Henk Drees
Filmwissenschaftler und Filmemacher, Kölnerg


VORTRAG 1 Mehr als die Reise des Helden – Die Ebenen der Filmerzahlung

Die Reise des Helden – an vielen Schaltstellen der Filmproduktion, vom Drehbuchautor bis zur Fernsehredaktion, hat sich in Anlehnung an die Mythen- und Dramentheorie ein dramaturgisches Denken Geltung verschafft, das die spannend komponierte Erlebnisreise eines Protagonisten/Helden in den Mittelpunkt stellt. Dabei stehen die Relevanz und der kreative Nutzen solcher Konstruktionsschemata außer Frage, sie dürfen nur den Blick nicht verstellen auf die anderen reichhaltigen und faszinierenden Quellen, aus denen sich die (Film-)Erzählung speist. Der Vortrag möchte einen Eindruck geben von diesen vielfältigen Keimzellen der Erzählung, von den kleinsten poetischen Bausteinen, die sich aus sensibler Beobachtung und Inspiriation ergeben und sich dann im Idealfall zu einer großen, „magischen“ Erzähldramaturgie fügen. Die Arbeit am Dokumentarfilm ist für diese „Schule des Sehens“ prädestiniert, zumal sie auch den Blick öffnet für die Möglichkeiten des fiktionalen Films. Gleichzeitig lassen sich neben den Gemeinsamkeiten aber auch die Unterschiede zwischen fiktionalem und dokumentarischem Erzählen herausdestillieren.

Jürgen Kasten
Film- und Fernsehwissenschaftler, Berlin


VORTRAG 2 "Worte erzeugen Bilder und Struktur –Zur Geschichte der Drehbuchautoren 1895 bis 1933

Die Erfindung und Entwicklung des Drehbuchs folgt der Erweiterung der produktionsästhetischen Filmlängen und der daraus erwachsenen produktionsästhetischen Organisationsanforderungen. Ab ca. 1910 ist eine schriftliche Vorformulierung in narrativer Bilderabfolge Standard. Der deutsche Stummfilm bringt eine Reihe herausragender Autoren hervor. Es sind nicht Literaten, um die sich der Film stets vergeblich bemüht, sondern es sind eigenwillige, dabei jedoch in den Dienst der kollektiven Bilderevokation tretende Autoren. Der Vortrag untersucht unter anderem Werke von Carl Mayer, dem Poeten des Films, Thea von Harbou, Hanns Krähly, Robert Liebmann, Jane Beß bis zu Curt Siodmak und Billy Wilder.

Ralph Michael fischer
Kunsthistoriker, Universität Tübinge


VORTRAG 3 2001 revisited – Kubricks Drehbuch-Odyssee
S

tanley Kubricks Science-Fiction-Klassiker „2001 – A Space Odyssey“ ist durch seine atemberaubende audiovisuelle Gestaltung und insbesondere durch seine reduzierte Handlung, die wenig erklärt und dafür umso mehr Fragen aufwirft, auch noch nach 50 Jahren eine Herausforderung für das Publikum. Der Vortrag erörtert die maßgeblichen Etappen, die vom erklärenden Drehbuchtext zum rätselhaften Kinoerlebnis geführt haben, und konzentriert sich dabei vor allem auf den besonderen Stellenwert von Bildern, Montage und Musik.

Ernst Schreckenberg
Medienpädagoge, Paderborn

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VORTRAG 4 Schreiben in Bildern – Der Drehbuchautor Tonino Guerra

Als Drehbuchautor war der 2012 im hohen Alter von 92 Jahren verstorbene Italiener Tonino Guerra ein maßgeblicher Akteur des klassischen europäischen Autorenkinos: In enger Zusammenarbeit mit den Größen des italienischen Kinos wie Antonioni, Fellini, Rosi oder den Brüdern Taviani, später dann auch mit Tarkowskij und Angelopoulos, verlieh er den Filmen dieser Regisseure eine besondere Färbung, ein stilistisches Surplus – wie etwa das Tennisspiel ohne Ball am Ende von „Blow-up“. Trotz der hohen Wertschätzung seiner Regisseure, die immer wieder seine Zusammenarbeit suchten, teilte auch eine filmhistorisch so bedeutende Persönlichkeit wie Tonino Guerra das Schicksal der meisten Drehbuchautoren, nämlich vom Publikum wie von der filmhistorischen Literatur kaum wahrgenommen zu werden.

Marcus Stiglegger
Filmwissenschaftler, Berlin


VORTRAG 5 Unzuverlassige Erzahlstrategien des Films

An zahlreichen Filmausschnitten wird sich der Überblicksvortrag mit unterschiedlichen Strategien der unzuverlässigen Erzählung innerhalb der Filmdramaturgie beschäftigen. Es wird in diesem Zusammenhang u. a. unterschieden zwischen unzuverlässigem, a-chronologischem und rückwärtsgerichtetem Erzählen. Es geht um die Auflösung der definierbaren Relation zwischen Realität, Imagination und Traum, um divergierendes Erzählen aus Sicht verschiedener Protagonisten und die Verschleierung des subjektiven Erzählens und andere Veränderungen der klassischen Strukturen.

Jochen Brunow, Drehbuchautor und Publizist, Berlin


VORTRAG 6 Selbstreferenzen des Drehbuchautors im Film

Auf der Suche nach dem Bild des Drehbuchautors in der Öffentlichkeit und in der Filmbranche untersucht der Drehbuchautor und Essayist Jochen Brunow quer durch die Filmgeschichte, wie der Beruf der Autoren in Filmen fiktiv dargestellt wird und was wir daraus über das Selbstbild der Drehbuchautoren erfahren können.

Gerhard Midding
Filmjournalist, Berlin

VORTRAG 8 Verburgte Fiktionen – Das Spannungsverhaltnis zwischen wahren Begebenheiten und erfundenen Geschichten

Immer häufiger scheinen seit einigen Jahren Filme auf realen Ereignissen zu beruhen. Verliert das Kino das Zutrauen zu Fantasie und Fiktion? Und was bedeutet es für das Drehbuchschreiben, wenn die Handlung bereits durch die Wirklichkeit beglaubigt ist?

Ludger Pfanz

Ludger Pfanz
Hochschule für Gestaltung, Karlsruhe, Leiter des 3D-Festivals Beyond


VORTRAG 9 „Life without the boring parts“ – Die DNA immersiver Geschichten und die Zukunft des filmischen Erzahlens

Die Ideen und Erzählungen von heute sind die Grundlage der Geschichte von morgen. Geschichtenerzähler schaffen neue Erzählungen für die Zukunft, die Wahrscheinlichkeiten und wünschenswerte Unwahrscheinlichkeiten über die Imitation des Lebens hinaus erzeugen.

Virtuelle Realität und neue immersive Medien können die Grenze zwischen Wirklichkeit und Illusion verwischen, die Grenzen unserer Vorstellungskraft verschieben und neue Felder für Drehbuchautoren und Geschichtenerzähler öffnen. Aber wie können wir Geschichten nicht nur im Zeit-Raum, sondern auch in der Raum-Zeit erzählen? Wie können wir mit einem aktiven und interagierenden Publikum Geschichtswelten schaffen? In dem Vortrag geben wir einen Einblick in künstlerische Raum-Zeit-Erfahrungen und verbinden diese mit Dramaturgie, um Wege zu Raum-Zeit-Erzählungen aufzuzeigen