Die unauslotbare Seele

Das 15. Mannheimer Filmseminar im voll besetzten Cinema Quadrat widmete in diesem Jahr seinen „Dialog zwischen Psychoanalyse und Filmtheorie“ dem japanischen Meisterregisseur Akira Kurosawa (1910 - 1998). Bekannt für seine stilisierten Samurai-Dramen und genialen Shakespeare-Adaptionen, gilt der studierte Maler als vermeintlich „westlichster“ Regisseur Japans.

Tatsächlich hatte Kurosawa den Anspruch, so der renommierte Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger in seinem Eröffnungsvortrag „Global Cinema“, internationales Kino zu machen. In der Folge dienten einige seiner Filme so namhaften Regisseuren wie John Sturges und Sergio Leone als Vorlage für Remakes.

Kurosawas genuine filmische Handschrift als Ausdruck seiner „persönlichen Mythologie“ (Roland Barthes) exemplifizierte Stiglegger, kenntnisreicher Autor einer Kurosawa- Werkmonographie, nicht nur anhand wiederkehrender Stilmittel – ein Thema, das Referent Peter Bär in einer Bildanalyse des Films „Yojimbo (1961) noch vertiefte –, sondern auch mit Blick auf Schlüsselmotive. Trotz inhaltlicher Vielseitigkeit rückte dabei Kurosawas „Ästhetik des langen Abschieds“ in den Mittelpunkt; und damit auch die Frage, ob sein angeblich humanistisches OEuvre nicht vielmehr von einem Pessimismus geprägt sei. Akira Kurosawas berühmtester Film „Rashomon“ (1950) und Ralf Zwiebels „filmpsychoanalytische Reflexionen“ dazu lieferten diesbezüglich eine dankbare Diskussionsgrundlage. Die multiperspektivische Erzählung eines Verbrechens, verstanden als Beziehung zwischen „Vielstimmigkeit und eigener Stimme“, führt demnach als „kognitive Verzerrung“ nicht nur die „Selbsttäuschung“ mit sich, sondern bewirke durch die „zirkulierenden Transformationen von Wort und Bild“ auch eine „unendliche Interpretation“.

Lasterhafter Egoismus

Er habe, so schrieb Akira Kurosawa, mit „Rashomon“ einen Film über die unauslotbare Psyche des Menschen, seinen lasterhaften Egoismus und seine Unfähigkeit, „aufrichtig zu sich selbst zu sein“, gemacht. Unverkennbar vom Existenzialismus beeinflusst, scheint darin zunächst „der Glaube an den Menschen verloren“ – bis sich am Schluss des Films doch noch ein Hoffnungsschimmer zeigt.

Publikation: Mannheimer Morgen, 24.01.2017
Autor: Wolfgang Nierlin