Die aktuelle, 20. „Film & Kunst“- Staffel stellt sich einer besonderen inhaltlichen Herausforderung, denn alle ausgewählten Filme - von September 2018 bis Februar 2019 - stehen im Zeichen der großen Themenausstellung, die ab 12. Oktober in der Kunsthalle zu sehen ist. Unter dem Titel „Konstruktion der Welt: Kunst und Ökonomie“ verdeutlicht diese Themenausstellung erstmals den dramatischen Einfluss der Ökonomie auf die Kunst in einem weltweiten Vergleich und zeigt dies in der Gegenüberstellung zweier Epochen auf. Ökonomische Phänomene in der Klassischen Moderne der 1920/30er Jahre werden mit Fokus auf Deutschland, Russland und den USA reflektiert und künstlerischen Positionen der unmittelbaren Gegenwart gegenübergestellt. Hier ist der Ausgangspunkt für die Werkauswahl natürlich die globale Finanzkrise 2008, die die Wirtschaftssysteme in Amerika und Europa in ihren Grundfesten erschütterte und unsere Gegenwart nachhaltig beeinflusst. Das Programm von Film & Kunst mit einer Auswahl von preisgekrönten Dokumentarfilmen ermöglicht einen vertiefenden Blick auf das ökonomische Geschehen unserer Tage und fügt der Ausstellung unbedingt sehenswerte filmische Positionen hinzu.

In Einführungsvorträgen wird der jeweilige Bezug der Filme zur Sonderausstellung „Konstruktion der Welt. Kunst und Ökonomie“ hergestellt.

Waste Land

Waste Land

GBR/BRA 2010. R: Lucy Walker. Dokumentarfilm 102 Min. OmdtU. FSK: 0

Auf einer gigantischen Müllkippe am Rande der Mega-City Rio de Janeiro sortieren ganze Gruppen von Männern und Frauen in selbstständiger, schlecht bezahlter und nicht ungefährlicher Arbeit den Abfall von Millionen Menschen. Der international anerkannte brasilianische Fotograf Vik Muniz, selbst Sohn armer Leute aus São Paolo, hatte die Idee zu einem eigenwilligen Kunstprojekt: Er begann, mit ihnen gemeinsam berühmte Gemälde der europäischen (!) Kunstgeschichte aus Abfall nachzulegen – aus Plastikplanen, Drahtresten, Konservenbüchsen, Lumpen und Papierfetzen. In einer Lagerhalle wurden diese riesigen, beeindruckenden Müllcollagen nach Werken großer Meister der Malerei anschließend professionell von Muniz fotografiert, bevor die Fotos in einer Ausstellung gezeigt und zum Verkauf angeboten wurden. Der Erlös sollte den Müllsammlern, den „Catadores“, zu Gute kommen und ihre soziale Situation verbessern. Geht der Plan auf? Verhilft der bekannte Fotograf den auf der Müllkippe Arbeitenden zu einem menschenwürdigen Leben? Oder sind sie nur Teil eines medienwirksamen Projektes, mit dem Muniz sich selbst feiert?

Einführung: Dr. Dorothee Höfert

Ort: Cinema Quadrat

Do. 20.09.2018, 19:30 Uhr

Workingman’s Death

Workingman’s Death

UT/DEU 2005. R: Michael Glawogger. Dokumentarfilm. 122 Min. FSK: 16

Gibt es sie noch, die „Helden der Arbeit“? Michael Glawogger hat sich auf die Suche gemacht nach jenen Menschen, überwiegend Männern, die körperliche Schwerstarbeit im Bergbau, auf Werften oder in Schlachthöfen verrichten. Er begegnet Bergmännern in Minen der Ukraine, begleitet Schwefelarbeiter in Indonesien, filmt Arbeiter beim Zerlegen eines Supertankers in Indonesien und trifft chinesische Stahlarbeiter. In Deutschland findet er Arbeiter einer Hochofenanlage in Duisburg, die nun in einen Freizeitpark umgewandelt wird. Verschwindet die harte Arbeit allmählich, oder wird sie nur von Europa nach Übersee verlagert? Bei seiner Reise über die Kontinente denkt Glawogger über den Begriff der Arbeit nach und fragt sich, wie es gelingen kann, mit Hilfe des Mediums Film anstelle einer ideologischen Darstellung von Arbeit zunächst die pure körperliche Anstrengung sinnlich erfahrbar zu machen und erst darüber zu einer politischen und sozialen Haltung zu gelangen. Während etwa in der deutschen Nachkriegszeit körperliche Arbeit noch einen sehr hohen Stellenwert hatte, sieht die moderne Arbeitswelt, die stark von Automatisierung und von digitalen Prozessen geprägt wird, ganz anders aus. Michael Glawoggers Film fragt nach dem Wert körperlicher Arbeit und nach der Würde der „Helden der Arbeit“ von heute.

Einführung: Dr. Sebastian Baden

Ort: Cinema Quadrat

Do. 25.10.2018, , 19.30 Uhr

The Forgotten Space

The Forgotten Space

USA 2010. R: Allan Sekula, Noël Burch. Dokumentarfilm. 112 Min. OmdtU. FSK: k. A.

Kaum ein anderer Ort dieser Welt ist so geprägt von der Globalisierung der Arbeits- und Warenwelt wie ein Seehafen - denn hier befindet sich der Umschlagplatz für die gigantischen Warenströme, die durch die riesigen Containerschiffe quer über die Weltmeere transportiert werden. Allan Sekula und Noël Burch sensibilisieren mit ihrem Film die Aufmerksamkeit der Zuschauer für einen Ort, der für das Getriebe der Weltökonomie ganz wesentlich und dennoch den meisten Menschen ganz unbekannt ist. „The Forgotten Space“ zeigt die Menschen und den Betrieb in den Häfen von Rotterdam, Hong Kong, Los Angeles und Bilbao und ihre Verbindung durch ganz bestimmte Wirtschaftsmechanismen. Der Film ist beinahe eine Art Detektivgeschichte über die Wege des global agierenden Kapitals, präzise und poetisch von Sekula selbst erzählt. Besonders deutlich wird dabei die Rolle des Transportes unterschiedlichster Waren in standardisierten Containern, deren zunehmender Einsatz seit Mitte des 20. Jahrhunderts überhaupt erst ermöglicht, dass Märkte mit Waren geradezu überschwemmt werden.

Einführung: Dr. Sebastian Baden

Ort: Cinema Quadrat

Do. 08.11.2018,  19.30 Uhr

Vom Bauen der Zukunft – 100 Jahre Bauhaus

Vom Bauen der Zukunft – 100 Jahre Bauhaus

DEU 2018. R: Niels-Christian Bolbrinker, Thomas Tielsch. Dokumentarfilm. 95 Min. FSK: 0

1919 direkt nach dem Ende des Ersten Weltkriegs in Weimar vom Architekten Walter Gropius gegründet, ist das „Bauhaus“ immer schon mehr gewesen als nur eine fortschrittliche Kunstschule. Die Bauhaus-Lehrer, darunter Künstler wie Wassily Kandinsky, Paul Klee, Oskar Schlemmer, führten Handwerk und Kunst zusammen und entwarfen einen zukunftsweisenden Lehrplan, der die bis dahin getrennten Disziplinen Architektur, Malerei, darstellende Kunst und Design als künstlerische Einheit betrachtete. 1925 zog das Bauhaus nach Dessau. Der Schwerpunkt lag nun vermehrt auf der modernen Architektur. Die Prinzipien der seriellen, industriellen Fertigung und des Bauens für das Volk bestimmten die Entwürfe, deren Formensprache bis heute auf der ganzen Welt verbreitet ist. Die Strahlkraft der Bauhaus-Ideen reicht von den Hochhaussiedlungen der 1960er Jahre bis zu jüngsten Wohn- und Verkehrskonzepten, die sich an den Bedürfnissen der Menschen in südamerikanischen Favelas orientieren. Bauhaus als eine Haltung, die alle Lebens- und Arbeitsbereiche umfasst, steht für die Moderne schlechthin.

Einführung: Dr. Mathias Listl

Ort: Cinema Quadrat

Do. 13.12.2018, 19.30 Uhr

Master of the Universe

Master of the Universe

DEU 2013. R: Marc Bauder. Dokumentarfilm. 90 Minuten. FSK: 0

Die Bilder des Films ziehen unaufgeregt, dennoch eindrücklich vorüber: Es gibt Blicke in leere Büro-Räume eines Frankfurter Hochhauses, das Auf- und Ab eines Aufzuges wird von der Kamera beobachtet, ab und zu ist eine unbestimmte Ferne aus dem Fenster der ehemaligen Chef-Etage “ganz oben“ zu sehen. Dramatisch hingegen erscheinen die Ausführungen eines Insiders des Banken- und Börsenwesens, der im Film vorgestellt wird. Rainer Voss hantierte in seiner aktiven Zeit als Banker locker mit Millionen und berichtet präzise aus eigener Anschauung, wie es in der glitzernden Finanzwelt wirklich zugeht, von all ihren Abgründen, Skrupellosigkeiten und quasi-religiösen Gesetzmäßigkeiten. Vor allem macht er deutlich, welche Macht in den Händen der einzelnen Player dieser abgeschotteten Welt liegt, deren Gewinnstreben und Zocker-Mentalität die Wirtschaftssysteme ganzer Länder taumeln lassen. Der Film stellt Fragen nach Einsichten, nach Auflagen, nach Veränderungen im globalen Finanzgeschehen und lässt die Zuschauer desillusioniert zurück.

Einführung: Dr. Dorothee Höfert

Ort: Cinema Quadrat

Do. 24.01.2019, 19:30 Uhr

A Woman Captured – Eine gefangene Frau

A Woman Captured – Eine gefangene Frau

HUN 2017. R: Bernadett Tuzza-Ritter. Dokumentarfilm. 89 Minuten. OmdtU. FSK: k. A.

Der Film erzählt von Marisch, einer 52-jährigen Ungarin, die ein Jahrzehnt lang einer Familie dient - bei 20-Stunden-Arbeitstagen und ohne Arbeitslohn. Ihre Unterdrücker konfiszieren ihre Ausweispapiere, Marisch darf das Haus nur mit ausdrücklicher Erlaubnis verlassen. Sie wird behandelt wie ein Tier, erhält nur Essensreste und hat kein Bett zum Schlafen. Die ungarische Regisseurin hat diese Frau tatsächlich getroffen, hat ihr Leben zwei Jahre lang mit der Kamera dokumentiert, bis Marisch den Mut fasst, aus der Sklaverei auszubrechen. Der Global Slavery Index (Weltweite Erfassung von Sklaverei) aus dem Jahre 2016 schätzt, dass derzeit weltweit 45,8 Millionen Menschen von einer der Ausformungen moderner Sklaverei betroffen sind, davon 1,2 Millionen Männer und Frauen in Europa, also mitten unter uns… Dies beinhaltet Zwangsarbeit und häusliche Knechtschaft ebenso wie Prostitution. Diesen schier unerträglichen Sachverhalt zu zeigen ist nur ein Teil des Films, denn zugleich handelt er von einer Ermächtigung: Er zeigt eine Frau, die ein großes Risiko eingeht, flieht und die schrecklichen Dinge, die ihr widerfahren sind, hinter sich lässt.

Einführung: Dr. Thomas Köllhofer

Ort: Cinema Quadrat

Do. 21.02.2019, 19.30 Uhr