Belanglose Unterhaltung im deutschen Nachkriegsfilm? Heimatfilme und „Sissi“, wirklichkeits- und vergangenheitsvergessen? Nicht nur. Denn einige Filmemacher setzten sich auch in den 1950er Jahren mit der jüngsten deutschen Geschichte auseinander: Was war im Nationalsozialismus passiert? Wie wirkt das „Dritte Reich“ nach? Und was ist mit den ganzen Nazis passiert?

In Fortsetzung unserer letztjährigen Filmreihen zum nationalsozialistischen Propagandafilm und zu den Filmen exilierter deutscher Regisseure laufen von September bis Januar fünf Filme aus den 1950er Jahren, die sich mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen. Die Duckmäusertum, Heuchelei, Sinnlosigkeit und Unrecht thematisieren. Und die deutlich machen, dass diese Ideologie noch lange nicht überwunden ist.

Nachts, wenn der Teufel kam

Nachts, wenn der Teufel kam

BRD 1957. R: Robert Siodmak. D: Mario Adorf, Claus Holm, Hannes Messemer, Peter Carsten. 104 Min. FSK: 12

Sommer 1944. Ein Frauenmörder geht um. Kriminalkommissar Kersten, Fronturlauber, beschäftigt sich mit dem Fall und ist sicher, dass ein geistesgestörter Serientäter dahinter steckt. Dem SS-Gruppenführer gefällt die Idee, ein Argument mehr, sich der Ermordung geistig Behinderter zu widmen – und tatsächlich kann der Kommissar den unzurechnungsfähigen Bruno Lüdke überführen. Der ist geständig – doch dann kommt Order von oben: Im Dritten Reich ist es ausgeschlossen, dass debile Massenmörder jahrelang ihr Unwesen treiben. Kersten soll den Fall fallenlassen – doch für einen der Morde sitzt ein Unschuldiger in der Todeszelle... Eine Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in Form eines Thrillers mit Noir-Einschlag war in der BRD der 1950er Jahre eine Ausnahme. Der 1952 aus dem US-Exil zurückgekehrte Robert Siodmak schuf eine so spannende wie radikale Abrechnung mit einem ideologisch zutiefst verseuchten Staatsunwesen. Für Mario Adorf, der in der Rolle des Mörders brilliert, war dieser Film der Karrieredurchbruch.

Einführung: Verena Ziegler

So. 23.09.2018, 19:30 Uhr

Die Brücke

Die Brücke

BRD 1959. R: Bernhard Wicki. D: Folker Bohnet, Fritz Wepper, Michael Hinz, Frank Glaubrecht, Volker Lechtenbrink, Wolfgang Stumpf, Günter Pfitzmann. 103 Min. FSK: 12

April 1945. Sieben 16jährige Jungen stehen vor der Einberufung; die meisten Erwachsenen sind entsetzt – doch die Jungens sind aufgeregt, stehen sie doch vor dem Abenteuer Krieg. Nach einem Tag Grundausbildung werden sie abgestellt, eine an sich völlig unwichtige Brücke gegen die anrückenden Amerikaner zu verteidigen.

Wicki schuf mit beeindruckender Dramaturgie und starken Bildern unheimlich authentisch wirkende Filmeindrücke, denen sich der Zuschauer nicht entziehen kann: Eine komplexe Konstellation aus fehlgeleitetem Idealismus, Heldenwahn, Duckmäusertum und militärischem Irrsinn mit erschütternder Kompromisslosigkeit. DIE BRÜCKE ist einer der am meisten ausgezeichneten deutschen Nachkriegsfilme, auch international mit dem Golden Globe und einer Oscarnominierung.

Einführung: Ernst Gramberg

Mo. 15.10.2018, 19:30 Uhr

Der letzte Akt

Der letzte Akt

AUT/BRD 1955. R: Georg Wilhelm Pabst. D: Albin Skoda, Oskar Werner, Lotte Tobisch, Willy Krause. 117 Min. FSK: 12

Der Untergang ist nahe: Im April 1945 verschanzen sich Adolf Hitler und die verbliebenen "Größen" des Dritten Reiches mitsamt Familien im Führerbunker in Berlin. Georg Wilhelm Pabst, Meister des Films der Weimarer Zeit, erzählt in dieser hauptsächlich österreichischen Produktion minutiös die letzten zehn Tage im Bunker nach in einer Mischung aus dokumentarischen, pseudo-dokumentarischen und frei erfundenen Szenen. Rein fiktiv allerdings ist die Figur des "aufrechten Deutschen", Hauptmann Wüst, um den sich die ganze konzentrierte Psychopathologie des Dritten Reiches gruppiert.

Vorlagen waren ein Entwurf von Erich Maria Remarque sowie das Buch „In zehn Tagen kommt der Tod“, verfasst von einem Richter bei den Nürnberger Prozessen. Zehn Jahre nach den dargestellten Geschehnissen war Deutschland nicht bereit für den Film: Er verschwand nach wenigen Tagen aus den Kinos, und die Filmbewertungsstelle verweigerte dem Film ein Prädikat, weil er Hitler in einem „historisch nicht ganz überblickbaren Raum“ darstelle und zudem eine „bewusste Meinungslenkung“ sei.

Einführung: Jost Henze

So. 04.11.2018, 19:30 Uhr

Kirmes

Kirmes

BRD 1960. R: Wolfgang Staudte. D: Götz George, Juliette Mayniel, Hans Mahnke, Wolfgang Reichmann. 102 Min. FSK: 16

1959 findet wie jedes Jahr im kleinen Eifeldorf die Kirmes statt. Als das Karussell im Boden verankert werden soll, entdeckt der Schausteller ein Skelett, daneben Stahlhelm und Maschinengewehr. Damit kommt die verdrängte Geschichte von Robert Mertens ans Tageslicht, der 1944 desertiert und in den Heimatort geflohen war. Weder Freunde noch Pfarrer noch Eltern aber wollten den Fahnenflüchtigen verstecken, Selbstmord war sein einziger Ausweg. Inzwischen freilich ist der damalige NS-Ortsgruppenleiter zum Bürgermeister mutiert, und das Vergangene soll auf alle Fälle begraben bleiben...

Wolfgang Staudte, von dem einige der besten filmischen Auseinandersetzungen mit der NS-Zeit stammen, untersucht mit klarem Blick und bitterem Resümee die Kontinuität von Feigheit und Duckmäusertum. Für die Süddeutsche Zeitung in einer zeitgenössischen Kritik seit DIE BRÜCKE „der wichtigste, anständigste deutsche Zeitfilm, der sich offen der Vergangenheit stellt.“

Einführung: Robert Hörr

So. 09.12.2018, 19:30 Uhr

Rosen für den Staatsanwalt

Rosen für den Staatsanwalt

BRD 1959. R: Wolfgang Staudte. D: Martin Held, Walter Giller, Ingrid van Bergen, Camilla Spira, Werner Peters. 98 Min. FSK: 12

Zwei Dosen Fliegerschokolade vom Schwarzmarkt bedeuten die Todesstrafe in den letzten Tagen des Krieges. Kriegsgerichtsrat Wilhelm Schramm unterzeichnet auf dem Weg zur Hinrichtung schon den Vollzug des Urteils, als der Delinquent Rudi Kleinschmidt wegen eines Fliegerangriffs im letzten Moment entkommen kann. Einige Jahre später kehrt Kleinschmidt in seine Heimatstadt zurück – und trifft seinen einstigen Richter Schramm wieder, der inzwischen entnazifiziert Karriere als Oberstaatsanwalt gemacht hat; noch immer treudeutsch in der Gesinnung und stets bereit, alten Kameraden juristisch zu helfen. Doch der traumatisierte Kleinschmidt hat im Affekt ein Schaufenster eingeschlagen, zwei Dosen Schokolade gestohlen – und steht wieder vor Gericht, bei dem Schramm die Anklage führt.

Staudtes bitterböse Satire auf die ideologischen Zustände in Justiz und Gesellschaft der Nachkriegszeit erhielt 1960 den Bundesfilmpreis – doch Bundesinnenminister Gerhard Schröder blieb der Verleihung demonstrativ fern, da Staudte ihn zuvor – ungerechtfertigterweise – als „ehemaligen SA-Mann“ bezeichnet hatte.

Einführung: Joachim Kurz

Mo. 14.01.2019, 19:30 Uhr