Der Vielstimmige

Kinogänger werden regelmäßig zu Psychologen und Analytiker zu Filmkritikern, wenn sie einmal jährlich imCinema Quadrat zum Seminar „Im Dialog: Psychoanalyse und Filmtheorie“ zusammenkommen. Das 15.Mannheimer Filmseminar befasste sichmit Akira Kurosawa (1910-1998), der Filme wie „Die sieben Samurai“, „Rashomon“ oder „Ran“ drehte und nicht nur damit als westlichster Regisseur Japans gilt.

Es war eine Begegnung in einer Atmosphäre, in der wirklich ein Austausch und ein Weiterkommen möglich gewesen seien, befand am Ende der Mannheimer Psychoanalytiker Gerhard Schneider. Sich Kurosawas Filmen aus einer psychoanalytischen Perspektive zu nähern, fiel allerdings schwer und ließ letztlich ungewöhnlich viele Fragen offen.

Der Tokioter Regisseur präsentiere eben kein fest umrissenes Menschenbild, hieß es in einer der Diskussionen, die das Seminar strukturierten. Seine Filmerzählungen und Figuren hätten so viele verschiedene Seiten, dass eine relativ offene Darstellung entstehe. Auch Analytiker, die gern ausdeuteten,müssten seine Filme vor allem in ihrer Vielstimmigkeit wahrnehmen und sich nicht auf eine Interpretation festlegen. Ergebnislos blieb das Seminar freilich nicht. So konnten zahlreiche Aussagen Mannheim: 15. Seminar zu Psychoanalyse und Filmtheorie über Akira Kurosawa getroffen werden, was Kurosawas Stil, Motive oder Themen betrifft.

Im Eröffnungsvortrag „Global Cinema“ legte der FilmwissenschaftlerMarcus Stiglegger dar, dass Akira Kurosawa von Beginn seiner Karriere in den 1940er Jahren an als Filmemacher mit einer eigenen künstlerischen Handschrift gelten konnte. Er verfasste oder bearbeitete die meisten der Drehbücher, die er verfilmte, zeichnete später zunehmend akribische Storyboards und arbeitete vom ersten Film an mit einem relativ stabilen Ensemble von Mitarbeitern, das ihn dabei unterstützen konnte, seine Visionen Film werden zu lassen. Sein Stil zeige sich zum Beispiel in seiner besonderen dramaturgischen Ökonomie, in Symbolen, die immer wieder aufscheinen, und wiederkehrenden Stilmitteln wie der Wischblende und der Zeitlupe. Resonanz fand Kurosawa, der sich selbst unter anderem vom Western beeinflusst sah, damit besonders im Westen, bei US-Regisseuren wie Sam Peckinpah und George Lucas oder europäischen wie Sergio Leone.

Auch inhaltlich findetman in Kurosawas Filmen wiederkehrende Motive wie den Bezug zur japanischen Kriegerethik des Bushido. Seine Beschäftigung mit dem Tod in „Ikiru“ („Einmal wirklich leben“) und vielen anderenWerken war möglicherweise biografisch motiviert durch eine kindliche Wanderung durch das vom Kanto-Erdbeben 1923 zerstörte Tokio sowie den frühen Suizid seines Bruders Heigo 1933. Mit Darstellungen des Verrinnens der Zeit, des Verabschiedens oder des Vergessens wurde der Tod geradezu zu einem Kurosawa-Schlüsselmotiv, der den Verlauf des Lebens als einen langen Abschied erscheinen lassen kann. „Kurosawas Kino ist ein Kino des allgegenwärtigen Todes“, so Stiglegger.

Der Kasseler Analytiker Ralf Zwiebel nahm im Vortrag „Wenn du die Geschichte nicht verstehst, dann erzähle sie doch“ jenen Film Kurosawas in den Blick, der zum ersten Mal die westliche Welt auf das japanische Kino aufmerksam gemacht hatte: „Rashomon – Das Lustwäldchen“, der 1951 in Venedig den Goldenen Löwen gewonnen hat und in Hollywood den Oscar als bester ausländischer Film. Die vierfache Schilderung einer Vergewaltigung und eines Mordes vermittle eine für den Zuschauer bestürzende Einsicht in die Relativität, die Subjektivität und die Ambivalenz der Wahrnehmung, so Zwiebel. Wie „Rashomon“ vorführe, dass unterschiedliche Interessenlagen undMotive die Wahrnehmung einer Situation maßgeblich beeinflussen, so verstehe auch der Analysand auf der Couch eines Analytikers die eigene Lebensgeschichte nur bruchstückhaft.

Die Leiterin der Kunstvermittlung an der Kunsthalle Mannheim, Dorothee Höfert, konzentrierte sich im Vortrag „Der Traum imTraum oder:Wie kommt ein Betrachter ins Bild hinein?“ auf eine der Episoden im Film„Akira Kurosawas Träume“, die wie die übrigen auf tatsächlichen Träumen des Autors und Regisseurs beruhen soll. In der fünften Episode begegnet ein japanischer Ausstellungsbesucher und Kunstmaler Vincent van Gogh, der hier von Martin Scorsese gespielt wird, und irrt durch intensive, farbenprächtige Bilder des Niederländers. Die Ästhetik der japanischen Malerei übte großen Einfluss auf van Gogh und auf andere europäische Künstler wie Edgar Degas oder Paul Gauguin aus.

Kurosawa, der in den 1920er Jahren Malerei an einer Hochschule für westliche Kunst studiert hatte, fand im japanisch beeinflussten van Gogh einen europäischen Maler, bei dem er sich heimisch fühlen konnte. Er seinerseits drehte in Japan Filme, die Europäer und Amerikaner inspirierten.

Publikation: Die Rheinpfalz, 18.04.2017
Autor: Stefan Otto