Nie wieder Krieg: Seit mindestens 100 Jahren beschwört diese Formel den Frieden. Nie wieder Krieg? Die Gegenwart straft die Forderung Lügen. Leider. In unserem Monatsschwerpunkt zeigen wir fünf Filme – vier aktuelle Produktionen sowie die Wiederaufführung eines sowjetischen Filmklassikers –, die sich mit den verheerenden Auswirkungen von Krieg auf die Menschen, auf Geist und Seele und nicht zuletzt auf unser Verständnis von Europa beschäftigen: im Zweiten Weltkrieg ebenso wie auf dem Balkan, in Syrien und im Donbass sowie in einer universellen Geschichte von Gewalt und Flucht.

Donbas

Donbass

UKR/DEU/FRA/NLD/ROU/POL 2018. R: Sergei Loznitsa. D: Boris Kamorzin, Valeriu Andriuta, Tamara Yatsenko, Thorsten Merten. 121 Min. Ukr-RussOmdtU. FSK: 12

Seit 2014 herrscht in der Donbass-Region in der Ostukraine ein blutiger Konflikt zwischen prorussischen Separatisten und ukrainischen Truppen. In 13 kaleidoskopartigen, teils absurden Vignetten zeigt der ukrainische Regisseur Sergei Loznitsa ein Land, das zwischen dem Alltag im Bürgerkrieg, informellen Machtstrukturen, Korruption und Fake News zerrieben wird. Eine Gruppe Schauspieler inszeniert einen TV-Beitrag über einen fingierten feindlichen Anschlag; aus Rache für einen vermeintlichen Rufmord kippt eine Politikerin Fäkalien über den Kopf eines Chefredakteurs; ein Mann führt durch eine weitverzweigte Bunkeranlage, in dem dutzende Menschen Zuflucht vor Feuerbeschuss suchen. Beschlagnahmungen, Kontrollschikanen und Prügelstrafen sind an der Tagesordnung. Der kalte Horror von Angst, Gewalt und Hysterie erfasst mehr und mehr Bereiche des Lebens und nimmt immer groteskere Züge an… Loznitsa erhielt für seinen medienkritischen und hochpolitischen Episodenfilm mehrere Preise, unter anderem in Cannes für die beste Regie in der Sektion „Un Certain Regard“.

So. 08.05.2022, 19:30 Uhr, Mi. 11.05.2022, 17:30 Uhr

Komm und siehe

Komm und sieh

(Idi i smotri)
UdSSR 1985. R: Elem Klimow. D: Alexei Krawtschenko, Olga Mironowa, Liubomiras Laucevičius. 143 Min. RussOmdtU. FSK: 16

Weißrussland, 1943. Fljora, fast noch ein Kind, buddelt am Strand nach alten Gewehren, um endlich Partisan werden zu können. Als er fündig wird, zieht er trotz Flehens seiner Mutter stolz in den Kampf. Der kindliche Traum von Heldentaten und Abenteuer zerplatzt allerdings schon bald angesichts erster blutiger Verluste. Und so beginnt für ihn auf der Rückkehr in sein Dorf eine Odyssee, die ihn in nur wenigen Tagen mitten in die Hölle des Zweiten Weltkriegs führt, wenn er Zeuge wird von grausamen Massakern und erbarmungslosen Partisanenkämpfen.

Als Wiederaufführung, restauriert und ungeschnitten, kommt dieser Klassiker des Antikriegsfilms erneut in die Kinos: „Ein Kriegsfilm von ungeheurer Brutalität, aber auf seinem Höhepunkt schlägt der Schrecken um in furchtbare Nachdenklichkeit“, schrieb Andreas Kilb in der Zeit, und Roger Ebert meinte: „Ich kenne kaum einen anderen Film, der das menschlich Böse schonungsloser zeigt.“

So. 15.05.2022, 19:30 Uhr, Mi. 18.05.2022, 17:30 Uhr

Quo vadis, Aida?

Quo vadis, Aida?

BIH/AUT/ROU/NLD/DEU/POL/FRA/NOR 2020. R: Jasmila Žbanić. D: Jasna Ðuriči, Izudin Bajrović, Boris Ler, Dino Bajrović. 104 Min. BosnOmdtU. FSK: 12

Srebrenica, Juli 1995, mitten in Europa: Es zeichnet sich das bis dahin schwerste Kriegsverbrechen seit dem Zweiten Weltkrieg ab. Der Film folgt Aida beim Versuch, ihren Mann und ihre Söhne in Sicherheit zu bringen – sie selbst befindet sich in der internationalen Schutzzone. Verzweifelt und ohnmächtig zugleich rast sie durch das Fabrikgelände, Sitz einer völlig überforderten UN-Einheit, die den bosnischen Schutzsuchenden nichts bieten kann. Die serbische (!) Schauspielerin Jasna Ðuriči spielt diese Frau eindringlich, verletzlich und getrieben; und Jasmila Žbanić (ESMAS GEHEIMNIS) inszeniert ihren Film wie einen Thriller, nur dass es keine überraschende Rettung in letzter Sekunde geben kann. QUO VADIS, AIDA? ist ein Film über ein gewalttätiges Kriegsverbrechen – ohne die Gewalt direkt zu zeigen, was den Film umso erschütternder macht. Über 8000 Menschen wurden in Srebrenica innerhalb von wenigen Tagen massakriert.

Der Film wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem im Dezember 2021 mit drei europäischen Filmpreisen als bester Film sowie für die beste Regie und die beste Darstellerin.

Di. 24.05.2022, 19:30 Uhr

Für Sama

Für Sama

(For Sama)
GBR/SYR 2019. R: Waad al-Kateab, Edward Watts. Dokumentarfilm. 104 Min. SyrOmdtU. FSK: 16

Ein Film als Vermächtnis der Regisseurin für ihre Tochter: Sama wurde mitten im syrischen Bürgerkrieg geboren. Waad al-Kateab filmte über einen Zeitraum von fünf Jahren mit Handy und mit Kamera zunächst die Protestbewegungen gegen Assad, dokumentierte dann den furchtbaren Krieg aus dessen Mitte heraus, aus Aleppo – dort verliebt sie sich, heiratet, bekommt ihr Kind, während um sie herum der verheerende Bürgerkrieg die Stadt, das Leben zerstört: Bomben auf das Krankenhaus, Chlorgas, Streu- und Fassbomben, Massaker an Frauen und Kindern.

Die Regisseurin stellte zusammen mit Edward Watts in ihrem englischen Exil über 500 Stunden privater Video-Aufzeichnungen zu diesem beeindruckenden Dokumentarfilm zusammen, der ganz unmittelbar veranschaulicht, was Fernsehnachrichten nie zeigen können: Den Alltag der jungen Familie, das Aufwachsen eines Kindes inmitten des Zusammenbruchs der Zivilisation. „Ein Film voller Grauen – und doch ein Zeugnis von Hoffnung in einem Land voller Hoffnungslosigkeit.“ (ZDF Aspekte)

Do. 26.05.2022, 19:30 Uhr

Die Odyssee

Die Odyssee

(La traversée)
FRA/DEU/CZE 2020. R: Florence Miailhe. Animationsfilm. 84 Min. FrzOmdtU. FSK: 12

Das kleine Dorf, in dem die Geschwister Kyona und Adriel aufwachsen, wird eines Nachts überfallen. Die Familie ist gezwungen, vor der eskalierenden Gewalt zu fliehen. Als Kyona und Adriel von ihren Eltern getrennt werden, müssen sie ihren weiteren Weg alleine gehen. So beginnt eine heldenhafte Reise, die die beiden Kinder über einen Kontinent voller Gefahren führt. Sie schließen neue Freundschaften, aber immer wieder holen sie der Krieg und ihre eigene Geschichte ein. Auf ihrer Suche nach Sicherheit und Freiheit lassen sie ihre Kindheit hinter sich.

Inspiriert von der Flucht ihrer Urgroßeltern aus Odessa schuf die Künstlerin Florence Miailhe einen beeindruckenden Film, an dem sie zehn Jahre arbeitete: Der Film besteht aus 120.000 Einzelbildern, gemalt mit Öl auf Glas – eine aufwändige Technik, die erstmals für einen abendfüllenden Film angewandt wurde. Der mehrfach ausgezeichnete Film besticht durch die zarte Schönheit, mit der Krieg, Vertreibung, Flucht, Hunger, Angst und Verheerung geschildert werden – für erwachsenes wie für jugendliches Publikum: „Ein Film, wie man ihn nie zuvor gesehen hat.“ (programmkino.de)

So. 29.05. & Mo. 30.05.2022, 19:30 Uhr