Frauen im goldenen Käfig

Beim „17. Mannheimer Filmseminar - Im Dialog: Psychoanalyse und Filmtheorie“ stand die US-Regisseurin Sofia Coppola und damit zumerstenMal eine Frau im Fokus der Seminarreihe. Es lag schon lange in der Luft“, sagt Peter Bär vom Cinema Quadrat, besonders angesichts der #MeToo-Debatte und der Gleichstellungsinitiative ProQuote Film.

Für ihren jüngsten Film „Die Verführten“ hat Coppola 2017 als erst zweite Frau den Regiepreis der Filmfestspiele von Cannes gewonnen. Mit Amy, Martha, Edwina, Alicia, Jane und Marie stehen gleich sechs starke Frauen im Zentrum ihres Kostümdramas, die alle um einen einzigen, versehrten Mann kreisen. Beinahe ebenso viele, nämlich die fünf lebensmüden Schwestern Cecilia, Bonnie, Therese, Mary und Lux, bildeten den Kern von Coppolas Langfilmdebüt

„The Virgin Suicides“. Ähnlich den zurückbleibenden Nachbarsjungen, die darüber nachsinnen, was die etwa gleichaltrigen Schwestern in „The Virgin Suicides“ in den Tod getrieben haben mag, befassten sich beim Mannheimer Filmseminar Psychoanalytiker wie die Heidelbergerin Eva Berberich und Filmwissenschaftler Ernst Schreckenberg mit den Figuren in Coppolas Filmen. Deutlich zu bemerken sei, wie alle sechs Filme, die Coppola bislang geschrieben und inszeniert hat, miteinander verbunden sind,wie nah beieinander etwa „Lost in Translation“ und „Somewhere“, wie vielfältig die Beziehungen von „The Virgin Suicides“ und „Die Verführten“ sind, oder wie eng etwa „The Bling Ring“ und „Marie Antoinette“ zusammengehören.

Ihre Figuren, wiederholt verkörpert von Kirsten Dunst und Elle Fanning, aber auch von Scarlett Johansson, Emma Watson oder Nicole Kidman, sitzen fest in einem goldenen Käfig, gefangen in sinnfreier Hofetikette im Schloss von Versailles im 18. oder in einem Mädchenpensionat während des amerikanischen Sezessionskrieges im 19.  Jahrhundert. Sie werden im Heranwachsen von Spießbürgerlichkeit erdrückt oder „17.Mannheimer Filmseminar – Im Dialog: Psychoanalyse und Filmtheorie“ widmet sich dem Schaffen von Regisseurin Sofia Coppola verbringen ihre Zeit in Hotelzimmern, wo die Langeweile zum Lebensinhalt wird.

Fast erscheine es so, erklärte der Speyerer Filmkritiker Joachim Kurz, als seien sie „von ihrer Außenwelt abgeschnitten und befänden sich unter einer Glasglocke, die lediglich ein Beobachten der Welt, aber kein Eingreifen oder Handeln zulässt“. Bob (Bill Murray) und Charlotte (Scarlett Johansson) in Coppolas erfolgreichstem Film „Lost in Translation“, Johnny (Stephen Dorff) in „Somewhere“ oder die „Selbstmord- Schwestern“ in „The Virgin Suicides“ empfinden ihren bisherigen Weg als Sackgasse, fühlen sich aber unfähig, an diesem Zustand der Lähmung etwas zu ändern.

Sofia Coppola hatte es 1971, im zarten Alter von gerade einmal zehn Wochen, zum ersten Mal direkt mit der großen Welt des Films zu tun. Damals hatte sie ihren ersten Auftritt als Täufling in „Der Pate“, demgroßenMafia-Epos ihres Vaters Francis Ford Coppola. Als seine Tochter war sie ins Filmbusiness nachgerade hineingeboren worden.Noch im Kindesalter spielte sie weitere kleine Rollen vornehmlich in Filmen ihres Vaters, bis sie 19-jährig erstmals einen größeren Part in „Der Pate III“ übernahm und dafür umgehend mit zwei Goldenen Himbeeren, als schlechteste Nebendarstellerin und als schlechtester Newcomer, bedacht wurde. Nach diesen Negativ-Auszeichnungen beendete sie ihre Darstellerkarriere. Als sie Jahre später doch noch einmal in „Star Wars: Episode I - Die dunkle Bedrohung“ agierte, wurde sie prompt erneut für eine Goldene Himbeere nominiert. Bereits als 17-Jährige schrieb Sofia ihr erstes Drehbuch „Leben ohne Zoe“ für den Episodenfilm „New Yorker Geschichten“, den Vater Coppola, Woody Allen und Martin Scorsese inszenierten. Coppolas Zoe, gespielt von Heather McComb, ist ein zwölfjähriges Mädchen in einem goldenen Käfig, das unter der Vernachlässigung durch seine Eltern leidet. Am Ende gelingt eine Annäherung.

Ein Jahrzehnt später, 2000, kam Coppolas erster Langfilm „The Virgin Suicides“ ins Kino. In Mannheim fühlte sich die Psychoanalytikerin Eva Berberich von dem stimmungsvollen Debüt in eine schwer lastende Atmosphäre der Agonie, Leere und Lähmung hineingezogen und verwies biografisch auf den frühen Tod von Sofias älterem Bruder Gian-Carlo, der bei einem Bootsunfall ums Leben gekommen war, als seine Schwester erst 15 Jahre zählte. „Gut möglich“, vermutete auch Joachim Kurz, dass etwas von der Trauer um Gian- Carlo in „The Virgin Suicides“ eingeflossen sei. Das verstörende Teenagerdrama, das Coppola mit 28 drehte, sei „ein Film über Trauer und Erinnerung und voller Nostalgie über die verlorene Jugend“.

Ihr zweiter und erfolgreichster Film „Lost in Translation“ begegnet der alternde Filmstar Bob Harris in Tokio der jungen Charlotte, die frisch mit einem Fotografen verheiratet ist.Während ihr Mann tagsüber arbeitet, sitzt sie allein im Hotel. Bob und Charlotte, so der Filmwissenschaftler Ernst Schreckenberg, sind zwei verlorene Seelen in einem fremden Land, die „erschöpft am Tag und somnambul in der Nacht“ einander finden und in ihrer Einsamkeit zu Komplizen werden. Sofia Coppola wurde 2004 für ihr Drehbuchmit einem Oscar ausgezeichnet.

Eine ähnliche Konstellation wie Charlotte erlebt auch Cleo (Elle Fanning) in „Somewhere“. Nicht im Hyatt in Tokio, dafür im legendären Chateau Marmont in Hollywood,wo sie als Kind einer längst gescheiterten Beziehung eine Zeit lang bei ihrem Vater lebt, dem erfolgreichen, jedoch unterbeschäftigten Filmschauspieler Johnny Marco (Stephen Dorff). Er ist berühmt, er hat Geld, aber wenig zu tun. Seine elfjährige Tochter langweilt sich noch mehr als er, weil sie nicht in das leere, sinnlose Leben passt, das er führt. „Sie steht für das Wahre in einer Welt, in der nichts echt ist“, zitierte die Bremer Sozial- und Kulturtheoretikerin Karin Nitzschmann die Regisseurin in ihrem Vortrag „Jenseits der Maske“. Kurz meinte, dies sei der Film Coppolas, der „sich am augenfälligsten für eine psychoanalytische Annäherung“ eigne, weil er eine Vater-Tochter-Beziehung in den Mittelpunkt stelle und sehr unmittelbar auf die Schattenseiten des Ruhms eingehe.

Vergleichbar ist ebenso die Situation der Erzherzogin Maria Antonie von Österreich, aus der durch ihre Ehe mit Ludwig XVI. die berüchtigte französische Königin Marie-Antoinette wurde. Coppolas „Marie Antoinette“ fügt sich im Vorfeld der Französischen Revolution der Etikette am Hof von Versailles und frönt dem royalen Nichtstun. Kirsten Dunst spielt sie als moderne Frau zwischen Lifestyle und Celebrity-Kult, die sich im Rokoko gefangen fühlt. Die Königin ist so schön wie stilbewusst, vergnügungssüchtig und verletzlich, eine Pop-Queen, die ihren Glamour alleine für sich hat, bis das aufbegehrende Volk auf die Barrikaden geht. Offene Bezüge zu unserer Zeit finden sich in dem aufwendigen Kostümfilm, wenn sich etwa unter den Schuhen der Monarchin auch Converse-Sneaker befinden und Songs unserer Zeit, etwa von Siouxsie and the Banshees, Bow Wow Wow oder Aphex Twin zu hören sind.

In „The Bling Ring“ und „Die Verführten“, Coppolas jüngsten Filmen, treten die Heldinnen wieder im Verband auf. Vier Mädchen und ein Junge sind in „The Bling Ring“ darauf aus, sich den Lebensstil ihrer Stars anzueignen. Rebecca, Nicki, Sam, Chloe und Marc brechen in die Villen von Paris Hilton, Megan Fox und anderen ein und stehlen Schuhe, Taschen, Kleidung und Schmuck, um sich aufgewertet zu fühlen. Coppola zeigt das Glitzern der Oberfläche in einer übersättigten Gesellschaft und schildert das Lebensgefühl einer auf ganz eigene Weise verlorenen Generation. Tatsächlich basieren ihr Drehbuch und ihr Film auf wahren Begebenheiten: Der „Bling Ring“, eine Clique von Jugendlichen, erbeutete 2008 und 2009 Markenware im Wert von über drei Millionen Dollar von Berühmtheiten in den Hollywood Hills. Zum Verhängnis wurde ihnen das Posieren mit der Beute auf Facebook.

In „Die Verführten“ betont Coppola die aktive Rolle der Frauen in einem entlegenen Internat während des US-amerikanischen Bürgerkrieges in den 1860er Jahren. Ein feindlicher, verwundeter Soldat, den sie in Pflege nehmen, stört das Gleichgewicht des Hauses, in dem die Lehrerinnen gemeinsam mit ihren Schülerinnen leben. Den Yankee, den in einer früheren Verfilmung („Betrogen“) derselben Vorlage noch Clint Eastwood darstellte, spielt jetzt Colin Farrell. Doch Coppolas Film ist kein bloßes Remake, wie Joachim Kurz darlegte, „vielmehr eine feministische Neuinterpretation der Buchvorlage, die neue Akzente setzt und vor allem die Dynamiken zwischen den Mädchen und Frauen fokussiert“

Zuletzt wurde bekannt, dass Sofia Coppola 16 Jahre nach „Lost in Translation“ wieder mit Bill Murray drehen wird. „On the Rocks“, so der Arbeitstitel des Projekts, ist die Geschichte einer jungen Mutter, besetzt mit Rashida Jones, die wieder Kontakt zu ihrem Vater, einem alternden Playboy, aufnimmt. „On the Rocks“ wird eine der ersten Produktionen einer neuen Partnerschaft zwischen der Filmgesellschaft A24 („The Bling Ring“) und dem Apple-Konzern sein.

Publikation: Die Rheinpfalz, 07.05.2019
Autor: Stefan Otto