KOMMUNALES
KINO MANNHEIM
im Collini-Center
26. Filmsymposium Motiv

26.  Mannheimer Filmsymposium

14. - 16. Oktober 2011

 

ABSCHLUSSBERICHT

 

 

Der Medienpädagoge Ernst Schreckenberg eröffnete den Reigen der Vorträge mit einer Filmzahl von Filmausschnitten, in denen Regisseure am Set gezeigt wurden, mithin mit Regisseuren auf der Leinwand. Er zeigte in der Gestaltung und Beherrschung eines riesigen Apparates als Exzentriker und als „Künstler in der Krise“ eine wunderbare Einstimmung in das Thema.

 

Dominik Graf
Dominik Graf

Als Nächstes stand dann der Fernsehfilm von Dominik Graf DER SKORPION aus dem Jahre 1997 auf dem Plan, ein „schmutziger“ Krimi im Milieu der Drogenfahnder über Selbstjustiz und kleine Pornoprinzessinnen, ein Film, den man im Fernsehen nicht (mehr) erwartet.

 

Im anschließenden Werkstattbericht schilderte der Regisseur Dominik Graf, wie er diesen und andere Stoffe des Autors Schüttler angegangen ist, wie er Inszenierungen vorbereitet, tausende Entscheidungen treffen muss und manchmal auch nicht trifft, um sich einen Freiraum vorzubehalten, wie er getrieben ist von der Ökonomie des Drehens in bestimmter Zeit und mit bestimmtem Etat und wie er sich auch dabei und dafür mit vielerlei Tricks und Erfahrungen Spielräume erarbeitet.

 

Die Schilderungen waren plastisch, spannend und fanden ein begeistertes Publikum. Mit pointierten Formulierungen wie „Kanzleramtsästhetik“ (hinter Glas und mit dem Leben nicht kongruent) oder dem Verweis auf genormte und durch Redakteure immer einheitlicher und damit langweiliger geprägte „Fernseh-Formate“ verstand er es auch humorvoll, kulturpolitische Akzente zu setzen

 

Im anschließenden gut besuchten Empfang der Stadt gab es Möglichkeiten des Austauschs unter den Teilnehmern und zwischen den Referenten und den Gästen. Spät abends gab es dann noch den Film DEUTSCHLAND 09 zu sehen, der am folgenden Tag von Dirk Wilutzki besprochen wurde und der aus 13 kleinen Kurzfilmen von verschiedenen deutschen Regisseuren „zur Lage der Nation“ besteht.

 

Der zweite Tag des Symposiums begann mit einem Referat des Filmkritikers Gerhard Midding aus Berlin, der die filmische Handschrift des Regisseurs Nicolas Ray und dazu dessen Entdeckung und Huldigung seitens der französischen Filmkritiker der Nouvelle Vague beleuchtete. Die Kritiker der „Cahiers du Cinema“ hatten Ray und andere amerikanische Filmemacher als „Autoren“ entdeckt und nachgewiesen, dass auch in einem industrialisierten Studiosystem, wie es in den 40er und 50er Jahren in Hollywood existierte, individuelle Handschriften seitens einzelner Regisseuren möglich waren. Dies ist umso beachtlicher, als diese keine Sonderstellung hatten durch besondere Erfolge an der Kinokasse oder persönliche Beziehungen gegenüber ihren Studios. Midding stellte auch klar, dass diese „politique des auteurs“ keine Theorie war und zwischenzeitlich auch vielfach relativiert wurde, auf der anderen Seite aber filmgeschichtlich betrachtet einen wichtigen Beitrag leistete.

 

Anschließend berichtete der Produzent Dirk Wilutzki über die Idee und deren Umsetzung von DEUTSCHLAND 09. Er schilderte, wie es gelang, Redakteure und Filmförderungsgremien zu überzeugen und dabei den Regisseuren einen völligen Freiraum zu schaffen, in dem sie ohne Vorgaben und Reglementierungen arbeiten konnten. Das Problem war allerdings, dass zum Zeitpunkt der Entstehung des Filmes (kurz vor der Wirtschaftskrise 2008) (noch) kein besonderes Ereignis erfolgt war und keine besonders dramatische Situation bestand, die die Regisseure inhaltlich und/oder stilistisch geeinigt hätten wie im Jahre 1977, als sich die damals bekanntesten Regisseure zum Projekt DEUTSCHLAND IM HERBST zusammengetan hatten. So herrschte 2007/2008 eher ein diffuses Gefühl des Unwohlseins, das viele der Regisseure erfasste, aber zu keiner konkreten Haltung zwang.

 

Podiumsdiskussion
Podiumsdiskussion mit Brigitte Bertele

In der anschließenden gemeinsamen Diskussion unter der Beteiligung der bisherigen Referenten wurden die einzelnen Themen vertieft und wechselseitige Bezüge herausgearbeitet, unter anderem der, dass aktuell das Fernsehen nicht mehr solche Freiräume lässt, wie sie früher bestanden und wie sie zum Beispiel auch Nicolas Ray im Studiosystem Hollywoods nutzte. Solche Freiräume für „Unsauberkeiten“, „Irritierendes“ und „Experimentelles“ können aber gerade einen Stil ausmachen und zu einer Handschrift führen.

 

Am Samstagnachmittag lief der Fernsehfilm NACHT VOR AUGEN von Brigitte Bertele. Der Film schildert die Situation eines deutschen Soldaten, der in Afghanistan stationiert war und dort (wie sich erst später im Laufe des Filmes ergibt) einen unschuldigen Jungen in einer Angstsituation erschossen hatte. Der Protagonist leidet unter dem Trauma, glaubt aber selbst damit fertigzuwerden. Er lehnt Therapieangebote der Bundeswehr ab und erlebt innerhalb der Familie und seitens des Freundeskreises ein absolutes Desinteresse. In seiner uneingestandenen Hilflosigkeit hat er Aggressionsausbrüche. So beschäftigt er sich mit seinem 8-jährigen Halbbruder, der ihn bewundert, und den er mit pseudo-erzieherischen Maßnahmen versucht abzuhärten, im Ergebnis aber verroht.

 

Im anschließenden Werkstattgespräch schilderte die Regisseurin, wie sie zu dem Stoff kam, welche Überlegungen sie zusammen mit der Drehbuchautorin anstellte, wie dieser von einer deutschen großen Fernsehgesellschaft ein Großteil ihres Buches und der Verletzung ihres Urheberrechtes „geklaut“ wurde. Selbst früher als Schauspielerin aktiv berichtete sie über die Arbeit mit Kollegen und welche Diskussionen sich am Set ergaben. Die Regisseurin ließ durch ihre spontane und offene Art die Teilnehmer auch an den Problemen, den Entscheidungsprozessen bei der Umsetzung eines Stoffes und auch an ihren inneren Konflikten teilhaben.

 

Emfpang
Emfpang

In einem weiteren Werkstattgespräch interviewte der Filmwissenschaftler Markus Stiglegger den Regisseur Dominik Graf im Hinblick auf seine filmische Biografie, erlebte Einflüsse, Vorbilder (Hollywood Regisseure Samuel Fuller und Robert Aldrich) und Interessen (Fernsehkrimi Genre der 70er Jahre in Deutschland) und erarbeitete so sehr geschickt für die Teilnehmer, wie Dominik Graf zu seiner „Handschrift“ als Regisseur kam und mit welchen Widerständen er sich auseinandersetzen musste und welche Freiräume er sich erarbeitet hat.

 

Nach dem dann anschließenden Empfang der Kooperationspartner wurde noch (in Abwandlung der Programmplanung) der Film GEGEN DIE WAND des deutsch-türkischen Regisseurs Fatih Akin vorgeführt. Der ursprünglich vorgesehene Film „Kurz und schmerzlos“ vom gleichen Regisseur war nicht zu bekommen, da die Musikrechte abgelaufen waren und nicht für eine einzelne Vorstellung abgegolten werden konnten.

 

Ralph Fischer
Ralph Fischer

Der Sonntagmorgen begann mit einem Vortrag von Ralf Michael Fischer, Kunsthistoriker aus Tübingen, der den Regisseur Anthony Mann als „Hollywood-Auteur“ vorstellte. Dieser hatte insbesondere in den 40er Jahren und zu Beginn der 50er Jahre mit „Film-Noir“-Filmen und dann mit einer Reihe von Western auf sich aufmerksam gemacht. Fischer arbeitete insbesondere heraus, wie dieser Regisseur in den Genrefilmen immer sehr gut eine Sozialkritik an der amerikanischen Gesellschaft unterbringen konnte, was angesichts der strengen Genre-Vorgaben einerseits und auch der Gesamtpolitik in Hollywood als eine besondere Handschrift angesehen werden muss, da sich einerseits nicht jeder Regisseur damit durchsetzen konnte, aber auf der anderen Seite diese inhaltlichen Aspekte fast im gesamten Werk des Regisseurs zu finden sind. Der Vortrag machte auch deutlich, welche Spielräume trotz aller industriellen Vorgaben einem guten Regisseur im Rahmen der Umsetzung eines vorgegebenen Drehbuchs verblieben.

 

Anschließend referierte die Filmwissenschaftlerin Jennifer Borrmann über Fatih Akin, den sie als „transkulturell arbeitenden Regisseur“ beschrieb, indem er seine zwei Kulturen, in denen er beheimatet ist (die deutsche und die türkische) und seine biografischen Erfahrungen in sein gesamtes Werk einbringt. Die Referentin arbeitete dabei insbes. heraus, dass er dabei im Laufe seines Werkes auch auf die Veränderung der Gesellschaft gegenüber Migranten bzw. die Veränderung der Migranten selbst wiederspiegelt. Ganz frühere Filme von Akin beschreiben noch die Stigmatisierung von Migranten, spätere Werke schildern die Integrationsbemühungen beider Seiten mit teilweise positiven, teilweise negativen Ergebnissen und die jüngsten Werke beschäftigen sich auch mit der Bereicherung der deutschen Kultur durch Emigranten. Die beiden letztgenannten Referenten illustrierten ihre Vorträge sehr anschaulich mit Filmausschnitten.

 

In einer anschließenden Diskussionsrunde wurden abschließend nochmals die Vorträge miteinander in Beziehung gesetzt und ergänzende Fragen beantwortet.

 

Abschließend war der Film AUGE IN AUGE von Michael Althen zu sehen, der nochmals die deutsche Filmgeschichte von der Stummfilmära bis ins 21. Jahrhundert Revue passieren ließ, indem er zehn deutsche Regisseure über ihre zehn deutschen Lieblingsfilme sprechen ließ und damit sowohl die Vorbilder als auch die derzeitigen Vertreter des deutschen Films zusammenbrachte.

 

Insgesamt muss das Symposium als voller Erfolg gewertet werden. Es war mit ca. 120-130 Teilnehmern an verschiedenen Tagen außerordentlich gut besucht. Die Teilnehmer bestätigten allgemein, durch die Vorträge und Filme eine in sich schlüssige und in jeder Hinsicht bereichernde Weiterbildung erfahren zu haben und auch die Referenten brachten zum Ausdruck, viele neue Erkenntnisse mitgenommen zu haben.

 

Peter Bär