Ein Trickfilm für Cinema Quadrat

Unsere Mitarbeiterin Monika Hamryszak hat uns zum Abschied einen tollen Trickfilm-Trailer hinterlassen, den wir schon im Kino gezeigt haben. Auch unseren Homepage-Besuchern wollen wir ihn nicht vorenthalten.

Monika Hamryszak hat im Jahr 2013/2014 ein Freiwilliges Kulturelles Jahr bei uns absolviert. Sie ist künstlerisch tätig und arbeitet vor allem als Fotografin. Hier geht es zu ihrer Facebook-Seite.

16.09.2014

Leichen füllen die Leinwand

Die Rheinpfalz kündigte am 13.09.2014 unsere Shakespeare-Filmreihe an:

 

»Zum 450. Geburtstag William Shakespeares in diesem Jahr ehrt das Mannheimer Cinema Quadrat den elisabethanischen Dramatiker ab Montag mit der fünfteiligen Filmreihe „Shakespeare lebt!“.

Shakespeares Stücke, besonders die bekanntesten, gehören bis heute nichtnur zum festenBestand der Theaterspielpläne, sondern auch der Kinoprogramme. Schon in den ersten Jahren des neuen Mediums Film wurden, freilich stumm, einzelne Szenen und pantomimische Interpretationen seiner Dramen auf Zelluloid gebannt. So sind mittlerweile rund 500 Filme nach seinen Stücken entstanden. Shakespeare ist damit der Dramatiker, dessen Werk weltweit am häufigsten verfilmt wurde. Entsprechend vielfältig sind die Filme, die das Cinema Quadrat zeigt.

„Hamlet Goes Business“ siedelt Shakespeares Klassiker um den Prinzen von Dänemark in Finnland an. Hamlets Vater war hier ein Großindustrieller, Hamlet selbst ist der Haupterbe des Konzerns. Thronfolger Klaus möchte den Betrieb auf die Produktion von Quietsche-Entchen umstellen. Der getötete Boss erscheint seinem Sohn als Geist und bittet ihn um Rache. Alsdann purzeln die Leichen nur so über die Leinwand. Shakespeares Drama wird hier zum Film noir. Eine düstere bis aberwitzige Kapitalismuskritik von Aki Kaurismäki (am 25. und 26. September).

„Viel Lärm um nichts“ ist ein kleiner Film des erfolgreichen Regisseurs Joss Whedon. Es handelt sich um eine schlichte bis amüsante Fingerübung, die der New Yorker Serienspezialist nach den ungleich aufwendigeren Dreharbeiten zu „Marvel's The Avengers“ eingeschoben hat. Gedreht wurde die Komödie um die Suche nach der wahren Liebe in nur zwölf Tagen in Whedons Privathaus, geschnitten wurde der Film in den Mittagspausen und am Wochenende (19. bis 22. September).

Mit „Cäsar muss sterben“ ist sogar eine Dokumentation im Programm, die viel shakespearesches Drama enthält. Insassen des Hochsicherheitstraktes eines römischen Gefängnisses studieren die Tragödie „Julius Caesar“ ein. Zu sehen ist in Ausschnitten das Casting, die Proben und die Aufführung. Karg in der Bildsprache, reich an Emotionen, gewann das italienische Dokudrama der Brüder Taviani den Goldenen Bären bei der Berlinale 2012 (vom 25. bis 27. September).

Die beiden übrigen Beiträge der Filmreihe sind so bekannt, dass eine Beschreibung sich erübrigt. Es handelt sich um Baz Luhrmanns „William Shakespeares Romeo + Julia“mit Leonardo DiCaprio und Claire Danes (29. September bis 1. Oktober) und um „Shakespeare in Love“ mit Joseph Fiennes als Dichter und Gwyneth Paltrow in der Rolle der Lady Viola (15. bis 17. September).«

05.09.2014

Vorhang auf, Film ab! - Innovative Festivals geben cineastische Impulse

"Die Festivals", das Magazin des Kulturbüros der Metropolregion Rein-Neckar berichtet in seiner neuesten Ausgabe über "Den Goldenen Hirsch" und andere lokale Filmfestivals:

 

Auch wenn Venedig, Cannes und Berlin weit weg sind: In der Metropolregion Rhein-Neckar bewegt sich einiges in Sachen Film. Frische Festivals wie der „Goldene Hirsch“, das Projekt „Girls Go Movie“ oder das „Europäische Filmfestival der Generationen“ sprießen und gedeihen. Das ein oder andere hat schon Kultstatus.

Ein Mittwochabend in Heidelberg: Eine Menge schiebt sich durch den Eingang des Karlstorkinos. Wenn heute die neue Ausgabe des Kurz!lmfestivals „Goldener Hirsch“ startet, bleibt kein Samtsessel frei. Auf der Leinwand prangt ein Klassiker des Kitsches: der röhrende Hirsch vor alpiner Kulisse. „Das ist natürlich ironisch gemeint“, sagt Mitbegründer Thomas Oberlies schmunzelnd. „Wir spielen ein bisschen mit dem Lokalprovinziellen.“ Später wird der Gewinner des Festivals das Brunfttier als vergoldete Trophäe aus Plastik überreicht bekommen.

Doch bevor es so weit ist, präsentieren die Filmemacher ihre Werke. „Wir haben immer eine bunte Mischung – vom Abiturienten aus der Youtube-Ecke über den Filmhochschüler bis hin zum Arzt“, erklärt Oberlies. Das gilt auch für die zehn Beiträge von heute. So stellt die Schauspielerin Carla Weingarten mit „Scharrie und Nane“ eine abgründige Geschichte um einen Revolver vor. Und der 19-jährige Marco Hein hat einen Parcours!lm mit einer akrobatischen Verfolgungsjagd über Mauern, Zäune und Autos gedreht. Alle Teilnehmer stehen dem Publikum nach der Vorführung ihres Films Rede und Antwort, ganz unprätentiös moderiert von Oberlies.

Um den Pokal hat sich ein kleiner Hype entwickelt. Lange Teilnehmerlisten, volle Kinosäle und eine Qualität, die sich sehen lassen kann, sprechen für sich. Dabei betreiben die Macher konsequente Basisarbeit. „Unser einziges Kriterium ist, dass der Film einen Bezug zur Metropolregion haben muss“, erläutert Mitveranstalter Oliver Krause. Das Organisationsteam besteht aus vier ehrenamtlichen Mitarbeitern: Neben Krause und Oberlies gehören Matthias Vogel und der Videokünstler Benjamin Jantzen dazu. Der Wettbewerb wird abwechselnd in der Mannheimer Feuerwache und im Karlstorkino ausgetragen, sechs Mal im Jahr. Alle zwei Jahre vergibt eine Fachjury im Rahmen der gleichnamigen Veranstaltung den „Endhirsch“ unter allen Gewinnern. Wer heute im Karlstorkino das güldene Tier mit nach Hause nehmen darf, entscheidet ausschließlich das Publikum. „Der Goldene Hirsch ist zwar nicht kuratiert, funktioniert aber gerade aufgrund seines lockeren, improvisierten Rahmens wunderbar“, sagt Thomas Kraus, Leiter des Kulturbüros der Metropolregion Rhein-Neckar. „Die Filmemacher werden ermuntert, etwas auszuprobieren und die Filme haben eine erstaunliche Qualität. Der Goldene Hirsch ist Kult und Einstiegsdroge ins Filmemachen.“

Einen Plot entwickeln, einen Kurzfilm drehen und schneiden, vielleicht einen Preis abräumen, darum geht es auch bei „Girls Go Movie“. Zielgruppe sind Mädchen und junge Frauen im Alter zwischen zwölf und 27 Jahren. Die Experimentalfilmerin Ruth Hutter betreut dieses Projekt von Anfang an und hilft den Teilnehmerinnen, aus ihren Ideen Filme zu machen. „Ich kann die Mädchen beraten, wie ich selbst beraten wurde“, sagt die Künstlerin, die Schülerin der Performance-Ikone Marina Abramovic war. Einige von Hutters Schützlingen studieren inzwischen an Filmhochschulen oder wurden von Michael Ackermann, dem Leiter der FilmCommission der Metropolregion, für Filmproduktionen vermittelt.

In diesem Jahr feiert „Girls Go Movie“ seinen zehnten Geburtstag und gilt heute mehr denn je als Erfolgsmodell, das bundesweit Pilotcharakter hat. Zum Jubiläum haben die Veranstalterinnen die Filmakademie Baden-Württemberg ins Boot geholt: Sieben Studentinnen haben den Regienachwuchs als Mentorinnen unterstützt. Außerdem ist „Girls Go Movie“ über die Grenzen der Metropolregion hinausgewachsen: Mädchen und junge Frauen aus ganz Baden-Württemberg und Rheinland- Pfalz konnten sich anmelden. Die Preisträgerwerke sind dieses Mal sogar beim Festival des deutschen Films gelaufen. „Ein Beleg dafür, dass sich ‚Girls Go Movie‘ von einem medienpädagogischen Festival zu einem Kurz!lmfestival von Qualität entwickelt hat, ohne dass es seinen Ausbildungscharakter verloren hat“ betont Michael Ackermann.

Stehen bei „Girls Go Movie“ junge Themen im Fokus, dreht sich beim „Europäischen Filmfestival der Generationen“ alles ums Älterwerden – im Oktober !ndet es zum fünften Mal statt. Vater des Festivals ist Michael Doh. Als Gerontologe befasst sich der Heidelberger von Berufs wegen mit dem Altern, darüber hinaus ist er ein echter Cineast. Das Festival präsentiert aktuelle Filme, bei denen Kreativität im Alter genauso eine Rolle spielt wie Krankheit und Tod. „Wir versuchen den Brückenschlag zwischen Wissenschaft und Kino“, sagt Doh. Neben den Filmschaffenden diskutieren auch Experten und Wissenschaftler über die Filme. Seit diesem Jahr kooperiert das Netzwerk „Regionalstrategie demografscher Wandel“ der Metropolregion mit dem Festival. Dank dieser Unterstützung konnte das Festival auf 35 Kommunen ausgeweitet werden, 2015 sollen weitere 20 hinzukommen. „Wir wollen für den Dialog der Generationen sensibilisieren. Dazu passt das Festival optimal“, betont Frank Burkard, Referent für Öentlichkeitsarbeit beim Verband Region Rhein-Neckar.

Das Festival fördert auch das Verständnis zwischen den Generationen, wie die Dokumentation „Mit dem Bauch tanzen“ von Carolin Genreith beweist. Die junge Regisseurin wollte ursprünglich die Peinlichkeiten des Älterwerdens darstellen, indem sie die Bauchtanzgruppe ihrer Mutter mit ihrer Kamera verfolgte. Doch aus dem Schenkelklopfer wurde nichts – die Best Ager präsentieren sich überraschend souverän. Beim Festival stellt Genreith ihr Projekt nun persönlich vor. Ein weiterer Gast in diesem Jahr ist Mario Adorf, der den Film „Der letzte Mentsch“im Gepäck hat, in dem er einen greisen Holocaust-Überlebenden spielt.

„Goldener Hirsch“, „Girls Go Movie“ und „Filmfestival der Generationen“ – drei Projekte, die mit frischen Ideen und originellen Konzepten die Filmkultur in der Metropolregion gründlich durchpusten und eines beweisen: Es gibt ein cineastisches Leben jenseits von Multiplex-Kinos, Online-Streaming und Roten-Teppich-Events.

23.06.2014

Mauer des Schweigens in Werk aus Polen

Am 20.06.2014 kündigte der Mannheimer Morgen den im Cinema Quadrat gezeigten Film "Ida" an:

 

»Die Bilder von Pawel Pawlikowskis neuem Film „Ida“ sind in ein graues, melancholisches Schwarzweiß getaucht. Im Polen zu Beginn der 1960er Jahre sieht es fast so aus, als wäre die Zeit stehengeblieben. Das ärmliche, düstere Leben ist von Fassaden umschlossen, deren Verputz abbröckelt. Räumliche Enge und innere Verstocktheit bestimmen die realistische, sehr genau eingefangene Atmosphäre einer Gesellschaft, die sich noch unter den ideologischen Nachwehen der stalinistischen Ära duckt.

„Ida“ ist ein leiser, nüchterner Film, der eine starke Stimmung entfaltet und die individuellen Dramen fast unausgesprochen lässt. Die Schatten der Vergangenheit sowie die schmerzhaften Geburtswehen einer noch unsicheren Identität dominieren die Figuren. So erfährt die junge Novizin Anna (Agata Trzebuchowska), die seit frühester Kindheit in einem Kloster lebt und sich gerade auf ihr Gelübde vorbereitet, von ihrer einzigen Verwandten, dass sie als Jüdin geboren wurde und eigentlich Ida Lebenstein heißt. Ihre Tante Wanda Gruz (Agata Kulesza), die Schwester ihrer Mutter, ist eine ehemalige Widerstandskämpferin, die als kompromisslose Staatsanwältin sogenannte Volksfeinde zum Tode verurteilte und jetzt ihren Dienst als Richterin versieht.

Die Gegensätze zwischen der desillusionierten Altkommunistin und dem frommen Mädchen befördern ihre Beziehung, die trotz aller Unterschiede eine intime Nähe besitzt. Ida entdeckt ihre Gefühle zu einem jungen Jazzmusiker. Im Zentrum des beeindruckenden Films steht die Spurensuche der beiden ungleichen Frauen nach ihren Angehörigen, deren Schicksal eine Mauer des Schweigens umschließt.«

Wolfgang Nierlin

19.05.2014

Sinfonien des Scheiterns

Am 15.05.2014 druckte die Rheinpfalz eine ausführliche Nachlese auf das Filmseminar über die Coen-Brüder.

 

»Jetzt sind die US-Amerikaner an der Reihe. Diesmal waren es gleich zwei: Seit zwölf Jahren veranstaltet das Mannheimer Cinema Quadrat in Zusammenarbeit mit psychoanalytischen Instituten in Mannheim und Heidelberg die Seminare „Im Dialog: Psychoanalyse und Filmtheorie“.

Einmal im Jahr kommen aus ganz Deutschland interessierte Psychoanalytiker und Filmwissenschaftler zusammen, umsich ein intensives Wochenende lang mit dem Werk ausgewählter Filmregisseure zu befassen. Im ersten Jahrzehnt der Veranstaltungsreihe standen besonders europäische Filmemacher im Blickpunkt, Namen wie Polanski, Buñuel, Bergman oder Antonioni. Der US-Amerikaner David Lynch und der gebürtige Brite Alfred Hitchcock, der später die amerikanische Staatsbürgerschaft annahm, blieben die Ausnahmen. Mittlerweile gehen den Analytikern die europäischen Regiepersönlichkeiten jedoch aus, und die Amerikaner holen auf. Nach dem New Yorker Darren Aronofsky und dem Kanadier David Cronenberg in den beiden vergangenen Jahren rückten nun die Brüder Joel und Ethan Coen aus dem Mittleren Westen der USA ins Zentrumder Betrachtung.

Drei Tage mit vier Diskussionsrunden, fünf Filmen und sechs Vorträgen brachten insgesamt ein recht umfassendes Bild der Regisseure, Produzenten und Autoren hervor, die 1954 (Joel) beziehungsweise 1957 in Minneapolis, Minnesota geboren wurden.

Der erste Film, den die Coens gemeinsam schrieben und drehten, war 1984 der Neo-Noir-Thriller „Blood Simple – Eine mörderische Nacht“. Ihr „Barton Fink“, eine zynische Abrechnung mit der noch zynischeren Skrupellosigkeit im klassischen Hollywood, gewann 1991 als bislang einziger Film alle drei Hauptpreise der Filmfestspiele in Cannes. Für den schwarzhumorigen Schnee-Thriller „Fargo“ erhielten die stets zusammenarbeitenden Brüder 1997 den Oscar für das beste Originaldrehbuch, Frances McDormand, Joel Coens Frau, bekam ihn als beste Hauptdarstellerin. Im Moment sendet der USSender FX erstmals eine neue gleichnamige TV-Mini-Serie, die auf „Fargo“ basiert.

Mit „The Big Lebowski“ drehten die Coens dann einen der meist beachteten Filme der 90er Jahre. Es folgten die Mississippi- Odyssee „O Brother, Where Art Thou?“ mit George Clooney und das Alec-Guinness-Remake „Ladykillers“ mit Tom Hanks. 2008 erhielten die Brüder den Regie-Oscar für „No Country for Old Men“ und konnten mit „True Grit“, ihrem bislang erfolgreichsten Film, Einspielergebnisse jenseits der 100-Millionen- Dollar-Marke erzielen und das Mainstream-Publikum rund um die Welt für sich gewinnen.

„Blood Simple“ und „True Grit“ waren schon vorab in Mannheims kommunalem Kino zu sehen, am Seminarwochenende selbst liefen „Barton Fink“, „Fargo“, „No Country for Old Men“, „The Man Who Wasn't There“ (alternativer Titel: „Der unauffällige Mr. Crane“) und – der Brüder neuester Streich - die folk-musikalische Tragikomödie „Inside LlewynDavis“, die im Dezember in den Kinos war.

Der Frankfurter Filmwissenschaftler Manfred Riepe bescheinigte Joel und Ethan Coen angesichts ihrer Filmografie eine erstaunliche künstlerische Konstanz und den langen Atem, den so häufig auch ihre Filmfiguren an den Tag legen. Das sind allerdings oftmals Prügelknaben und Verlierer, die mit Eigensinn und der Zeit alles nur noch schlimmer machen. Man denke einmal an den schweigsamen, schießfreudigen Kleinganoven Gaear Grimsrud (Peter Stormare) in „Fargo“. Andere typische Coen-Figuren wie Musiker Llewyn Davis (Oscar Isaac) treffen geradezu passgenau die falschen Entscheidungen oder werden wie Professor Larry Gopnik (Michael Stuhlbarg) in „A Serious Man“ förmlich vom Unglück verfolgt. Besonders die Filmdramen der Brüder beschrieb Riepe als Sinfonien des Scheiterns mit destruktiv absurden Handlungsketten. Die Herren Coen zeigen ihre männlichen Protagonisten anders als die weiblichen in Teufelskreisen und zwangsneurotischen Dilemmata gefangen. Figuren wie der naive Autohändler Jerry Lundegaard (William H. Macy) in „Fargo“ proben den verspäteten Aufstand gegen omnipotente Vaterfiguren, andere, wie der „Dude“ Lebowski (Jeff Bridges), weigern sich, überhaupt erwachsen zu werden. Zum Vergleich zog Riepe Sigmund Freuds „Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose“ heran, die Krankengeschichte des ab 1907 behandelten Patienten, der Freud-Kennern als „Rattenmann“ geläufig ist.

Die Berliner Filmkritikerin Christiane Mathes befasste sich in ihrem Vortrag mit dem Friseur Ed Crane (Billy Bob Thornton) in „The Man Who Wasn't There“, einem weiteren Helden der Coen-Brüder, der sich aus verhängnisvollen Umständen zu befreien sucht und dabei die falschen Entscheidungen trifft. Der schweigsame Crane erscheint seltsam abwesend in seinem eigenen Leben, das er andere steuern lässt. Er ist ein Mann ohne Eigenschaften, ein Platzhalter für ungelebtes Leben. Er identifiziert sich nicht mit seinem Beruf, und doch scheinen allein dieser Beruf und die Angewohnheit des Rauchens das zu sein, was ihn ausmacht. Als Person ist er so ungreifbar wie der verfliegende Qualm seiner Zigaretten. Nach Jean-Paul Sartre verharrt er im Stadium der reinen Existenz ohne zur Essenz zu gelangen. So sieht Mathes „The Man Who Wasn't There“ als existenzialistischen Film über einen Menschen, der zu wählen ins Leben gerufen wurde und mit dieser Freiheit nichts anzufangen weiß.

Der schwarz-weiße Film, der in Farbe gedreht wurde, spielte ebenfalls eine Rolle in den Ausführungen des Mainzer Filmwissenschaftlers Marcus Stiglegger. Sein Vortrag befasste sich mit den vielen Bezugspunkten zum Film noir im Werk der Coens. „The Man Who Wasn't There“ zeigt sich ebenso wie „Blood Simple“ inspiriert von James M. Cain, der zur „harten“ Schule der US-Krimi- Autoren zählt und in den 1930er Jahren unter anderem die Vorlagen für die pessimistisch-düsteren Klassiker „Frau ohne Gewissen“ (Regie: Billy Wilder) und „Im Netz der Leidenschaften“ („The Postman Always Rings Twice“) schrieb. Die Coens lassen mit Zitaten und Verweisen neuartige Vexierbilder der alten Films noirs entstehen, Hommagen und Retro-Noirs wie „Miller's Crossing“ und „The Big Lebowski“. Einige ihrer Filme spielen in ebenjenen Jahren, in denen die Originale entstanden. So auch „Barton Fink“, der nach 1941 zurückführt, als die USA in den Zweiten Weltkrieg eintraten. Mit ihrer Geschichte um den jungen Autoren Fink (John Turturro) reflektieren die Coens die Hollywood-Ära des Film noir und schaffen einen Meta-Noir – und einen Alptraum: mit John Goodman als Serienmörder Carl Mundt, mit dem heruntergekommenen Hotel Earle als Pforte zur Hölle, mit schwitzenden Wänden, vampiresken Moskitos und einem großen, flammenden Inferno, in dem das alles schließlich aufgeht.«

Stefan Otto

19.05.2014

Auf der Suche nach dem Glück

Am 15. Mai berichtete der Mannheimer Morgen über das Filmfest Cine Latino.

 

»Mit etwas weniger Filmen und Vorstellungen als in den vergangenen Jahren präsentiert sich das beliebte Filmfestival Cine Latino in seiner 14. Auflage. Zwischen morgen und 25. Mai stehen wieder Filmentdeckungen aus Lateinamerika auf dem Programm des Heidelberger Karlstorkinos sowie des kooperierenden Cinema Quadrat in Mannheim. Dieses ist mit 14 aktuellen Spiel- und Dokumentarfilmen bestückt, die jeweils in der Originalversion mit Untertiteln gezeigt werden und die einen Einblick in das vielfältige Filmschaffen Süd- und Mittelamerikas gewähren.

Arbeitsmigration, die Bedrohung indigener Lebensformen, Gewalt und Drogenkriminalität sowie familiäre Konflikte sind nur einige der Themen, die behandelt werden. „Dabei steht dieses Jahr in besonderer Weise der weibliche Blick vor und hinter der Kamera im Mittelpunkt“, schreiben die Festivalleiter Michael Doh und Verena Schlossarek in ihrem Vorwort zum Programm.

Stellvertretend kann der aus Chile kommende Eröffnungsfilm „Gloria“ von Sebastián Lelio gelten, der mit feinfühligem Humor von seiner Titelheldin, einer geschiedenen Frau Ende fünfzig, erzählt, die sich auf der Suche nach Liebe und Glück gegen ihre Einsamkeit und das Vergessen-Werden stemmt. Für ihre eindrückliche Darstellung wurde die Schauspielerin Paulina García auf der Berlinale 2013 mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet.

Einen gewichtigen Länderschwerpunkt bildet in diesem Jahr das traditionsreiche Filmland Mexiko, das an fünf Produktionen des Programms beteiligt ist. Unter ihnen ragt besonders Jose Luis Valles bildmächtiger, von einem traumwandlerischen Erzählrhythmus getragener Debütfilm „Workers“ (Arbeiter) hervor, der ebenfalls von zwei älteren Menschen erzählt, die gegen ihr vermeintlich vorherbestimmtes Schicksal aufbegehren.

Von einem anderen, vielleicht freieren Leben träumen auch die jungen Helden der beiden bemerkenswerten kubanischen Filme: In Lucy Mulloys packendem, energiegeladenem Drama „Una Noche“ (Eine Nacht in Havanna), das mit semidokumentarischen Mitteln das pulsierende Treiben Havannas einfängt, wagen drei Jugendliche mit einem Floß die Flucht aus den bedrückenden Verhältnissen in Richtung Florida. Auch das Liebespaar aus Carlos Lechugas poetisch-melancholischer Milieustudie „Melaza“ (Melasse), die im vergangenen Jahr beim Filmfestival Mannheim-Heidelberg mit dem Hauptpreis prämiert wurde, leiden die Protagonisten unter widrigen Umständen, Armut und Perspektivlosigkeit. Lechuga vermittelt dies in ebenso authentischen wie ungewöhnlichen Bildern vom ländlichen Kuba. Und er lässt den Zuschauer daran teilhaben, wie eine starke, erfindungsreiche Liebe dem Elend trotzt.«