Erfolg mit Wanderklängen

Auch kein schlechter Gag: Beim diesjährigen Mannheimer Filmsymposium geht es zwar ums große Thema "Sound", aber am Eingang wird den Teilnehmern erst einmal - eine Brille ausgehändigt, tauglich für 3D-Technik. Um damit einen kleinen Trickfilm zu betrachten, der sich einer alten Opernouvertüre Louis Spohrs annimmt: "Der Alchymist". Die schwarzen Tuschestriche oder Kleckse schweben fast so virtuos im Raum wie die Orchestertöne.

Das ist wirklich einfallsreich gemacht - und damit ganz nach dem Geschmack von Dietrich Stern. Er ist Musikologe, aber auch Theatermann und Kritiker. Stern kommt im Cinema Quadrat - es ist der erste Vortrag des Symposiums - auf das allgemeine Selbstverständnis und die mögliche Funktion von Filmmusik zu sprechen. Wird also grundsätzlich. Filmmusik sei ja "ein aggressionsträchtiges Thema", findet er. Wer sie grundsätzlich kritisiere, mache sich rasch unbeliebt und stehe wie ein Spielverderber da, der Kinogängern ein Vergnügen rauben wolle. Aber Stern, der noch aus der Adorno-Schule kommt, nimmt das in Kauf. Die "Dominanz des Kommerziellen" stört ihn, mag sie auch im Mainstream-Kino Tradition haben: Bewegte Bilder waren anfangs eine Jahrmarktsattraktion, die Zirkusluft geatmet hat und Livemusik als Werbung brauchte.

Pathos kommt gut an

Auch im Tonfilm geht es manchmal ziemlich einfach zu. Hans Zimmers Titelhelden-Thema im Blockbuster "Gladiator" sei nicht viel komplexer als ein Wanderlied, erklärt uns Dietrich Stern. "Vage Ergriffenheit" packe den Zuschauer bei dieser "ungenau pathetischen Musik". Wenn das Adorno noch gehört hätte. Ohne es auszusprechen, mag ein Mann wie Stern die Filmmusik wohl nur als Halb- und Stiefschwester der hohen, "ernsten" Tonkunst sehen - falls sie sich auf ein "Niveau der Dienstbarkeit" herunterziehen lässt. Natürlich gibt es Ausnahmen, zu ihnen rechnet Stern etwa die neue deutsche Oscar-Hoffnung "Toni Erdmann": weil sie sehr bewusst und sparsam mit der Filmmusik verfahre.

Auch das Einbauen von vorgefundener Musik sei eine Chance, die Ebene des Seichten zu verlassen. Die berühmten Beispiele dürfen nicht fehlen, an der Spitze Stanley Kubricks Raumstationen im Science-Fiction-Klassiker "2001", die süchtig nach dem Johann Strauß'schen Donauwalzer sind. Von einem zweiten Referenten, Ralf Michael Fischer, werden wir beim Mannheimer Symposium an die Tatsache erinnert, dass der Regisseur ursprünglich "originale" Filmmusik bestellt hatte: bei Alex North. Doch an die Leichtigkeit und Eleganz, auch an die leise Ironie des Donauwalzers konnte sie wohl nicht herankommen.

Roman Polanski hat sich ebenfalls berühmter vorgefundener Musik bedient: An einer Schlüsselstelle in "Der Pianist" ertönt Chopins g-Moll-Ballade, im Finale rasen die Oktaven förmlich aufeinander zu. Das ist pathetische Musik, aber brillant genau geschriebene. Der Referent Andreas Jacke zeigt indessen auch Polanskis spielerischen Umgang mit dem Grauen, den in seinen frühen Filmen (wie "Tanz der Vampire") die Musik des früh verstorbenen Krzysztof Komeda federleicht begleitet.

Bei Jean-Luc Godard, Protagonist der revolutionären "Nouvelle Vague", gibt es dagegen einen Trend, die Künstlichkeit, ja fast "Absurdität" (wie Dietrich Stern meint) der romantisch-großsinfonisch angelegten Filmmusik herauszustreichen. Einmal packt der Regisseur das Sinfonieorchester deutlich sichtbar in den Szenenhintergrund.

Das sind sehr europäische Verfremdungstechniken - die in den 1970ern auch im "New Hollywood" von Robert Altman und Francis Ford Coppola zum Teil zur Anwendung gelangten, wie der Referent Jan Philip Müller etwas theorielastig erläutert. Damals wurde auch das so genannte Sounddesign geboren, das inzwischen längst das Fernsehen erreicht hat, wie Andreas Jacke an der Premium-Krimiserie "Sherlock" demonstriert.

Man lernt an den drei Tagen viel im Cinema Quadrat. Aber vor allem, dass die Bilder immer schon des kultivierten Tons bedürftig waren. Oder wussten Sie, dass anfangs, in den frühen 1950ern, selbst manche Kurznachrichtenfilme in der "Tagesschau" Musik im Hintergrund verwendeten?