Ein Trickfilm für Cinema Quadrat

Unsere Mitarbeiterin Monika Hamryszak hat uns zum Abschied einen tollen Trickfilm-Trailer hinterlassen, den wir schon im Kino gezeigt haben. Auch unseren Homepage-Besuchern wollen wir ihn nicht vorenthalten.

Monika Hamryszak hat im Jahr 2013/2014 ein Freiwilliges Kulturelles Jahr bei uns absolviert. Sie ist künstlerisch tätig und arbeitet vor allem als Fotografin. Hier geht es zu ihrer Facebook-Seite.

08.05.2018

Wenn der Jungbusch zur Theaterbühne wird

Am 17.04.2018 bereichtete die Rhein-Neckar-Zeitung über die Vorführung von "Feuerbrand" im Cinema Quadrat.

 

Von Stefan Otto

Mannheim. Der ganze Jungbusch ist eine Bühne. Die Akteure ziehen durch die Straßen des Stadtteils und die Zuschauer folgen ihnen. Regelmäßig darunter ist auch der Mannheimer Filmemacher Mario Di Carlo. "Feuerbrand", seine Aufzeichnung des Geschehens im vergangenen Sommer, hatte nun Premiere im Mannheimer Cinema Quadrat. Seine Dokumentation trägt denselben Titel wie die Inszenierung, die im Juli 2017 durch den Jungbusch führte. "Feuerbrand" war als Schauspiel eine freie Bearbeitung des Dramas "Kabale und Liebe" von Friedrich Schiller.

Regisseurin Lisa Massetti verlegte den klassischen Stoff um Liebe, Intrigen und den Konflikt der Stände in den Jungbusch unserer Zeit, in ein Viertel, das sich seit einigen Jahren vom sozialen Brennpunkt zum hippen Ausgehquartier entwickelt. Massettis ganz heutige Inszenierung machte die einsetzende Gentrifizierung, den Wandel im Immobilienmarkt, die einseitige Profitorientierung und die damit verbundenen sozialen Ungerechtigkeiten zum Thema. Gespielt wurde an sehr urbanen Orten: im Gemeinschaftszentrum, in der Beil- und in der Hafenstraße, in Hinterhöfen, vor Mauern und auf Laderampen. Mitten im Jungbusch, den vertrauten Straßen der jungen Schauspieler, die selbst im Viertel wohnen.

Die Verdrängung in ihrem Lebensumfeld betrifft sie unmittelbar. Deshalb ist es ihnen ein Anliegen, die Folgen der avisierten Aufwertung des Quartiers auf die Bühne zu bringen und dabei verschiedene Aspekte aufzuzeigen: die Bedeutung von Spekulationen, die Zerstörung sozialer Gefüge, die Konsequenzen für lang ansässige Familien oder den zu befürchtenden Verlust von Heimat.

Schillers Luise Millerin heißt in "Feuerbrand" Meriyam (gespielt von Tuba Ibis). Ihr Vater betreibt eine Musikschule im Jungbusch, die den geplanten Sanierungsmaßnahmen zum Opfer fallen soll. Ausgerechnet der Vater ihres Geliebten Ferdinand (Burak Hössoz) verantwortet diesen Plan. Ferdinand selbst wäre bereit, aus seiner Welt auszubrechen und mit Meriyam ein neues Leben zu beginnen. Sie dagegen gerät immer mehr zwischen die Fronten. Sie liebt Ferdinand, fühlt sich aber auch ihrem alten Vater verpflichtet.

Gemeinsam mit ihren Darstellern hat Lisa Massetti "Kabale und Liebe" der Situation in Mannheim angepasst. Bereits seit 25 Jahren arbeitet die Theaterpädagogin im Jungbusch. In der Jugendkulturwerkstatt Creative Factory inszeniert sie Theaterstücke mit überwiegend jungen Laienschauspielern, mehrheitlich mit türkischem und italienischem Migrationshintergrund. Ihr geht es darum, die Teilnehmer, Akteure wie Zuschauer, für die angesprochenen Themen zu sensibilisieren. "Wir bringen die Stimme des Viertels auf die Bühne", sagt sie bei der Vorstellung von "Feuerbrand" im Cinema Quadrat.

Ihre bewährte Form des Sidewalk- oder Stationen-Theaters, das die Zuschauer durch die Straßen und über die Plätze des Quartiers führt, bietet den geradezu idealen Rahmen dafür, dass sich die Besucher ein eigenes Bild von der Situation machen können. "Die Atmosphäre ist sehr schwierig einzufangen", meint Mario Di Carlo, "aber ich denke, so ein Film kann die Aufführungen konservieren und auch über den Stadtteil hinaustragen". Schon seit einigen Jahren begleitet er die Open-Air-Aufführungen mit seiner Kamera. 2009 hat er mit "Heimspiel" eine sehr anschauliche Dokumentation über den Prozess einer Inszenierung im Jungbusch gedreht, die auch beim Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg zu sehen war.

18.03.2018

Drei dreidimensionale Tage

Am 16.02.2018 berichtete Die Rheinbpalz über ds 32. Mannheimer Filmsymposium.

 

Von Stefan Otto

„Star Wars: Die letzten Jedi“, „Ich – Einfach unverbesserlich 3“ oder „Die Schöne und das Biest“ hießen die erfolgreichsten 3D-Filme des vergangenen Jahres.Vorwenigen Jahrenwar es das Weltraumepos „Avatar – Aufbruch nach Pandora“, das demdreidimensionalen Film einen großen Aufschwung bescherte. „3D - Eineweitere Dimension?“ fragten nun, beim32. Mannheimer Filmsymposium, interessierte Kinogänger, Filmschaffende und -wissenschaftler imCinemaQuadrat.

Eröffnet wurde die dreitägige Veranstaltung mit dem kurzen Animationsfilm„ Virtuos virtuell“, der zweidimensional beginnt und, insofern der Betrachter die entsprechende Brille trägt, zusehends räumlicher erscheint: Zur Ouvertüre von Louis Spohrs Oper „Der Alchymist“ tanzen da schwarze Pinselstriche und Tuscheklecksemiteinander und bringen scheinbar in ihrem Wogen, Hüpfen, Drängen, Wachsen und Schwinden gleichsamverschiedenste Emotionen zumAusdruck.

„Avatar“, „Kubo – Der tapfere Samurai“, „Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger“ und „Hugo Cabret“ waren weitere Filme, die imVerlauf des Symposiums stereoskopisch zu sehen waren. Gerade letzterer, Martin Scorseses große Feier derMechanik, derMagie und des frühen Kinos, verwiesmit einem Zitat aus dem berühmten Lumière-Filmeines einfahrenden Zuges darauf, dass räumliches Sehen schon von Beginn an zur Geschichte des Kinos gehört.

Wie viele Jahrhunderte früher schon in der Geschichte der Malerei Raumillusion erzeugt und Plastizität suggeriertwurde, zeigte der Tübinger Kunsthistoriker Ralf Michael Fischer in seinem Vortrag „Von der Linearperspektive zum filmischen Raum“. In den 1420er Jahren erstellt, giltMasaccios Fresko „Dreifaltigkeit“ in der Kirche SantaMaria Novella in Florenznende Bild, bei dem die Gesetze der Perspektive präzise angewandt sind. Von hier schlug der Referent einen weiten Bogen bis zumexplizit „flächigen“ Frühwerk Rainer Werner Fassbinders. „Film wirkt weder als reines Raumbild noch als reines Flächenbild, sondern als ein Ineinander von beidem. Filmbilder sind zugleich flächig und räumlich“, zitierte er den deutsch-amerikanischen Kunst- und Medienwissenschaftler Rudolf Arnheim(„ Filmals Kunst“).

Einen ausführlichen Vortrag über die Geschichte der stereoskopischen Fotografie und des 3D-Films hielt der Direktor des FilmmuseumsMünchen, Stefan Drößler. Er legte dar, wie bereits in derMitte des 19. Jahrhunderts mit einer Doppelkamera aufgenommene Fotos, die durch ein Stereoskop betrachtet wurden, äußerst populär waren.

Immer ging es darum, dass dem rechten und dem linken Auge das jeweilige Teilbild separat zugeführt wird. Entweder mittels kleinerer Betrachter, dieman sich vor Augen hielt, oder größerer Guckkästen mit zwei nebeneinander angebrachten Linsen, in die man hineinschaute. Letztere wurden zu Vorformen des Kinos: Sie ermöglichten die Kombination von Bilderpaaren zu ganzen Serien, die durch Kurbeln oder Motoren gesteuertwurden.

In den 1930er und 1940er Jahren feierten kurze 3D-Werbefilme auf den Weltausstellungen in New York und San Francisco Erfolge. 1941 eröffnete in Moskau dann das erste brillenlose 3D-Kino. In den frühen 1950er Jahren kamen insgesamt 49 3D-Filme in die US-amerikanischen Kinos. Später schwappten weitere Wellen von 3D-Filmen auf die Kinoleinwände, meist Abenteuer-,Horroroder Softpornofilme, die den 3DRaumeindruck alsAttraktion nutzten. „Space Hunter – Jäger im All“, „Alles fliegt dir umdieOhren“ oder „Liebe in drei Dimensionen“, lauteten einschlägige Titel.

Die digitale Postproduktion und die Digitalisierung der Kinos schuf dann nach einer Durststrecke die Voraussetzung für eine deutliche Verbesserung der Produktion und Vorführung von 3D-Filmen. In Mannheim gaben der Kameramann Marcus Zaiser und der Visual-Effects-Producer Sebastian Leutner Werkstattberichte über die heutige Arbeit mit 3D am Filmset und in der Nachbearbeitung.

Derweltweite Erfolg von James Camerons „Avatar“ und die großspurigen Ankündigungen einiger Hollywood- Produzenten, künftig würden sämtliche Blockbuster in 3D produziert werden, beflügelten die weltweite Umstellung der Kinos auf digitale Projektion. Die Betreiber hofften, mit den entsprechenden Ticketpreisaufschlägen ihre Einnahmen zu steigern. Doch da keiner der Nachfolger von „Avatar“ an den Umsatz des bis heute erfolgreichsten Films überhaupt heranreichte, ist die Euphorie inzwischen deutlich abgekühlt.

Der Weltraumthriller „Gravity“ (2013) war der letzte Film, bei dem die Einnahmen aus 3D-Vorführungen die aus Vorführungen in 2D übertroffen haben. Seither sinkt der Anteil der Einnahmen durch 3D-Vorstellungen bei Blockbustern wieder kontinuierlich, und auch auf 3D spezialisierte Fernsehsender haben ihren Betrieb wieder eingestellt.

Im Home Entertainment setzt man inzwischen auf 4K-Fernseher, UHD und gebogene Bildschirme statt auf die Stereoskopie.

Kein 3D-Film hat im Wettbewerb eines der großen internationalen Filmfestivals einen der Hauptpreise gewonnen, kaum einer der künstlerisch relevanten Filmregisseure hat die stereoskopische Technik in mehr als einem oder zwei Filmen eingesetzt. Ausnahmen sind lediglichWim Wenders, der fünf 3D-Filme realisiert hat, und James Cameron, der gleich vier(!) Fortsetzungen von „Avatar“ in 3D vorbereitet, die ab 2020 in die Kinos kommen sollen.

So ist es fraglich, wie groß die Nische für dreidimensionale Filme in den nächsten Jahren bleiben wird. Es wäre schade, meinte Stefan Drößler, wenn die derzeitige 3D-Welle wie in der Vergangenheit mal wieder sangund klanglos verschwände, denn zum Beispiel der Animationsfilm „Coraline“, der Konzertfilm „U2 3D“ oder WernerHerzogsDokumentation „Die Höhle der vergessenen Träume“ hätten zumindest ansatzweise gezeigt, dass Dreidimensionalität als Stilmittel zur Entwicklung einer eigenen Filmsprache, die Räumlichkeit dramaturgisch einsetzt, durchaus von großemästhetischen Reiz sein kann.

13.02.2018

Neues Filmbuch Akira Kurosawa

Im Psychosozial-Verlag ist der Band zum letztjährigen Mannheimer Fiilmseminar erschienen.

 

In der Schriftenreihe Psychoanalyse und Filmtheorie ist im Psychosozial-Verlag der Band zu Akira Kurosawa erschienen. Akira Kurosawa war Thema des Seminars "Psychoanalyse und Filmtheorie im Dialog" im Januar 2017 und enthält die Beiträge der Referenten. Herausgeber Gerhaard Schneider, Peter Bör. Andreas Hamburger, Karin Nitzschmann und Timo Storck. DAs Buch kann am einfachsten direkt beim Psychosozial-Verlag bestellt werden.

Eine kurze Besprechung ist bereits auf der Webseite des Filmjournalisten Hans Helmut Prinzler erschienen.

04.02.2018

Kinolandschaft in der Nahaufnahme

Am 19. Januar 2018 berichtete die Rheinpfalz über den Film "66 Kinos", den Regisseur Philopp Hartmann persönlich im Cinema Quadrat vorstellte

 

Von Stefan Otto

 Treffend und einfach „66 Kinos“ heißt dieser Film, der eben 66 Kinos in Deutschland porträtiert. Das führt vonAachenimWestenbis Passau im Osten und von Flensburg im hohen Norden bis Singen am Hohentwiel. Einem67. Kino, demCinema Quadrat in Mannheim, stattete Regisseur Philipp Hartmann nun einenBesuchab, umseine ungewöhnliche Dokumentation vorzustellen.

Vor drei Jahren begleitete Hartmann seinen vorhergehenden Essayfilm „Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe“ durch deutsche Kinos, um vor Ort mit Journalisten und Kinomachern zu sprechen und jeweils nach der Vorstellung mit dem Publikumzu diskutieren und Fragen zu beantworten. „Mit den Zuschauern zu reden, ist für einen Filmemacher das größte Privileg, das man haben kann, weil man wirklich Rückmeldungen zu seinem Film kriegt“, schwärmt der Karlsruher. Monatelang war er damals unterwegs und hatte stets eine Kamera dabei, die er vorher eigens für diese Reise erworben hatte. Als sein eigener Produzent, Regisseur, Ton- und Kameramann filmte er in all den Kinos, die er besuchte. Von den Foyers bis in die Vorführräume, ließ er sich alles zeigen und sprach mit den Betreibern. Das Ergebnis ist eine sichtlich von persönlicher Leidenschaft gelenkte, umfassende Bestandsaufnahme der gegenwärtigen deutschen Kinolandschaft.

Vom „Subiaco“ in einem 900 Jahre alten ehemaligen Klostergebäude in Alpirsbach bis zumWolf-Kino in Berlin-Neukölln, das zur Zeit der Dreharbeiten noch im Bau war, sehen wir kleine und große, opulent oder nur minimalst ausgestattete Filmtheater, blicken in beengte Vorführkabinen, Für seinen Dokumentarfilm„66 Kinos“ reiste Philipp Hartmann quer durch Deutschland – Filmvorstellung in Mannheim helle, repräsentative Foyers und abgedunkelte Säle mit plüschigen Sitzreihen. Wir lernen dominante Multiplexe und Kinos mit weniger als 20 Besucherplätzen kennen, ausdrücklich „popcornfreie“ Häuser oder solche mit Bewirtung am Platz sowie eines, in dem vor der Vorstellung basisdemokratisch abgestimmt wird, ob geraucht werden darf oder nicht.

Vielleicht noch ergiebiger sind die lebendigen Erzählungen der Filmtheaterbetreiber, ihr kundiger Blick auf den Betrieb im permanenten Wandel, ihre authentischen Erlebnisse, ihre Biografien, die sich ums Kino ranken. In den besten Momenten des Films ist nicht allein ihre Arbeit, sondern auch der Enthusiasmus, ja, sogar Liebe zu spüren, die sie in den Betrieb und das Programm ihrer Lichtspielhäuser stecken.

„Ich bin ein Tante-Emma-Kino“, sagt beispielsweise der Inhaber der „Blauen Königin“ in Bühl imm Schwarzwald. Mittlerweile hat er sein Kino geschlossen. „Es ist ein immerwährender Kampf“, erklärt Inka Gürtler von der Karlsruher Kinemathek und meint damit vor allem die mangelnde Anerkennung und finanzielle Unterstützung kommunaler Filmarbeit.

„Die Kinolandschaft lebt davon, dass da unglaublich engagierte Leute sind“, formuliert Philipp Hartmann eine Erkenntnis seiner langen Kinotour, die ihn ab Oktober 2014 auch in die Region, in die Speyerer Filmklappe und ins Heidelberger Karlstorkino führte. „Das spürt man hoffentlich auch am Film, dass er eigentlich eine Hommage an die ganzen Kinobetreiberinnen und -betreiber ist.“

Im Cinema Quadrat war der 46-jährige Karlsruher zum ersten Mal. Außerhalb des Kommunalen Kinos zeigte er sich vor allem beeindruckt vom Bauwerk Collini-Center, in dem es noch bis Ende dieses Jahres zu finden ist. Danach wird das Cinema Quadrat voraussichtlich Anfang 2019 in ein ehemaliges Kaufhaus im Innenstadtquadrat K1 einziehen. „Ich bin ganz begeistert von diesem Gebäude, das ja fast so eine übersehene Schönheit hat oder eine Schönheit, die wahrscheinlich nicht jeder zu schätzenweiß“,meinte der Filmemacher. „Das passt doch gut zu einemKino, das sich zwischen aktuellen und historischen Filmen bewegt und auch Kunstperlen zeigt.“

Auch in Mannheim führte Hartmann wie stets seine Kamera mit sich. Er hat sich jedoch selbst auferlegt, nicht wieder in den Kinos zu filmen. „Wenn ich jetzt damit weitermache, dann komme ich aus der Nummer nicht mehr raus und bin den Rest meines Lebens der Kino-Chronist. Ich filme aber ganz viel außerhalb, auf dem Weg, in den Städten oder wenn ich irgendwas entdecke.“ Ob irgendwann dann ein Film daraus wird, weiß Hartmann noch nicht: „Ich sammle gerade so Material und könnte mir vorstellen, dass ich angesichts dieser tollen Architektur hier gleich die Kamera nochmal auspacke.“

07.11.2017

Die unbekannten Großeltern

Am 04.11.2017 berichtete die Rheinpfalz über die Filmemacherin Jessica Jacoby, die im Cinema Quadrat ihren Dokumentarfilm "Roads" vorstellte:

 

Von Stefan Otto

Die Berliner Filmemacherin Jessica Jacoby entstammt einer auf ganz besondere Weise zerrissenen Familie. Einer ihrer Großväter war der berühmt-berüchtigteRegisseurVeit Harlan, der Propagandafilme wie „Jud Süß“ für die Nazis drehte. Ihr anderer Großvater war Jude und wurde von eben diesen Nazis deportiert und ermordet. Über dessen Zweig ihrer Familie drehte Jacoby die Dokumentation „Roads“, die sie in Mannheim vorstellte.

„Auf den einen ist immer sehr viel Licht gefallen, im Sinne von Umstrittenheit und Prominenz, der andere ist in der Dunkelheit verschwunden“, sagt die Regisseurin. Ihr Film „Roads - Zwischen Düsseldorf und New Orleans“, so der volle Titel, rückt ihn und die Seinenwieder ins Licht.

1938, ein Jahr vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, ging der Düsseldorfer Jude Klaus Jacoby, Jessica Jacobys Vater, ins US-amerikanische Exil, zuerst nach New York und dann nach New Orleans. Zunächst fand er Arbeit als Hutverkäufer, später gab er Foto-Kurse in einem jüdischen Kinderheim. Ende 1941 kamer zur US-Army.

„Nun braucht Uncle Sam jeden, selbst einen Flüchtling“, notierte er damals in sein Tagebuch, das zusammen mit den erhaltenen Briefen seiner Eltern dieGrundlage des textlasti- Filmemacherin Jessica Jacoby und ihre Dokumentation „Roads“ im Mannheimer Cinema Quadrat gen Dokumentarfilms bildet. „Alles wird mit Massenmord enden“, ahnte er nach dem Angriff der Japaner auf den Flottenstützpunkt Pearl Harbor. In den Briefen seiner jüdischen Eltern, die ihn aus Deutschland erreichten, wurde die Bitte immer dringlicher, ihnen zur Ausreise in die USA oder nach Kuba zu verhelfen.

„Spätestens nach der Reichspogromnacht stand fest, dass sie unbedingt rauswollten, aber nicht konnten“, erklärte Jessica Jacoby im Cinema Quadrat. Ihr Film verdeutlicht, wie Klaus Jacoby sich bemüht, aber nichts für seine Eltern erreichen kann. Schließlich wurden sie von Düsseldorf in das Ghetto Minsk deportiert und dort getötet.

Klaus Jacoby kehrte 1950 nach Deutschland zurück. Als Fotograf arbeitete er für eine Zeitung der amerikanischen Streitkräfte. Bei einer Reportage über deutsche Künstler begegnete er Susanne Körber-Harlan, einer Tochter der Schauspielerin Hilde Körber und ihres vormaligen, inzwischen geschiedenen Ehemannes VeitHarlan. Klaus und Susanne heiraten, Jessica Jacoby ist ihre Tochter.

Ihre Großeltern mütterlicherseits lernte die heute 63-jährige Historikerin und Filmemacherin noch kennen, während die Großeltern väterlicherseits, die Juden Artur und Ella Jacoby, zum Zeitpunkt ihrer Geburt 1954 bereits über ein Jahrzehnt nicht mehr am Leben waren. „Ich wusste kaum etwas über sie“, erinnerte sich Jacoby. Bis sie ihre Briefe an den Sohn bei einer Tante in Südafrika fand. „Durch diese Briefe habe ich sie erst kennengelernt.“ In „Roads“ verknüpft die Regisseurin die Briefe und das Tagebuch ihres Vaters zu einem kunstlos schlicht gehaltenen, aber bewegenden filmischen Dialog, der die Judenverfolgung, Vertreibung und Exil, Alltagsbilder des Krieges, aber auch die Folgen in derNachkriegszeit einfängt.

„Mir ging es darum, Bilder zu finden, um das, was diese Briefe und Tagebücher transportieren, in eine visuelle Form zu bringen“, führte Jacoby aus. „Es war die Herausforderung, die ich spannend fand, die Konfrontation von Historischem mit den authentischen Schauplätzen in Düsseldorf und New Orleans heute, die Suche nach Spuren und Kontinuitäten. Genau diese Mischung hat mich als Filmemacherin angesprochen.“

Zehn Jahre lang hat sie an dem Film gearbeitet. Dabei ist „Roads“ nur der erste Teil einer Trilogie, die sich ausführlich mit der jüdischen Großfamilie Jacoby befasst. Die beiden Fortsetzungen sind kaum gezeigt worden und auch nicht auf DVD erhältlich. Im Cinema Quadrat lief nur Teil 1.

News 1 bis 5 von 62
<< Erste < Vorherige 1-5 6-10 11-15 16-20 21-25 26-30 31-35 Nächste > Letzte >>