Ein Trickfilm für Cinema Quadrat

Unsere Mitarbeiterin Monika Hamryszak hat uns zum Abschied einen tollen Trickfilm-Trailer hinterlassen, den wir schon im Kino gezeigt haben. Auch unseren Homepage-Besuchern wollen wir ihn nicht vorenthalten.

Monika Hamryszak hat im Jahr 2013/2014 ein Freiwilliges Kulturelles Jahr bei uns absolviert. Sie ist künstlerisch tätig und arbeitet vor allem als Fotografin. Hier geht es zu ihrer Facebook-Seite.

14.11.2018

100 Jahre Novemberrevolution 1918

Auf vielfältigen Wunsch veröffentlichen wir den Vortrag, den Mia Lindemann am 09.11.2018 bei unserem Themenabend 100 Jahre Novemberrevolution im Cinema Quadrat gehalten hat.

 

Die Macht in den Händen von Arbeiter- und Soldatenräten, während eine jahrzehntelange dumpfe Herrschaft von Adel und Junkern, Militär und Großbourgoisie an einem Tag zusammenbricht! Das ist Revolution!

Dieser Tag ist ein Tag der Freude, und wir erinnern uns gerne daran! Denn die Massen hatten sich in jenem November 1918 erhoben, um endlich den Frieden durchzusetzen und um diejenigen, die ihnen das fürchterliche Kriegsjoch, die Militärdiktatur unter kaiserlichem Mantel, den Ausnahmezustand, den Hunger, das Fehlen aller staatsbürgerlichen Freiheiten (Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit) beschert hatten, hinwegzufegen. Die Massen, die Arbeiterklasse. Nicht unter der Führung einer Partei, sondern als spontaner Aufstand.

Die Arbeiterklasse war sozialdemokratisch und gewerkschaftlich geschult. Sie hatte über Jahrzehnte erlebt, wie durch den solidarisch geführten gemeinsamen Kampf Fortschritte zu erringen sind, wie sich ihre parlamentarischen Vertretungen verankerten und ihre Organisationen mächtiger wurden. Es gab immer auch Auseinandersetzungen, wie z.B. im Deutschen Metallarbeiterverband, auch hier in Mannheim, aber sie führten nicht zur Spaltung.

Das wurde anders mit dem Weltkrieg: Während vorher für Internationalismus und Frieden demonstriert worden war, beschlossen nun die Sozialdemokraten die Bewilligung von Kriegskrediten im Reichstag. Mit der Burgfriedenspolitik versprachen die Gewerkschaften den Verzicht auf Streiks und Lohnforderungen und akzeptierten die rabiaten Anforderungen der Kriegswirtschaft. Durch die Kriegssituation war das Deutsche Reich von seinen Rohstoff- und Lebensmittellieferanten bald abgeschnitten. Schon seit Beginn 1915 wurde die Lebensmittelversorgung rationiert. Die breite Masse der Bevölkerung war dauernd unterernährt. Nur Arbeiterinnen und Arbeiter in den Rüstungsbetrieben erhielten Lebensmittelzulagen. Der Schwarzmarkt blühte, die dünne Schicht der Kriegsgewinnler lebte gut.

Die Arbeiterklasse war selbstbewusst. Das schloss die Arbeiterinnen ein, die während des Krieges in großer Zahl sowohl in der Kriegs- als auch in der Friedensindustrie eingesetzt wurden. Arbeiter und Arbeiterinnen organisierten trotz des Verbots gemeinsame Streiks, Lohnbewegungen, aber auch politische Streiks wie den großen Januarstreik 1918 und bildeten an der Basis gemeinsame Räte oder Ausschüsse mehrheitssozialdemokratischer und unabhängiger Arbeiter_innen, während ihre Arbeiterorganisationen ständig bemüht waren, die Bewegung zu dämpfen.

Dies alles gilt auch für Mannheim als traditionelle SPD-Hochburg in einem als revisionistisch verschrieenen Landesverband.

Zum sozioökonomischen Hintergrund vor dem 1. Weltkrieg: Baden war damals ein agrarisch geprägtes Land. Fast 2/3 der Bevölkerung lebten in Dörfern. Es galt Realteilung und wegen der kleinbäuerlichen Struktur waren etwa 2/3 der landwirtschaftlich tätigen Familien auf Nebenerwerb angewiesen. Rund 1/3 der Belegschaften der Mannheimer Großbetriebe lebte auf dem Land, vor allem die un- und angelernten Arbeiter, während die Facharbeiter eher in der Stadt wohnten.

Auf dem Land wiederum war die katholische Volkspartei, das Zentrum, sehr stark. Bei den Reichstagswahlen, bei denen nur die Männer wählen durften, erhielt das Zentrum Anfang des Jahrhunderts die meisten Stimmen in Baden, erst vor dem Ersten Weltkrieg wurde es von den Liberalen überflügelt. Die SPD war vor allem in den Städten stark und in deren nächster Umgebung. D

er Reichstagswahlkreis Mannheim war der SPD seit 1890 fast durchgehend sicher. Sozialdemokratische Sportvereine, die Freireligiösen, die Naturfreunde – das sozialdemokratische Milieu war in den städtischen Arbeiterquartieren, Schwetzinger Vorstadt, Lindenhof, Jungbusch, Neckarstadt, Waldhof, aber auch Käfertal und Feudenheim, allumfassend organisiert. Und gerade hier in Mannheim hatte man besonders früh angefangen, in der Stadtverordnetenversammlung und im Stadtrat mitzuarbeiten, nämlich seit 1878.

Die Kriegspolitik der SPD und der Gewerkschaften riefen die Spaltung hervor. Im April 1917 meldete der Metallarbeiter Hermann Remmele die Gründung einer USPD-Ortsgruppe beim Bezirksamt Mannheim an. Beim Januarstreik 1918 mit rund 15.000 Streikenden wurde der Streikausschuss schon paritätisch aus MSP und USP gebildet. Gemäßigte USP-Sprecher forderten gemeinsam mit den Mehrheitssozialdemokraten, man dürfe das Vaterland nicht den annexionslüsternen Feinden überlassen, forderten aber die Ablehnung der Kriegskredite. Weitere Forderungen bezogen sich auf die Einführung der parlamentarischen Demokratie und der staatsbürgerlichen Freiheiten sowie auf die Verbesserung der Ernährungslage. Zu dieser Zeit war Hermann Remmele schon wieder eingezogen.

Wer war dieser Hermann Remmele? (Ich gehe auf seine Biografie ein, weil er und sein Bruder Adam in Baden und im Reich eine nicht unbedeutende Rolle spielten. Sie repräsentierten die beiden Flügel der Arbeiterbewegung) 1880 als Sohn eines Hilfsmüllers in Ziegelhausen geboren, machte Hermann eine Lehre als Eisendreher in Ludwigshafen und trat wie sein älterer Bruder Adam früh in die Gewerkschaft und die SPD ein. Über die Jugendorganisation bekam er Kontakt zu Karl Liebknecht und war auf der Parteischule in Berlin 1907/1908, als Rosa Luxemburg dort Dozentin war. 2 Jahre später begegnen wir ihm in Mannheim als Organisator des parteiinternen oppositionellen Karl-Marx-Clubs, der gegen die revisionistische badische SPD-Führung auftrat. Streitpunkt waren die Bündnisse mit bürgerlichen Parteien im Landtag. Seit dem 1. August 1914 war er im Krieg.

In den Monaten vor der Revolution warnten Gewerkschaften und SPD die Arbeiter, auf keinen Fall zu streiken oder zu demonstrieren. Mal war die Begründung, den kämpfenden Truppen nicht in den Rücken zu fallen, mal war es die Warnung vor dem Chaos einer bolschewistischen Revolution nach russischem Muster. Wurden einerseits solche Anweisungen strikt befolgt, gab es andererseits auch immer wieder Belegschaften, die ausscherten, wie z.B. BBC mit anarchosyndikalistischen Kampfformen, wie sie in Mannheim immer mal wieder gebraucht wurden, d.h. sie setzten ihre Forderungen unmittelbar durch.

Am 5. November tauchten in Straßenbahnen und Arbeiterpendlerzügen Flugblätter mit der Aufforderung auf, Arbeiter- und Soldatenräte zu bilden mit der Parole: Es lebe die sozialistische Republik!

Anton Geiß, Vorsitzender der Mannheimer und der badischen Sozialdemokratie, berichtete später: „In diesen Tagen hat sich in Mannheim unter der Arbeiterschaft eine gewaltige Gärung gezeigt, namentlich in Fabriken von Benz, Lanz u.a., welche Tausende von Arbeitern beschäftigen, die sich mit Politik betätigen und von Werkstatt zu Werkstatt gehen, von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz. Wir haben gefunden, dass die radikalen Elemente daran sind, einen Generalstreik vorzubereiten, und zwar deshalb, weil in Baden nichts geschehe“, während im Reich bereits die Demokratisierung eingeleitet werde.

Soldaten ergriffen auch in Mannheim am 9. November die Initiative und besetzten Bahnhof, Post und Rathaus, verhandelten mit dem Generalkommando und versicherten sich, dass dieses nicht eingreifen würde. Sie gründeten mit Mitgliedern der USPD einen vorläufigen Arbeiter- und Soldatenrat, während die Mannheimer Mehrheitssozialdemokraten einen Wohlfahrtsausschuss mit Vertretern aller Parteien und Gewerkschaftsfunktionären ins Leben riefen, wie ihre Karlsruher Genossen. Die Karlsruher bildeten dann am nächsten Tag auch gleich eine vorläufige Volksregierung für Baden aus Mitgliedern der MSP und der bürgerlichen Parteien. Damit hatten nur Baden und Württemberg eine aus sozialdemokratischen und bürgerlichen Parteien gemischte vorläufige Volksregierung. Als Ministerpräsident wurde in Baden Anton Geiß gewählt.

In Mannheim war jedoch am 10. November der Wohlfahrtsausschuss von der Bühne verschwunden, stattdessen wurden vormittags Vertrauensleutewahlen zum Arbeiter- und Soldatenrat abgehalten, nachmittags tagte dieser zum ersten Mal: 25 Mehrheitssozialdemokraten, 25 Unabhängige als Delegierte der Arbeiter und 20 Soldaten. Die einstimmige Entschließung dieser ersten gemeinsamen Sitzung lautete: „Der Arbeiter- und Soldatenrat der Stadt Mannheim schlägt den (…) Arbeiter- und Soldatenräten der größeren badischen Städte vor, sofort die nötigen Schritte zu tun, um Baden als sozialistische Republik zu proklamieren und die Bildung einer Volksregierung in die Wege zu leiten. Der AuSR gibt sich der Überzeugung hin, dass die seitherigen Regierungsstellen im Geiste der neuen Formen ihre Geschäfte weiterführen werden, natürlich unter Kontrolle und Aufsicht der berufenen Organe des AuSR.“ Der AuSR wählte einen Militärbefehlshaber und einen Vollzugsrat, dem 3 Mehrheitssozialdemokraten, 3 Unabhängige und 4 Soldaten angehörten. Hermann Remmele rückte noch am Nachmittag nach, weil einer der Gewählten, Adolf Schwarz, Minister der USP in Karlsruhe wurde.

Der Vollzugsausschuss veröffentlichte am 12. November folgende Bekanntmachung: Die staatlichen und städtischen Behörden in Mannheim arbeiten unter der Aufsicht des AuSR. Sie sind nunmehr im Namen des Volkes tätig. Ihren Anordnungen ist Folge zu leisten.(…) Eine Unterbrechung der Verwaltungstätigkeit und der Rechtspflege treten nicht ein.

Der AuSR sah es zunächst als seine Aufgabe an, für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Angesichts der enormen Aufgaben, die zu bewältigen waren, Truppendurchmärsche (Rückzug der Westfront), Entwaffnung und Verpflegung der Soldaten, Lebensmittelversorgung der Bevölkerung, Wohnungsnot – war die Zusammenarbeit mit den Behörden notwendig. So erledigte man quasi als Hilfsorgan der Verwaltung deren Aufgaben mit. Allerdings konfliktfrei war die Praxis des Arbeiterrats nicht. So beschlagnahmte er regelmäßig Lebensmittel in Betrieben und bei Vermögenden, griff bei der Verteilung von Heizmaterial und Wohnungen ein, auch gegen die Anweisungen mehrheitssozialdemokratischer 5 Führungen, der badischen Landeszentrale der Arbeiterräte und des Zentralrats der Arbeiter- und Soldatenräte in Berlin.

Ab 30. November lag Mannheim in der entmilitarisierten Zone, Soldaten durften sich hier nicht mehr aufhalten. Daher schieden die Soldaten aus dem AuSR aus, er hieß fortan Arbeiterrat. Vorsorglich hatte der Arbeiter- und Soldatenrat zuvor bereits eine Volkswehr gebildet, 300 ausgesuchte Genossen und weitere 700 Schutzmänner, die der Polizei angegliedert wurden.

Noch im November hatte der Mannheimer AuSR die badischen Arbeiter-, Soldaten- und Volksräte zu einer Landesversammlung am 21./22. November nach Mannheim eingeladen. Hier erschienen über 1000 Delegierte aus 70 Orten. Sie erklärten sich zum Vorparlament der freien Republik Baden (nicht: der sozialistischen!) und wählten einen Landesausschuss der Arbeiterräte, der aus MSP und USP bestand, daraus wurde eine 3-köpfige Landeszentrale gewählt, die nur aus Mehrheitssozialdemokraten bestand und als Kontrollorgan der vorläufigen Volksregierung fungieren sollte. Ihr gehörte Adam Remmele an, der ältere Bruder von Hermann. Adam Remmele war Stadtrat der MSP in Mannheim und Redakteur der Volksstimme. Er machte sich mit seinen beiden Kollegen aus Heidelberg und Pforzheim dafür stark, den Einfluss der Arbeiterräte zu begrenzen und ihnen unbefugte Eingriffe in die Tätigkeit der Verwaltungen zu untersagen. Eine am 21. November ebenfalls angesetzte Volksversammlung in Mannheim ergab ein klares Votum für die schleunigste Ausschreibung von Wahlen zur badischen Nationalversammlung, die bereits am 5. Januar, also vor den Wahlen zur reichsweiten Nationalversammlung stattfinden sollte. Die badischen Arbeiter- und Volksräte (Fast alle hatten sich in Volksräte umbenannt) sahen sich nicht im Gegensatz zur Nationalversammlung. Lediglich der linke Flügel der USP, vertreten durch Hermann Remmele verlangte wenigstens eine zeitliche Verschiebung, wurde aber nicht gehört. Mit der Wahl zur Nationalversammlung sollten die Räte aufgelöst werden, tatsächlich wurden sie im Spätsommer 1919 aufgelöst.

Die Bindung der mehrheitssozialdemokratischen Arbeiter an ihre Partei hielt noch recht lange: bei den Wahlen zur badischen verfassunggebenden Nationalversammlung am 5. Januar erzielte sie in Mannheim 50,6 % der Stimmen (fast 50.000 Wähler und Wählerinnen gaben ihr die Stimme), die USPD kam nur auf 4,9 % der Stimmen (fast 5.000), in Baden insgesamt auf nur 1,5 %. Insgesamt kamen die bürgerlichen Parteien in Baden auf eine Zweidrittelmehrheit in der badischen Nationalversammlung.

Die Mehrheitssozialdemokratie konnte die Mannheimer Arbeiter und Arbeiterinnen am 6. Januar zu einer Massendemonstration gegen den angeblichen Putschismus des Spartakusbundes mobilisieren. 50.000 nahmen an dieser Demonstration teil. Polizeipräsident Eichhorn in Berlin hatte sich geweigert, gegen die Volksmarinedivision vorzugehen und wurde dafür im Januar entlassen. Das führte zu den Massendemonstrationen und Protestaktionen ab 5. Januar in Berlin, die als Spartakusaufstand in die Geschichte eingegangen sind (obwohl der Spartakusbund nur einer der Beteiligten war), dann von Gustav Noske und den inzwischen gebildeten reaktionären Freikorps niedergeschlagen wurde.

Am 15. Januar wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet. An den darauf folgenden Trauerumzügen und Protestdemonstrationen am 17. Januar und am 7. Februar beteiligten sich die Mannheimer Arbeiter zu Tausenden, auch die mehrheitssozialdemokratischen, wie Adam Remmele schreibt. Von hier an wendete sich das Blatt. Unterstützt durch eine eigene Zeitung, die „Tribüne“, deren Redakteur Hermann Remmele war, konnten die Unabhängigen einen Aufschwung verzeichnen. Auch die zum Jahreswechsel gegründete KPD war nun präsent. Noch war sie politisch sehr heterogen. So wurde in ihrer Zeitung „Die Rote Fahne“ 1919 noch regelmäßig für Veranstaltungen der anarchosyndikalistischen „Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften“ geworben. Aber auch die USP kannte da keine Berührungsängste: Für den 21. Februar hatte sie zu einer Großkundgebung in den Rosengarten eingeladen mit dem Hauptredner Erich Mühsam, dem anarchistischen Dichter und Aktivisten. Über 6.000 Menschen im überfüllten Rosengarten wurden Zeuge, wie Mühsam ein Zettel hingeschoben wurde, er bleich wurde und dann schrie: „Genossen, vor wenigen Stunden ist Kurt Eisner in München ermordet worden!“ Die USP, die auch die Leitung des Metallarbeiterverbandes innehatte, rief zum Generalstreik auf, der auch von den mehrheitssozialdemokratischen Arbeitern befolgt wurde, und zur Kundgebung am darauffolgenden Tag. Die Berichte über die Teilnehmerzahlen schwanken zwischen 10.000 und 30-40 Tausend. Hermann Remmele appellierte an die Arbeiter, die Novemberrevolution zu vollenden, der Redner der KPD forderte die Arbeiter auf, die Betriebe in ihre Hand zu nehmen und sich zu bewaffnen, die Syndikalisten riefen zur direkten Aktion auf. Schließlich wurde die Räterepublik proklamiert!

Im Anschluss daran zog ein kleiner Teil der Demonstranten, etwa 1.000, zum Schloss und stürmte Gericht und Gefängnis, befreite die Gefangenen, warf Akten und Großherzogsbilder auf die Straße, auch die bürgerlichen Zeitungen und die Volksstimme wurden besetzt. Ein revolutionärer Arbeiterrat setzte sich als Oberste Behörde ein und verbot Plünderungen und sonstige Straftaten und verhängte das Standrecht.

Aber diese Räterepublik dauerte keine 24 Stunden. Mehrheitssozialdemokraten und gemäßigte Unabhängige verhandelten bereits über die Wiedereinsetzung des vorherigen Arbeiterrats und es endete damit, dass im Vollzugsausschuss nun die Mehrheitssozialdemokraten die Mehrheit hatten mit 5 Sitzen, die Unabhängigen nur noch 3 und die KPD einen Sitz erhielt.

Es kam im Anschluss auch noch zu einer bewaffneten Auseinandersetzung zwischen Mehrheitssozialdemokraten und Linken um das besetzte Gebäude der Volksstimme. Dabei kam der Leiter der Konsumgenossenschaft Jakob Müller, Vater von 6 Kindern, ums Leben.

Die badische Regierung verhängte sofort den Belagerungszustand und forderte die Verbände an, die zur Aufstandsbekämpfung auch schon im Ruhrgebiet eingesetzt worden waren: das berüchtigte Freikorps Pfeffer stand bei Seckenheim, wurde aber glücklicherweise nicht eingesetzt, da Mannheim ruhig sei, hieß es. Die Vereinigung der Angestellten kabelte an die Regierung ihren Protest gegen die Vergewaltigung der Stadt Mannheim durch den Militarismus.

Eine wohl von der USP angetriebene Einigungsbewegung des Proletariats in den Betrieben im März 1919 wählte einen aus MSP, USP und KPD besetzten Aktionsausschuss, der ein Programm erstellte, das in den Betrieben in „unzähligen Massenversammlungen“ – so die Tribüne – abgestimmt worden sei. Hier forderte man die gesetzliche Verankerung der Arbeiter-, Soldaten-, Betriebs- und Wirtschaftsräte, die Auflösung der Freiwilligenkorps und Bildung einer revolutionären Arbeiterwehr und die Beschleunigte Vergesellschaftung der gesamten Gütererzeugung, des Großgrundbesitzes, der Bergwerke, Verkehrseinrichtungen und Schiffahrtsgesellschaften, die sofortige Sozialisierung der dafür reifen Betriebe. Diese Sozialisierungsforderung, die eigentlich eine Kernforderung der Revolutionäre war, wurde in Baden kaum diskutiert.

Ein Jahr später, als es um die Abwehr des rechtsradikalen Kapp-Putsches ging, wurde wieder ein revolutionärer Arbeiterrat gegründet, jetzt wurden revolutionäre Betriebsräte gewählt und die großen Betriebe in Mannheim wirklich besetzt: ein letzter ernsthafter Versuch, die Revolution doch noch fortzusetzen, in dem sich die Arbeiter die Produktionsmittel aneignen wollten. Aber auch dieser Aufstand scheiterte daran, dass die Revolutionäre in der Minderheit waren, dass sie in Südwestdeutschland isoliert waren und die militärische Überlegenheit der Gegenseite gesichert war. Inzwischen sorgte auch Adam Remmele als badischer Innenminister dafür, dass die Revolutionäre nicht mit Waffen versorgt wurden.

Obwohl die Arbeiterklasse die Einheit wollte, nahm die Spaltung zu: Bei den Reichstagswahlen im Juni 1920 fiel in Mannheim der Anteil der SPD von 50 % auf 30 %, der Anteil der USPD stieg auf 20,6 %.

Ihr wisst den Fortgang der Geschichte: Im Herbst 1920 wechselte der linke Flügel der USPD in die KPD und die KPD wuchs in der Weimarer Republik in Mannheim noch kräftig an; am Ende der Weimarer Republik war sie stärker als die SPD, und beide zusammen hätten die Nazis in die Schranken weisen können.

Was wurde aus unseren Protagonisten? Hermann Remmele rückte gleich ins ZK der KPD auf, war auch Vorstandsmitglied des EKKI, und blieb im ZK bis 1932, emigrierte in die Sowjetunion und wurde dort im Zuge der Stalinschen Säuberungen 1939 erschossen, sein Sohn Helmut bereits ein Jahr vorher.

Adam Remmele war bis 1931 in der badischen Regierung, teils als Staatspräsident, teils als Innenminister, teils als Justizminister. Die Nazis brachten ihn in einer Schaufahrt zusammen mit Ludwig Marum ins KZ Kislau, aus dem er – im Ggs. zu Marum - nach einem Jahr wieder frei kam. Er überlebte in Hamburg. Marum, als Sozialist und Jude, wurde erhängt.

Beide Brüder waren zeitweise Reichstagsabgeordnete und wurden dort als die feindlichen Brüder bezeichnet. Sie sollen sich nicht mal gegrüßt haben.

Aber zurück zur Novemberrevolution:

Was waren nun eigentlich die Haupt-Konflikte, die das Scheitern der Novemberrevolution aus der Sicht der Linken bedingten?

Zunächst war die Frage: Räte- oder parlamentarische Republik? Die Linken wollten, dass die politische, militärische und ökonomische Macht bei den Arbeiterräten liegen sollte. Das schien am Anfang auch der Fall zu sein. Aber die Räte entmachteten sich selbst, in dem sie die sofortige Wahl einer Nationalversammlung beschlossen. Die Mehrheitssozialdemokraten wollten die parlamentarische Demokratie, eine soziale Republik und keine sozialistische Räterepublik. Das Gespenst bolschewistischer Diktatur wurde an die Wand gemalt. Auf der Führungsebene der Parteien verquickten sich sozialdemokratische gegenrevolutionäre Ordnungsvorstellungen mit reaktionären adligen und bürgerlichen Interessen; das führte zum gemeinsamen Ziel, die Revolution niederzukämpfen, führte zum blutigen Regime der Freikorps und zur Niederwerfung aller Aufstände, die die weitergehenden Ziele der Revolution durchsetzen wollten.

Ich halte es für zu kurz gegriffen, die Ursache in fehlender Aufklärung der Massen über den Charakter des bürgerlichen Parlamentarismus zu suchen. Denn die mehrheitssozialdemokratischen Funktionäre hatten durch jahrelange Mitarbeit in Gemeinderäten und Landtagen oder dem Reichstag längst ihren Frieden mit diesen politischen Formen geschlossen, sie wollten lediglich ihre Demokratisierung.

Kernforderung der Linken war neben der politischen Macht die Sozialisierung jedenfalls der dafür reifen Industrien, des Bergbaus und des Bankensektors, wobei hier von verschiedenen Gruppen Verschiedenes gefordert wurde. Die Führung der SPD und der Freien Gewerkschaften hatten sich mit der OHL und der Schwerindustrie darauf verständigt, die Sozialisierung zu verhindern. Und so war auch die eingesetzte Sozialisierungskommission eigentlich eine Kommission zur Verhinderung der Sozialisierung.

Eine weitere Kernforderung war die Demokratisierung des Heeres und der Marine. Das Gegenteil hatte Ebert Gröner zugesagt. Aber es wäre kein Hindernis gewesen, wenn die revolutionären Massen stark genug gewesen wären.

So war letztlich die Errungenschaft der Novemberrevolution eine demokratische Republik, die aber die reaktionäre Herrschaft der Militärs, der Junker, der Großindustrie und den rechtsradikalen Nationalismus bei ihrer Entstehung, in der Revolution, nicht nachhaltig in die Schranken verwiesen hatte und von daher von Geburt an gefährdet war.

Auf der Ebene marxistischer Theorie können wir sagen, ja, Freiheit und Gleichheit entstehen in der Sphäre der Zirkulation, des Marktes, und sind nur Schein, weil sie das Kapitalverhältnis verstecken, aber sie sind notwendiger Schein. Sklavenarbeit ist unproduktiv, erst der freie Verkäufer seiner Arbeitskraft kann Mehrwert und letztlich Profit liefern.

In der sozialistischen Gesellschaft wird der Mehrwert nicht mehr privat angeeignet, sondern gehört allen. Dennoch setzt das das freie Individuum voraus. Und so gehören – zumindest nach meiner Meinung diese Dinge zusammen: Keine Demokratie ohne Sozialismus – kein Sozialismus ohne Demokratie!

30.10.2018

Ausgezeichnetes Kinoprogramm!

Zum dritten Mal in Folge erhält das Cinema Quadrat einen Kinopreis des Kinematheksverbundes

 

In der Kategorie "Kino, das bildet" wird das Cinema Quadrat Mannheim in diesem Jahr zum dritten Mal in Folge mit einem zweiten Preis bei den Kinopreisen des Kinematheksverbundes ausgezeichnet. Die Preise werden bundesweit für herausragende Kinoprogramme in der kommunalen Kinoarbeit im Jahr 2017 vergeben und am Freitag, 26.10., in Berlin verliehen.

"Mannheim ist eine schwierige Kinostadt, und über Jahre war auch der Standort mehr als problematisch", so begründet die Jury den Preis für das Cinema Quadrat, "doch die Macher*innen des Cinema Quadrat haben sich nicht unterkriegen lassen. Ihr Filmsymposium '3D – Eine weitere Dimension?', das Akira Kurosawa gewidmete Filmseminar in der Reihe 'Psychoanalyse und Filmtheorie', die Reihe 'Propaganda im NS-Kino' oder die 'Agenda-21-Kinowoche' verschafften dem Kino diesen Preis."

Die genannten Reihen wie auch das Kinoprogramm des Cinema Quadrat überhaupt wäre nicht möglich ohne viele Kooperationspartner wie auch ohne den außerordentlichen Einsatz der ehrenamtlichen Mitarbeiter. Ernst Gramberg, Erster Vorsitzender von Cinema Quadrat e.V., des Trägervereines des Kommunalen Kinos, bedankt sich ausdrücklich bei allen Mitwirkenden am Programm: "Die grandiose Teamarbeit über ein ganzes Jahr hat dankenswerterweise wieder dazu geführt, dass unser Kino mit einem renommierten Preis ausgezeichnet wurde."

05.06.2018

„Feuerbrand“ im Cinema Quadrat: Vom Sidewalk ins Kino

Die Buschtrommel - Zeitung für den Jungbusch berichtet in ihrer Ausgabe 1/2018 über die Vorführung des Films "Feuerbrand" im Cinema Quadrat.

 

„Wir bringen die Stimme des Viertels auf die Bühne“ – und nun als Theaterdokumentation auch ins Kino.

Lange hatte die Theatergruppe der Creative Factory mit der Regisseurin Lisa Massetti über ihr nächstes Stück diskutiert. Um die Veränderung des Stadtteils sollte es gehen, ein Thema, das jeden der jungen Schauspielerinnen und Schauspieler direkt oder indirekt betrifft und bewegt; auch Interviews mit Bewohnern wurden geführt – „es war eine wichtige, intensive und emotionale Prozessarbeit“, so Lisa, an deren Ende schließlich das Stationenstück „Feuerbrand“ stand. Projiziert auf das Thema Gentrifizierung mit all seinen Facetten und den Folgen für den Stadtteil und seine Bewohnerinnen und Bewohner, befasst sich das Stück, wie Schillers Original „Kabale und Liebe“, mit Ungleichheit und Ungerechtigkeit.

Anders als im Theaterstück, beginnt die Doku mit einem Schwenk auf ein Werbeschild am Eingang zur Jungbuschstraße mit der Aufschrift „Wir bringen Leben in die Stadt“. Die Jungbuschtraße, die mit ihren hippen Bars zugleich Verbildlichung der begonnenen Gentrifizierung ist, ist die erste Station des Theaterstücks. Und dort ist wirklich viel Leben, viel Diskussion, sind viele Emotionen. Der Dokumentation gelingt es gut, die Lebendigkeit, die Diskussionen und die Emotionen der Jungbuschstraße zu vermitteln, obwohl sie die Atmosphäre nicht immer eins zu eins einzufangen vermag.

Das muss die Film-Doku aber auch nicht – der Film will ja gerade nicht in Konkurrenz zum Stück treten; das Ziel dabei war und ist, betont Produzent Mario Di Carlo, diese „wunderbare Arbeit aus dem Jungbusch herauszutragen“, das Erlebnis auch anderen zugänglich zu machen, die nicht bei den beiden Aufführungen im Sommer letztens Jahres dabei sein konnten. Dem Filmemacher, der schon seit 20 Jahren u.a. filmische Dokumentationen von Theateraufführungen produziert, geht es darum, zu „konservieren“. Einmal mehr ist ihm das gelungen.

Zur Premiere sind auch einige der Schauspieler gekommen. Noch einmal wurde hier ihre Leistung gelobt, noch einmal diskutieren sie, kommentieren ihr Stück, den Schaffensprozess und beantworten, zusammen mit Lisa und Mario, Fragen aus dem Publikum.

Man merkt, dass sie nicht nur stolz auf ihr Stück, ihre Leistung und ihre Arbeit, die dahinter steckt, sind, sondern auch auf ihren Beitrag, den sie mit der Doku für ihren Stadtteil leisten.

08.05.2018

Wenn der Jungbusch zur Theaterbühne wird

Am 17.04.2018 bereichtete die Rhein-Neckar-Zeitung über die Vorführung von "Feuerbrand" im Cinema Quadrat.

 

Von Stefan Otto

Mannheim. Der ganze Jungbusch ist eine Bühne. Die Akteure ziehen durch die Straßen des Stadtteils und die Zuschauer folgen ihnen. Regelmäßig darunter ist auch der Mannheimer Filmemacher Mario Di Carlo. "Feuerbrand", seine Aufzeichnung des Geschehens im vergangenen Sommer, hatte nun Premiere im Mannheimer Cinema Quadrat. Seine Dokumentation trägt denselben Titel wie die Inszenierung, die im Juli 2017 durch den Jungbusch führte. "Feuerbrand" war als Schauspiel eine freie Bearbeitung des Dramas "Kabale und Liebe" von Friedrich Schiller.

Regisseurin Lisa Massetti verlegte den klassischen Stoff um Liebe, Intrigen und den Konflikt der Stände in den Jungbusch unserer Zeit, in ein Viertel, das sich seit einigen Jahren vom sozialen Brennpunkt zum hippen Ausgehquartier entwickelt. Massettis ganz heutige Inszenierung machte die einsetzende Gentrifizierung, den Wandel im Immobilienmarkt, die einseitige Profitorientierung und die damit verbundenen sozialen Ungerechtigkeiten zum Thema. Gespielt wurde an sehr urbanen Orten: im Gemeinschaftszentrum, in der Beil- und in der Hafenstraße, in Hinterhöfen, vor Mauern und auf Laderampen. Mitten im Jungbusch, den vertrauten Straßen der jungen Schauspieler, die selbst im Viertel wohnen.

Die Verdrängung in ihrem Lebensumfeld betrifft sie unmittelbar. Deshalb ist es ihnen ein Anliegen, die Folgen der avisierten Aufwertung des Quartiers auf die Bühne zu bringen und dabei verschiedene Aspekte aufzuzeigen: die Bedeutung von Spekulationen, die Zerstörung sozialer Gefüge, die Konsequenzen für lang ansässige Familien oder den zu befürchtenden Verlust von Heimat.

Schillers Luise Millerin heißt in "Feuerbrand" Meriyam (gespielt von Tuba Ibis). Ihr Vater betreibt eine Musikschule im Jungbusch, die den geplanten Sanierungsmaßnahmen zum Opfer fallen soll. Ausgerechnet der Vater ihres Geliebten Ferdinand (Burak Hössoz) verantwortet diesen Plan. Ferdinand selbst wäre bereit, aus seiner Welt auszubrechen und mit Meriyam ein neues Leben zu beginnen. Sie dagegen gerät immer mehr zwischen die Fronten. Sie liebt Ferdinand, fühlt sich aber auch ihrem alten Vater verpflichtet.

Gemeinsam mit ihren Darstellern hat Lisa Massetti "Kabale und Liebe" der Situation in Mannheim angepasst. Bereits seit 25 Jahren arbeitet die Theaterpädagogin im Jungbusch. In der Jugendkulturwerkstatt Creative Factory inszeniert sie Theaterstücke mit überwiegend jungen Laienschauspielern, mehrheitlich mit türkischem und italienischem Migrationshintergrund. Ihr geht es darum, die Teilnehmer, Akteure wie Zuschauer, für die angesprochenen Themen zu sensibilisieren. "Wir bringen die Stimme des Viertels auf die Bühne", sagt sie bei der Vorstellung von "Feuerbrand" im Cinema Quadrat.

Ihre bewährte Form des Sidewalk- oder Stationen-Theaters, das die Zuschauer durch die Straßen und über die Plätze des Quartiers führt, bietet den geradezu idealen Rahmen dafür, dass sich die Besucher ein eigenes Bild von der Situation machen können. "Die Atmosphäre ist sehr schwierig einzufangen", meint Mario Di Carlo, "aber ich denke, so ein Film kann die Aufführungen konservieren und auch über den Stadtteil hinaustragen". Schon seit einigen Jahren begleitet er die Open-Air-Aufführungen mit seiner Kamera. 2009 hat er mit "Heimspiel" eine sehr anschauliche Dokumentation über den Prozess einer Inszenierung im Jungbusch gedreht, die auch beim Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg zu sehen war.

18.03.2018

Drei dreidimensionale Tage

Am 16.02.2018 berichtete Die Rheinbpalz über ds 32. Mannheimer Filmsymposium.

 

Von Stefan Otto

„Star Wars: Die letzten Jedi“, „Ich – Einfach unverbesserlich 3“ oder „Die Schöne und das Biest“ hießen die erfolgreichsten 3D-Filme des vergangenen Jahres.Vorwenigen Jahrenwar es das Weltraumepos „Avatar – Aufbruch nach Pandora“, das demdreidimensionalen Film einen großen Aufschwung bescherte. „3D - Eineweitere Dimension?“ fragten nun, beim32. Mannheimer Filmsymposium, interessierte Kinogänger, Filmschaffende und -wissenschaftler imCinemaQuadrat.

Eröffnet wurde die dreitägige Veranstaltung mit dem kurzen Animationsfilm„ Virtuos virtuell“, der zweidimensional beginnt und, insofern der Betrachter die entsprechende Brille trägt, zusehends räumlicher erscheint: Zur Ouvertüre von Louis Spohrs Oper „Der Alchymist“ tanzen da schwarze Pinselstriche und Tuscheklecksemiteinander und bringen scheinbar in ihrem Wogen, Hüpfen, Drängen, Wachsen und Schwinden gleichsamverschiedenste Emotionen zumAusdruck.

„Avatar“, „Kubo – Der tapfere Samurai“, „Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger“ und „Hugo Cabret“ waren weitere Filme, die imVerlauf des Symposiums stereoskopisch zu sehen waren. Gerade letzterer, Martin Scorseses große Feier derMechanik, derMagie und des frühen Kinos, verwiesmit einem Zitat aus dem berühmten Lumière-Filmeines einfahrenden Zuges darauf, dass räumliches Sehen schon von Beginn an zur Geschichte des Kinos gehört.

Wie viele Jahrhunderte früher schon in der Geschichte der Malerei Raumillusion erzeugt und Plastizität suggeriertwurde, zeigte der Tübinger Kunsthistoriker Ralf Michael Fischer in seinem Vortrag „Von der Linearperspektive zum filmischen Raum“. In den 1420er Jahren erstellt, giltMasaccios Fresko „Dreifaltigkeit“ in der Kirche SantaMaria Novella in Florenznende Bild, bei dem die Gesetze der Perspektive präzise angewandt sind. Von hier schlug der Referent einen weiten Bogen bis zumexplizit „flächigen“ Frühwerk Rainer Werner Fassbinders. „Film wirkt weder als reines Raumbild noch als reines Flächenbild, sondern als ein Ineinander von beidem. Filmbilder sind zugleich flächig und räumlich“, zitierte er den deutsch-amerikanischen Kunst- und Medienwissenschaftler Rudolf Arnheim(„ Filmals Kunst“).

Einen ausführlichen Vortrag über die Geschichte der stereoskopischen Fotografie und des 3D-Films hielt der Direktor des FilmmuseumsMünchen, Stefan Drößler. Er legte dar, wie bereits in derMitte des 19. Jahrhunderts mit einer Doppelkamera aufgenommene Fotos, die durch ein Stereoskop betrachtet wurden, äußerst populär waren.

Immer ging es darum, dass dem rechten und dem linken Auge das jeweilige Teilbild separat zugeführt wird. Entweder mittels kleinerer Betrachter, dieman sich vor Augen hielt, oder größerer Guckkästen mit zwei nebeneinander angebrachten Linsen, in die man hineinschaute. Letztere wurden zu Vorformen des Kinos: Sie ermöglichten die Kombination von Bilderpaaren zu ganzen Serien, die durch Kurbeln oder Motoren gesteuertwurden.

In den 1930er und 1940er Jahren feierten kurze 3D-Werbefilme auf den Weltausstellungen in New York und San Francisco Erfolge. 1941 eröffnete in Moskau dann das erste brillenlose 3D-Kino. In den frühen 1950er Jahren kamen insgesamt 49 3D-Filme in die US-amerikanischen Kinos. Später schwappten weitere Wellen von 3D-Filmen auf die Kinoleinwände, meist Abenteuer-,Horroroder Softpornofilme, die den 3DRaumeindruck alsAttraktion nutzten. „Space Hunter – Jäger im All“, „Alles fliegt dir umdieOhren“ oder „Liebe in drei Dimensionen“, lauteten einschlägige Titel.

Die digitale Postproduktion und die Digitalisierung der Kinos schuf dann nach einer Durststrecke die Voraussetzung für eine deutliche Verbesserung der Produktion und Vorführung von 3D-Filmen. In Mannheim gaben der Kameramann Marcus Zaiser und der Visual-Effects-Producer Sebastian Leutner Werkstattberichte über die heutige Arbeit mit 3D am Filmset und in der Nachbearbeitung.

Derweltweite Erfolg von James Camerons „Avatar“ und die großspurigen Ankündigungen einiger Hollywood- Produzenten, künftig würden sämtliche Blockbuster in 3D produziert werden, beflügelten die weltweite Umstellung der Kinos auf digitale Projektion. Die Betreiber hofften, mit den entsprechenden Ticketpreisaufschlägen ihre Einnahmen zu steigern. Doch da keiner der Nachfolger von „Avatar“ an den Umsatz des bis heute erfolgreichsten Films überhaupt heranreichte, ist die Euphorie inzwischen deutlich abgekühlt.

Der Weltraumthriller „Gravity“ (2013) war der letzte Film, bei dem die Einnahmen aus 3D-Vorführungen die aus Vorführungen in 2D übertroffen haben. Seither sinkt der Anteil der Einnahmen durch 3D-Vorstellungen bei Blockbustern wieder kontinuierlich, und auch auf 3D spezialisierte Fernsehsender haben ihren Betrieb wieder eingestellt.

Im Home Entertainment setzt man inzwischen auf 4K-Fernseher, UHD und gebogene Bildschirme statt auf die Stereoskopie.

Kein 3D-Film hat im Wettbewerb eines der großen internationalen Filmfestivals einen der Hauptpreise gewonnen, kaum einer der künstlerisch relevanten Filmregisseure hat die stereoskopische Technik in mehr als einem oder zwei Filmen eingesetzt. Ausnahmen sind lediglichWim Wenders, der fünf 3D-Filme realisiert hat, und James Cameron, der gleich vier(!) Fortsetzungen von „Avatar“ in 3D vorbereitet, die ab 2020 in die Kinos kommen sollen.

So ist es fraglich, wie groß die Nische für dreidimensionale Filme in den nächsten Jahren bleiben wird. Es wäre schade, meinte Stefan Drößler, wenn die derzeitige 3D-Welle wie in der Vergangenheit mal wieder sangund klanglos verschwände, denn zum Beispiel der Animationsfilm „Coraline“, der Konzertfilm „U2 3D“ oder WernerHerzogsDokumentation „Die Höhle der vergessenen Träume“ hätten zumindest ansatzweise gezeigt, dass Dreidimensionalität als Stilmittel zur Entwicklung einer eigenen Filmsprache, die Räumlichkeit dramaturgisch einsetzt, durchaus von großemästhetischen Reiz sein kann.

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