Am Sa., 29. Juni, findet ab 11 Uhr ein Filmprogramm im Rahmen der 20. Internationalen Schillertage des Nationaltheaters Mannheim statt. In drei Programmen laufen mittellange wie kurze Filme sowie der auf der Berlinale gefeierte und mit dort unter anderem mit dem Preis der Ökumenischen Jury ausgezeichnete mazedonische Spielfilm „God Exists, Her Name is Petrunya“. Der Film läuft lange vor seinem offiziellen Kinostart.

Fieber, Depression, Exzess, Erschöpfung oder Atemlosigkeit – Themen, mit denen sich auch Friedrich Schiller beschäftigten – werden in diesem fiebrig-feministischen Filmprogramm in drei Akten als Empowerment-Strategien gegen Mechanismen von Ausgrenzung, Sexismus, Disziplinierung oder Pathologisierung gelesen. Der Film-Schillertag im Cinema Quadrat spürt quer durch die Filmgeschichte dem Fieber auf assoziative Weise nach.

Programm & Einführungen: Betty Schiel und Stefanie Görtz

In Kooperation mit den Internationalen Schillertagen Mannheim/Festivalakademie, Nationaltheater Mannheim

Eintrittspreise:
Tageskarte: 15 Euro / erm. 12 Euro / Mitglieder 10 Euro (um Reservierung wird gebeten)
Einzelveranstaltungen 8 Euro / erm. 6 Euro / Mitglieder 5 Euro

Informationen auch unter https://www.nationaltheater-mannheim.de/de/schillertage/stueck_details.php?SID=3435

Programm 1: „Ein Clash“

Intime Einblicke aus dem Super 8-Tagebuch von Anne Charlotte Robertson (A BREAKDOWN (AND) AFTER THE MENTAL HOSPITAL, USA 1982/91, 26 Minuten) treffen auf stilisierte Choreographien von Clara van Gool im stressgeladenen Finanzdistrikt Londons (VOICES OF FINANCE, NLD 2016, 32 Min).

Sa. 29.06.2019, 11:00 Uhr

Im Einzelnen:

A Breakdown (and) after The Mental Hospital
Regie: Anne Charlotte Robertson, USA 1982/91, 26 Min.
Anne Charlotte Robertson (†2012) ist eine Ikone des Super-8-Tagebuch-Films, eine Avantgarde-Künstlerin, die ihr Medium vielschichtig einsetzte. Sie glaubte an das Filmemachen als Überlebensstrategie. Als ihr wichtigstes Werk gilt das 38-stündige „Five Year Diary”, eine dichte Bild-und-Ton-Montage aus Selbstportraits, obsessiven Detailaufnahmen und Stimmungsbildern in beeindruckender Bildsprache. Rolle 23 beschreibt den Zeitraum vom 1. September bis zum 13. Dezember 1982.  

Voices of Finance
egie: Clara van Gool, NL 2016, 32 Min.
Clara van Gool experimentiert mit narrativen Techniken für fiktionale und dokumentarische Arbeiten und arbeitet mit verschiedenen Choreograf*innen, um Tanz auf die Leinwand zu übersetzen. Ihr Dokudrama basiert auf dem gleichnamigen Banking-Blog von Joris Luyendijk aus dem britischen „The Guardian”, der Selbsteinschätzungen von Managern aus der globalen Finanzwelt zusammenstellte. Die Kamera folgt zehn Charakteren im Finanzdistrikt Londons, die in stilisierten Choreografien aus dem Off gesprochene Monologe verkörpern. Eine kompetitive, glamouröse, anstrengende, unsichere und stressgeladene Welt, in der jeder Tag der letzte sein kann.

Programm 2: „Crescendo“

Ein fiebrierendes Kurzfilmprogramm – unter anderem: Die allererste Spielfilmregisseurin Alice Guy zeigt 1906 urkomisch die abstrusen Gelüste einer Schwangeren; Raucher*innen, die ihr Verlangen im Verborgenen stillen; eine wohnungslose junge Mutter, die protestierend einen Kran erklimmt; ein photokinetisches, stroboskopisches Filmspektakel.

Sa. 29.06.2019, 13:30 Uhr

Im Einzelnen:

Bann
Regie: Nina Könnemann, D 2011, 8 Min.
Nina Könnemann beobachtet Angestellte, die sich in der Londoner Innenstadt zum Rauchen in den Nischen und Durchgängen ihrer Büro-Komplexe verstecken. Elegant gekleidete Männer und Frauen, die seit dem jüngsten EU-Rauchverbot auf öffentlichen Plätzen gezwungen sind, ihr unzulässiges Verlangen im Verborgenen zu stillen.  

Nr. 1. Aus den Berichten der Wach- und Patrouillendienste
Regie: Helke Sander, D 1984/85, 11 Min.
Helke Sander – Gründerin des 1. Internationalen Frauenfilm-Seminars 1973 und Mitbegründerin der Zeitschrift „Frauen und Film“ – erzählt hier nach einer wahren Begebenheit die folgende Geschichte: Eine Frau klettert in Hamburg mit ihren beiden Kindern auf die Spitze des Auslegers eines Baukrans und droht hinunterzuspringen, wenn ihr bis zum Abend keine bezahlbare Wohnung nachgewiesen wird.  

Jackson Marker 4 a.m
Regie: Ruth Beckermann, A 2012, 3 min.
Eine nächtliche Szene in Jackson, Mississippi: Rapmusik um vier Uhr morgens und ein Tänzer im Pailletten besetzten Kleid ganz bei sich, mitten auf der Straße. Eine Street Performance, bei der es auch darum geht, das Geld für den nächsten Tag zu verdienen.  

Madame a des envies
Regie: Alice Guy, Gaumont Production, F 1906, 4 Min.
Die abstrusen Gelüste einer Schwangeren werden zum Gegenstand einiger komischer Szenen. Mit Lust verstößt die Heldin gegen die sonst geltenden Regeln von Anstand und Sitte. Alice Guy war die erste Filmregisseurin der Geschichte und einer der ersten Menschen, die überhaupt Filme für ein schaulustiges Publikum drehten. 

Somewhere Only We Know
Regie: Jesse McLean, USA 2009, 5 Min.
Was verrät ein Gesicht? Close-Ups von Teilnehmer*innen unterschiedlicher US-Casting-Shows lassen die mehr oder weniger spontanen emotionalen Exzesse erkennen, die das mediale Format als Beweis authentischen Wettstreits einfordert.  

Buck Fever
Regie: Neozoon, D/F 2012, 6 Min.
Eine YouTube-Collage von Amateuraufnahmen: Die Anspannung der Jäger vor und den befreiten Moment nach dem Abschuss eines Tieres. Danach positionieren sich die Großwildjäger mit ihrem erlegten Wild vor der Kamera und geben ihren Emotionen Ausdruck. 

Cipka (Pussy)
Regie: Renata Gąziorowska, PL 2016, 8 Min.
Eine junge Frau, ein freier Abend allein zu Haus: einer sinnlichen „Solo-Session” mit allem Drum und Dran scheint nichts im Wege zu stehen. Doch Cipka (polnisch für „Pussy”) scheint ein Eigenleben zu führen – die Situation gerät außer Kontrolle... Ein rasanter und eigenwilliger Animationsfilm.  

DizzyMess
Regie: Vivian Ostrowsky, USA 2016, 8 Min.
Eine experimentelle Found-Footage-Arbeit, die sich den schwindelerregenden Momenten der Filmgeschichte verschrieben hat: „DizzyMess” erforscht das faszinierende und inspirierende Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. „DizzyMess” ist Teil eines fortlaufenden Projekts zum Thema Schwindel, das auf dem Blog on-dizziness.com dokumentiert ist.  

Let Your Light Shine
Regie: Jody Mack, GB 2013, 3 Min.
Jodie Macks handgefertigte Filme sind komponierte, abstrakte Collagen. Sie lotet die Beziehung zwischen dem grafischen und dem narrativen Kino aus. Sie spielt mit der Spannung zwischen Form und Bedeutung in einem postpsychedelischen Klima. „Let Your Light Shine” ist das ultimative photokinetische, stroboskopische Spektakel.

God Exists, Her Name Is Petrunya

Programm 3: „Finale“

GOD EXISTS, HER NAME IS PETRUNYA
MKD/BEL/SVN/HRV/FRA 2019. R: Teona Strugar Mitevska. D: Zorica Nusheva, Labina Mitevska, Simeon Moni Damevski, Suad Begovski. 100 Min.

Im mazedonischen Städtchen wirft der Priester jeden Januar ein Kreuz in den winterlichen Bach, hundert Männer versuchen es rauszufischen. Diesmal aber stört Petrunya das traditionelle Ritual: Sie – eine Frau! – fischt das Kreuz aus dem kalten Wasser. Ein Frevel, der Klerus, Polizei und Fernsehen auf den Plan ruft. Der – unter anderem mit dem Preis der Ökumenischen Jury auf der Berlinale – preisgekrönte mazedonische Spielfilm ist eine bildgewaltige Satire über eine Gesellschaft voller patriarchaler Stereotypen. Die Sympathie liegt dabei stets bei der entschlossenen Petrunya, die sich gegen archaische Traditionen und lähmenden Opportunismus behauptet.

 Sa. 29.06.2019, 15:00 Uhr