schauspieler aufgebrummt zu bekommen, bis hin zu Tipps für Schauspieler, wie am besten ins Casting reinzugehen sei: Von selbstbewusstem Auftreten über das Beilegen aktuelle Fotos bis dahin, nie selbstständig einen Take zu unterbrechen.

Jung und am Beginn der Karriere ist Helen Woigk, geboren 1991 und bisher im Kino vor allem in André Erkaus Das Leben ist nichts für Feiglinge aufgefallen: Interessant an ihrem Vortrag, wie sie - mit Sinti-Wurzeln - gerne für die Exotik besetzt wird: Türkin, Rumänin, Bangladescherin, bei einem aktuellen Dreh auch Spanierin. So selbstbewusst ihr Umgang mit dieser Art von "Typecasting" ist - das es ihr ermöglicht, sich in diverse fremde Kulturen einzuarbeiten und zu fühlen -, so stark kam sie im weiteren Verlauf auf einen Knackpunkt des Schauspiels; und das ganz ungewollt und völlig gegen die Intention.

Die Aufregung; die Emotion: Ein Tränenausbruch. In völliger Fassungslosigkeit brach Woigk zusammen. Ein großes Glück für das Symposium! Denn in diesem Moment der Plötzlichkeit, der unmittelbaren "Wahrheit" konnte sich beim Zuschauer die Essenz, das Geheimnis des Schauspiels offenbaren, für einen Augenblick, freilich nicht greifbar, kaum beschreibbar: Denn bei Woigk setzte zugleich mit dem ungewollten Ausbruch, der ja auch ein Loslassen war, ein Bruch innerer Schranken, die Analyse des Geschehenen ein, so dass eine merkwürdige Gleichzeitigkeit von Haltlosigkeit und Souveränität entstand: Blockade, erklärte sie unter Tränen, das bedeute beim Dreh erstmal eine Pause zu machen, durchzuatmen; dann neu anzufangen; und man dürfe auf keinen Fall sich von außen betrachten, sondern müsse stets voll in die Situation hineingehen: "weil sonst genau so etwas passiert." Sich freimachen, sich fallenlassen, die Emotion voll aufnehmen, sich hineinstürzen ins Gefühl; dies bewusst tun und - irgendwo hinten im Kopf - auch kontrolliert: Das muss der Schauspieler leisten. Und zugleich sich selbst kennen: "So etwas wird in meinem Leben immer wieder passieren", nahm Woigk ihren Vortrag wieder auf, "und das muss ich aufnehmen, und ich versuche es zu integrieren."«

22.10.2014

Die Augen fühlen das Gewicht

Am 21. Oktober berichtete der Mannheimer Morgen über das 29. Mannheimer Filmsymposium:

 

»Marlon Brando ist entschuldigt – er starb leider schon 2004. Auch, dass Naomi Watts, wie Brando einer der im Filmsymposium angeführten Stars, nicht selbst im Cinema Quadrat vorbeischaut, kann kaum überraschen. Aber Michelle Pfeiffer ist vor Ort, „die deutsche Michelle Pfeiffer“ jedenfalls: Catherine Flemming. Joseph Vilsmaier hat ihr das Ehrenprädikat verliehen, und sie hat ihre Zerbrechlichkeit in Filmen wie „Der alte Affe Angst“ (von Oskar Roehler) oder „Cuba Libre“ (Christian Petzold) so unaufdringlich wie effektvoll eingesetzt.#

Der letztgenannte Streifen wird in Mannheim auch noch einmal im Begleitprogramm des mittlerweile 29. Symposiums mit dem Titel „Schauspielen im Film“ gezeigt. Er stammt von 1996. Flemming hatte damals ihren ersten großen Auftritt, und auch für den Regisseur war es ein frühes Werk. Aber die Kunst und Künstlichkeit des Christian Petzold ist schon voll entwickelt. „Ich war damals noch sehr unsicher“, gibt Flemming zu. Die manierierte, stilisierte Redeweise der Akteure habe sie zunächst verwirrt: „Ich habe die Figur verstanden, doch nicht ihre Sprache.“ Sie sei eher fürs „Authentische“, so problematisch dieses Wort auch sein möge.

Die Kunst der Improvisation

„In Frankreich ist der Drehbuchautor immer mit am Set – da hat man Zeit, da kann man Fragen stellen“, findet Flemming. Hierzulande sei das leider eher selten. Doch bei „Cuba Libre“, einer Aussteigergeschichte, sei zumindest Christian Petzold immer bestens präpariert gewesen – keiner dieser Regisseure, die nur sagen: „Mach mal.“ Also keiner mit Konsumhaltung. Im Übrigen verstehe sie sich auch auf Improvisation. In dieser Hinsicht helfe es, wenn man im „Osten“ aufgewachsen sei, in Chemnitz.

Später ging es freilich an die Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“. Diese Berliner Einrichtung war für ihr strenges Regiment bekannt und dafür, dass man hier die jungen Leute erst mal auseinandernahm, bevor man sie als Schauspieler wieder zusammensetzte. Eine Ausbildung als riesiges Disziplinarverfahren.

Flemming ließ sich freilich ihre Sensibilität nicht nehmen, und wenn sie für eine Rolle ein paar Pfunde zulegt, ändert das auch ihren Blick: „Ich kann in meinen Augen mein Gewicht fühlen.“ Ansonsten sehe sie „wahnsinnig gerne“ Filme, deshalb sitze sie so oft in Jurys. Demnächst auch beim Mannheim-Heidelberger Filmfest.

Hintergründe als Bereicherung

Flemming gibt sich beim Symposium nahbar, locker und ironisch. Ihre Jungkollegin Helen Woigk, bei der man viel Verletzlichkeit bemerkt, ist da natürlich weniger erfahren. „Referentin“ ist die Rolle, die sie noch nicht kennt. Ganz ungeschützt erteilt sie Auskunft, über ihr Geburtsdatum und ihre Sinti-Wurzeln, die ihr reizvoll „fremdländisches“ Aussehen vielleicht begünstigt haben. Türkinnen, Rumäninnen und Inderinnen spielt sie oft, noch sieht sie das Erforschen unbekannter ethnischer und kultureller Hintergründe als Bereicherung. Doch irgendwann will sie sich davon lösen. „Schauspielen ist nichts für Feiglinge“, heißt ihr Bericht, und das ist eine Anspielung auf einen ihrer Filme.

Sonst verläuft das 29. Symposium an drei Tagen in bewährten Bahnen. Peter Bär und seine Mitarbeiter haben nur insofern kleine Änderungen und Verbesserungen vorgenommen, als die Formen Interview und Werkstattbericht ein größeres Gewicht bekommen sollen. Filmkundlich fundierte Vorträge gibt es auch weiterhin, wie den von Marcus Stiglegger zum „Method Acting“ in Amerika, das die Erinnerung des Schauspielers an eigene Erlebnisse zur Basis hat. Nicht nur der große Marlon Brando kommt aus dieser Ecke. Auch Naomi Watts ist noch davon beeinflusst, allerdings nicht nur, wie Stiglegger erläutert: In der Casting-Szene aus „Mulholland Drive“ von David Lynch beherrscht sie auch das schnelle und spontane „Acting and Reacting“ virtuos. Das ist wieder eine andere, vom bekannten Lehrer Sanford Meisner propagierte Schauspielweise. Oder nur Watts’ Talent.«

Hans-Günter Fischer