50. Jubiläum: Am 13. Oktober 1971 liefen die ersten Filme des frisch gegründeten Mannheimer kommunalen Kinos. Das feiern wir, und zwar kräftig! Im gesamten Oktober läuft ein ausgesuchtes Jubiläums-Sonderprogramm mit großartigen Filmen, und manche von ihnen werden Sie wahrscheinlich nie mehr im Kino und vielleicht auch sonst nie wieder sehen.
Das Jubiläums-Sonderprogramm ist in fünf verschiedene Rubriken eingeteilt.

Wir blicken zurück auf die Gründungsmonate mit Filmen, die in den ersten Monaten des Cinema Quadrat bei uns liefen.

Aus den ersten Monaten

Bruno der Schwarze – Es blies ein Jäger wohl in sein Horn

DEU 1970. R: Lutz Eisholz. Dokumentarfilm. 81 Min. FSK: k. A.

Der Film porträtiert Bruno S., einen Berliner Straßenmoritatensänger. Geboren 1932, wanderte er von Kindesbeinen an durch mehrere Heime und Besserungsanstalten, wurde in der NS-Zeit von brutalen Erziehungsmethoden geprägt. Wie lebt er als Erwachsener mit seiner Vergangenheit, welche gesellschaftlichen und emotionalen Konsequenzen werden bei Heimkindern spürbar?

Werner Herzog wurde durch diesen Dokumentarfilm auf Bruno S. aufmerksam und besetzte ihn 1974 in seinem Kaspar Hauser-Film und 1976 in STROSZEK als Hauptdarsteller.

Der Film lief im Programm der Mannheimer Filmwoche 1971.

Fr. 01.10.2021, 19:30 Uhr

Aus den ersten Monaten

The Murder of Fred Hampton

USA 1971. R: Howard Alk. Dokumentarfilm. 89 Min. EnglOmdtU. FSK: k. A.

Fred Hampton war das führende Mitglied der Black Panther-Sektion von Illinois. Howard Alk drehte 1969 einen Dokumentarfilm über ihn – als am Morgen des 4. Dezembers eine Polizeieinheit Hamptons Wohnung überfällt und ihn sowie einen Mitstreiter im Schlaf erschießt. Dieser offensichtliche Mord veränderte den Film: Das Porträt eines jungen, charismatischen Aktivisten wird zu investigativem Journalismus gegen die Behauptung der Staatsgewalt, die Polizeischüsse seien als Folge von bewaffnetem Widerstand gefallen. Damit gilt der Film als ausdrucksvolles und aufschlussreiches Dokument einer politisch aufgeheizten Zeit.

Do. 07.10.2021, 19:30 Uhr

Die Erfindu ng des Verderbens

Aus den ersten Monaten

Die Erfindung des Verderbens

CSK 1958. R: Karel Zeman. D: Lubor Tokoš, Arnošt Navrátil, Jana Zatloukalová, Miloslav Holub. 83 Min. TschechOmdtU. FSK: 6

Für den „Filmbeobachter“ der beste Jules-Verne-Film, der je gedreht wurde, für „Variety“ die ungewöhnlichste und künstlerisch werkgetreuste Übertragung einer Verne-Geschichte in Film: Professor Roch hat einen hochzerstörerischen Sprengstoff entwickelt, der die Erde vernichten kann. Piraten entführen ihn, um an die Waffe zu kommen… Karel Zeman nutzte die Illustrationen des originalen Jules-Verne-Romans für eine verspielt-surrealistische Kulisse, die jede realistische Illusion aufhebt – und gerade dadurch die heute längst überholte Handlung ins Zeitlose erhebt. Der Film gewann bei der Brüsseler Weltausstellung 1958 den Grand Prix.

Fr. 08.10.2021, 19:30 Uhr

Cardillac

Aus den ersten Monaten

Cardillac

DEU 1969. R. Edgar Reitz. D: Hans-Christian Blech, Catana Cayetano, Rolf Becker, Liane Hielscher, Gunter Sachs, Heidi Stroh, Urs Jenny. 97 Min. FSK: 16

Der angesehene Goldschmied Cardillac lebt mit seiner Tochter aus einer gescheiterten Ehe mit einer Farbigen in völliger Abgeschiedenheit. Mit rätselhafter Leidenschaft liebt er die von ihm geschaffenen kostbaren Schmuckstücke – wenn er ein Stück verkauft, überfällt er kurz darauf den Käufer, tötet ihn und holt sich den Schmuck zurück. Niemand verdächtigt den Gold-Künstler, der sich immer mehr in eine Welt von Träumen und Illusionen einspinnt.

Edgar Reitz (HEIMAT) versetzt in seinem zweiten Spielfilm Motive aus E.T.A. Hoffmanns „Das Fräulein von Scuderi“ in das West-Berlin von 1969: Es geht nicht nur um eine skurril-blutrünstige Geschichte, sondern um den modernen/mordenden Künstler in der Gesellschaft – so wenden sich in dynamischer Verfremdung die Schauspieler immer wieder reflektierend ans Publikum.

Mi. 13.10.2021, 19:30 Uhr

Aus den ersten Monaten

Bübchen

DEU 1968. R: Roland Klick. D: Sascha Urchs, Edith Volkmann, Sieghardt Rupp, Renate Roland. 86 Min. FSK: 16

Achim, etwa zehn Jahre als, spielt mit seiner einjährigen Schwester. Als die Babysitterin sich mit ihrem Freund vergnügt, stülpt er ihr eine Plastiktüte über den Kopf. Ohne Absicht, ohne Motiv, einfach so – im Schubkarren fährt er die Leiche zum Schrottplatz. Eine fieberhafte Suche nach dem verschwundenen Kind bleibt erfolglos. Doch der Vater ahnt, was geschehen ist.

Roland Klick ist einer der großen und oft vergessenen Filmemacher der 1970er – in seinem Debütfilm liefert er mit größter filmischer Kunstfertigkeit ein erschütterndes Bild von Familie und Gesellschaft. Ohne psychologisierende Erklärung lässt er das Geschehen ablaufen: „eine in ruhigen Bildern gehaltene, aber umso wütender brodelnde Demontage des Wirtschaftswunder-Kleinbürgertums.“ (taz)

Sascha Urchs spielte im Alter von neun Jahren die Hauptrolle – heute ist er unter dem Namen Alexander Kekulé ein bekannter Virologe. Der Film wurde 1968 auf der Mannheimer Filmwoche uraufgeführt.

Fr. 15.10.2021, 19:30 Uhr

Anaparastasi - Rekonstruktion

Aus den ersten Monaten

Anaparastasi - Rekonstruktion

(Anaparastasi)
GRC 1970. R: Theo Angelopoulos. D: Toula Stathopoulou, Yannis Totsikas, Thanos Grammenos, Petros Hoedas. 98 Min. GriechOmdtU. FSK: k. A.

Ein Μann, der als Fremdarbeiter lange Zeit in der BRD gelebt hat, kehrt zurück in sein entlegenes Heimatbergdorf im Norden Griechenlands – und wird von seiner Frau und deren Liebhaber umgebracht. Wobei das Verbrechen nie gezeigt wird, sondern von den Hauptcharakteren – Justiz, Polizei, Journalisten – rekonstruiert wird. Ist die Tat überhaupt nachzuvollziehen oder gar zu verstehen?

Theo Angelopoulos, der zum wichtigsten griechischen Regisseur werden sollte, stellt in seinem virtuosen, zwischen den Zeiten springenden Langfilmdebüt geschickt das Verbrechen und, mit halbdokumentarischem Blick, die Lebensbedingungen im Dorf gegenüber.

Do. 21.10.2021, 19:30 Uhr

Aus den ersten Monaten

Kopfstand, Madam!

DEU 1966. R: Christian Rischert. D: Miriam Spoerri, Herbert Fleischmann, Heinz Bennent, Helga Tölle, Esther Spoerri. 82 Min. FSK: 18.

Szenen einer Ehekrise: Karin, 30, Mutter einer kleinen Tochter, war vor der Heirat Dolmetscherin. Dass sie nun wieder arbeiten will, versteht Ehemann Robert überhaupt nicht. Als Werftingenieur kann er ihr doch alles bieten! Ahnt er, dass Karin ihn mit Ulrich betrügt, einem seiner freien Mitarbeiter? Bei ihm findet Karin Zärtlichkeit, und auch Verständnis für den Wunsch nach Selbständigkeit. Doch ist Ulrich wirklich eine andere Art von Mann?

Gleichberechtigung braucht es nicht, findet Robert, Frauen hätten es schließlich gut, wenn der Mann alles für sie tut. Wohlstand und Wochenendhäuschen gibt es, wenn sich die Ehefrau aufs „Glück der Unterwerfung“ einlässt. Wie kein anderer Film des Jahrgangs ’66 schlug sich KOPFSTAND, MADAM! auf die Seite der Frauen – nicht dröge, sondern lebendig und lebensecht und durchaus gewagt: Die FSK hatte starke Bedenken gegen den Film, weil er das „sittliche Empfinden“ verletzten könnte.

Fr. 22.10.2021, 19:30 Uhr

Aus den ersten Monaten

Eine Prämie füür Irene

DEU 1971. R: Helke Sander. D: Gundula Schroeder, Sara Schumann, Helga Foster, Hanne Herkommer. 49 Min. FSK: k. A.

Helke Sander, eine der wichtigen Filmemacherinnen des Neuen Deutschen Films, porträtiert in ihrem Spielfilm Irene, eine alleinerziehende Mutter und Arbeiterin in einer Waschmaschinenfabrik. Im Alltag lässt sie sich nichts gefallen, weder die Ungleichbehandlung im Betrieb noch die sexuelle Belästigung durch Männer. Doch klar ist: Ohne solidarische Geschlechtsgenossinnen wird sie keine Chance haben.

Ein Film aus seiner Zeit, dem es darum geht, Arbeiterinnen ihre Situation bewusst zu machen – und zugleich durchaus aktuell, wenn die Chefetage Irene keine Prämie auszahlen will, weil sie sich „zu viel herausnimmt.“ Der Kampf um Gleichberechtigung am Arbeitsplatz dauert noch immer an – unfassbar. Musik von Ton Steine Scherben! Der Filmwurde 1971 in der Mannheimer Filmwoche uraufgeführt.

Vorfilm:
Kübelkind lernt nein sagen
DEU 1971. R: Ula Stöckl, Edgar Reitz. D: Kristine de Loup, Peter Hohberger. 17 Min.
Eine der abstrus-witzigen, subversiv-anachrischen Episoden der GESCHICHTEN VOM KÜBELKIND, inszeniert von Ula Stöckl und Edgar Reitz: Kübelkind feiert eine Hochzeit, aber im entscheidenden Augenblick wird es trotzig, worauf die Waffen sprechen.

Di. 26.10.2021, 19:30 Uhr