Ursula von Keitz
Filmwissenschaftlerin, Potsdam

Vortrag 1:
Heldinnen-Reisen? Narration, Blickstrukturen und Figurenentwicklung im (nicht nur) feministischen Film

Laura Mulveys 1975 erschienener Aufsatz „Visual Pleasure and Narrative Cinema“ wurde in und auch außerhalb der feministischen Filmtheorie breit diskutiert – gefeiert wie auch kritisch gelesen. Im ersten Teil des Vortrags soll diese Debatte kurz vorgestellt werden. Im zweiten Teil wird über die von Mulvey kritisierten Konventionen von Inszenierung, Kamerahandlung und Schnitt hinaus die Frage nach der Gender-Spezifik des für den Spielfilm vielfach leitenden dramaturgischen Konzepts der Heldenreise aufgeworfen, angelehnt an die Konzeptionen einer "klassischen" gegenüber einer "modernen" Filmdramaturgie. Dabei geht es darum, zu reflektieren, wie weit dieses Modell für weibliche Hauptfiguren trägt und ob und worin sich das „weibliche“ Kino ggf. von dem (unhinterfragt) für männlichen Protagonisten entwickelten Modell unterscheidet. Dies soll u.a. anhand von MÄDCHEN IN UNIFORM (1931), STRANGE DAYS (1998) und DIE GÄRTNERIN VON VERSAILLES (2015) diskutiert werden.

Fr. 07.10.2022, 17:45 Uhr

Melanie Beisswenger,

Melanie Beisswenger,
Filmwissenschaftlerin für Animation, Salzgitter

Vortrag 2:
Frauen-BILDER in der Animation:  Von Disneys Prinzessinnen zu den Powerfrauen von Netflix’ ARCANE

Rollen von Frauen in Filmen spiegeln das vorherrschende Frauenbild in der Gesellschaft wieder. Im Animationsfilm ergeben sich zusätzliche Herausforderungen: die Figurenbeschreibungen sind oft übertrieben in ihrer Persönlichkeit, in ihren Wünschen, ihren Zielen und ihrem Handeln innerhalb der Erzählung. Überzeichnungen der Persönlichkeit und Rolle werden hier auch über die Figurengestaltung und -proportionen dargestellt. Frauen in Mainstream-Animationsfilmen unterliegen jedoch scheinbar anderen Kriterien als männliche Figuren, denn es werden oft weibliche Körperstereotype reproduziert unter der Annahme, dass positiv besetzte Hauptfiguren einem standardmäßigen Schönheitsideal und Körperformen entsprechen müssen. Ein Blick auf Designs von animierten Mädchen- und Frauenfiguren in Mainstream Produktionen wirft ein kritisches Auge auf ältere und aktuelle Frauen-BILDER.

Sa. 08.10.2022, 10:30 Uhr

Esther Buss

Esther Buss,
Film- und Kunstkritikerin, Berlin

Vortrag 3:
Körperinszenierungen / Körperbilder

Wenn in aktuellen Filmkritiken der Begriff „female gaze“ fällt, sind damit meist emanzipative Blickverhältnisse, weibliche Selbstermächtigung oder körperliche Überschreitungen (etwa im Body Horror) gemeint. Konzeptuelle Ansätze, die mit einem distanzierten filmischen Vokabular, mit Performativität und Zeit arbeiten, werden dagegen meist vernachlässigt.

In meinem Vortrag möchte ich den Blick auf die kritische Repräsentation des weiblichen Körpers in Filmen von Chantal Akerman, Nanouk Leopold, Joanna Hogg und anderen richten. Zur Betrachtung stehen das Zusammenspiel von Körper, Objekt und Raum, spielerische Verweigerungen, fragmentierte Darstellungen und affektiv aufgeladene Körperbilder, die alternative Formen von Schaulust provozieren.

.Sa. 08.10.2021, 11:30 Uhr

Im Gespräch: Céline Sciamma:
Eine Diskussion der Filmwissenschaftler*innen Bianca Jasmina Rauch (Wien) und Marcus Stiglegger (Mainz)

Subjektwerdung durch den weiblichen Blick?e

Céline Sciamma ist gegenwärtig die Filmemacherin, deren Arbeit am häufigsten als Realisation eines „weiblichen Blicks“ betrachtet wird. Die Suche nach der eigenen Identität, die Erfahrung lesbischen Begehrens und weibliche Solidarität werden in ihren Spielfilmen als Prozesse emanzipativer Subjektwerdung erzählt. PORTRÄT EINER JUNGEN FRAU IN FLAMMEN nennt die Filmemacherin selbst „a manifesto on the female gaze” und betont damit ihre explizite Antwort auf den das Kino seit jeher dominierenden „male gaze“ (Laura Mulvey). Es stellt sich die Frage, welche Praktiken und Ästhetiken einen „female gaze“ – ein im öffentlichen Diskurs oft vorschnell gewählter Begriff – manifestieren können. Dabei ist die Frage, ob dieser Begriff wirklich treffend ist, denn man könnte bei ihren Filmen auch von einem „queer“ oder „subjective gaze“ sprechen. In Sciammas Filmen zeigt sich weibliche Solidarität als Chance, alternative visuelle und narrative Sphären zu dominanten Macht- und den damit verbundenen Blickstrukturen zu kreieren. Das Begehren ihrer genderfluiden Charaktere wird nicht zur einseitigen Objektifizierung stilisiert, sondern wird in der Visualität der Bilder als sensible Intimität spürbar. In PORTRÄT EINER JUNGEN FRAU IN FLAMMEN blicken wir als Rezipierende mit den Figuren statt auf diese und sind auf einer weiteren Ebene dazu angehalten, den Prozess des Angeschaut-Werdens zu reflektieren. Das Podiumsgespräch wird diese Konzepte anhand ausgewählter Ausschnitte diskutieren

Sa. 08.10.2022, 16:45 Uhr

Johanne Hoppe

Johanne Hoppe,
Filmwissenschaftlerin, Potsdam

Vortrag 5:
Feminist Porn – Von Körperpolitiken, Female Gaze und Empowerment

Feminist Porn fordert tradierte Schönheitsbilder, Geschlechterrollen und sexuelle Normen gleichermaßen heraus. Subversiv wie lustvoll wird der Bewegung ‚PorNo‘ ein sex- und körperpositiver Gegenentwurf gegenübergestellt. Der Hintergrund ist alles andere als unpolitisch, es geht nicht nur um Körperpolitiken, sondern auch um Produktionsethik, Kapitalismuskritik, Rechte von Sexarbeitenden, das Infragestellen von normativen Beziehungsmustern und die feministische Grundsatzforderung nach Selbstbestimmung. Zunehmend finden diese Diskurse Eingang in Bildungsarbeit, akademische Forschung und Lehre. Der Vortrag stellt vor, inwiefern sich Feminist Porn vom Mainstream-Porno abgrenzt, welche Produktions- und Rezeptionsethiken angestrebt werden und welche Funktion ein female gaze in diesem Zusammenhang haben kann.

Sa. 08.10.2022, 18:15 Uhr

Julia Schlingmann

Julia Schlingmann,
Director of Photography (bvk), Stuttgart

Werkstattbericht:
Männlichkeit aus weiblicher Perspektive – Werkstattbericht einer  Dokumentarfilmproduktion in Serbien

Oft bemerken wir Unterschiede erst, wenn etwas anders ist, als wir es kennen, oder wenn eine Irritation stattfindet. Genauso erging es der Regisseurin Johanna Bentz und der Kinematografin Julia Schlingmann bei ihrem Zwei-Frauen-Dreh über einen aus Deutschland abgeschobenen Roma in Serbien. In einem kollektivistisch geprägten Land mit starken patriarchalischen Strukturen begann für sie eine kulturelle sowie geschlechtsspezifische Auseinandersetzung ihrer Arbeit. Mit Rückschlüssen auf die eigene Kultur gewannen sie neue Erkenntnisse über die Wechselwirkung des Filmteams mit den männlichen Protagonisten und kamen ihrer weiblichen Sichtweise auf die Spur. Wie spiegeln sich die unsichtbaren und kontroversen Auseinandersetzungen hinter der Kamera im Filmwerk? In einem Film, der fast nur Männer zeigt, mussten sie ihre geplante Vorgehensweise der Umsetzung oft neu anpassen.

Inklusive 45-minütigem Dokumentarfilm!

So. 09.10.2022, 10:00 Uhr

Lioba Schlösse

Lioba Schlösser,
Filmwissenschaftlerin, Düsseldorf

Vortrag 6:
Begehren und Subjektwerdung. Inszenierung von Lesbian Gaze  in Todd Haynes’ CAROL (2015)

CAROL gilt sieben Jahre nach Erstaufführung in Cannes als einer der erfolgreichsten und vor allem beim queeren Publikum beliebtesten lesbischen Liebesdramen.

Was das lesbische Liebesdrama mit 50er-Jahre Atmosphäre so beliebt macht, scheint auf den ersten Blick ersichtlich: die enorm romantische und nahezu verklärte Blicke der beiden Hauptcharaktere aufeinander, mit dem sie sich ansehen, anziehen und anhimmeln.

An diese Beobachtung anschließend ist es interessant zu fragen, welche Eigenschaften dem von Todd Haynes inszenierten Lesbian Gaze in CAROL zugrunde liegen, um diese Wirkung zu entfalten. Wie unterscheidet sich diese Inszenierung von der anderer lesbischer Liebesfilme? Welche Rolle spielt es, dass dieser Blick von Todd Haynes als homosexuellem Regisseur inszeniert wurde und damit grundsätzlich ein spezielles, ebenfalls LGBTQI*+-gerichtetes Publikum anspricht?

Diesen Fragen geht der Vortrag nach und versucht zu zeigen, wie Lesbian Gaze und Female Gaze zusammenhängen und miteinander wirken. Er evaluiert, wie sie in CAROL helfen, die sehr eigene, verklärte Atmosphäre zu konstituieren und die Figuren zu runden Charakteren werden zu lassen. Schlussendlich stellen Kameraführung und Blickdramaturgie die künstlerischen Stilmittel dar, die in Kombination mit dem ausdrucksstarken Soundtrack den gesamten Film tragen und ihn zu einem filmischen Erlebnis werden lassen, das unter die Haut geht.

So. 09.10.2022, 12:15 Uhr