Ein Trickfilm für Cinema Quadrat

Unsere Mitarbeiterin Monika Hamryszak hat uns zum Abschied einen tollen Trickfilm-Trailer hinterlassen, den wir schon im Kino gezeigt haben. Auch unseren Homepage-Besuchern wollen wir ihn nicht vorenthalten.

Monika Hamryszak hat im Jahr 2013/2014 ein Freiwilliges Kulturelles Jahr bei uns absolviert. Sie ist künstlerisch tätig und arbeitet vor allem als Fotografin. Hier geht es zu ihrer Facebook-Seite.

16.06.2016

Der Traum jedes Angestellten

Am 07. Juni 2016 berichtete die Rheinpfalz über das James-Bond-Filmseminar im Cinema Quadrat

 

Von Stefan Otto

Ein Wochenende lang hat das Mannheimer Cinema Quadrat im Zeichen des Agenten 007 James Bond und der langlebigen Filmreihe gestanden, die von seinen Einsätzen in aller Welt erzählt. Das „James- Bond-Filmseminar“ bot Gelegenheit, sieben Filme zu sehen, sechs Vorträge zu hören und Phänomen, Mythos und Kult zu studieren.

Das psychoanalytisch ausgerichtete Filmseminar, alljährlich im Frühjahr, und das Filmsymposium im Herbst sind seit vielen Jahren etablierte Veranstaltungen des Cinema Quadrat. Im Vergleich zu diesen regelmäßig stattfindenden Tagungen war das Bond-Seminar nur mäßig besucht. Möglicherweise war es zu kurzfristig angekündigt worden, vielleicht gehören Blockbuster-Filme wie die James- Bond-Reihe aber auch eher ins Cinemaxx und Cineplex, als in ein Programmkino, dessen Stammpublikum Arthouse-Filme schätzt und erwartet. Hier nun, in der ersten Kooperation des Cinema Quadrat mit dem James Bond Club Deutschland, den der Mannheimer Rechtsanwalt Andreas Pott leitet, fanden aufgeschlossene treue Besucher des Kommunalen Kinos und eingeschworene Fan-Club- Mitglieder zusammen.

Zu sehen gab es sechs 007-Filme aus fünf Jahrzehnten, mit jedem Bond-Darsteller einen: „Goldfinger“ mit Sean Connery, „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ mit George Lazenby, „Der Spion, der mich liebte“ mit Roger Moore, „Der Hauch des Todes“ mit Timothy Dalton, „Die Welt ist nicht genug“ mit Pierce Brosnan und „Skyfall“ mit Daniel Craig. Zu beobachten war die über 50 Jahre währende Entwicklung vom kraftvollen Kämpfer Connery über den nachdenklicheren Lazenby zum augenzwinkernden Gentleman Moore. Die Filme mit Dalton, Brosnan und Craig entstanden, wie der Psychoanalytiker Andreas Hamburger in seinem Vortrag „Vom Gentleman zum Schmerzensmann“ zeigte, unter dem Eindruck von Aids, dem Fall der Mauer und den Terroranschlägen auf das World Trade Center. Heute, erklärte er, sei die Gewalt wesentlich physischer als in früheren Filmen, in denen die Handlanger der Bösen oft umfielen wie Kegel. Besonders der aktuelle 007 Daniel Craig sei im Gegensatz zu seinen Vorgängern nicht mehr der unzerstörbare Superheld, sondern eine mehrdimensionale Figur mit einer individuellen Biographie.

Unverändert, stellte Andreas Pott fest, sei Bond der Traum jedes Angestellten. Der Geheimagent, der seinen Vorgesetzten zu Gehorsam verpflichtet sei, verfüge über ein unbegrenztes Budget, dürfe alles kaputtmachen, sich mit seinem Chef streiten und behalte am Ende immer recht. Die Bond-Filme, wurde sehr deutlich, bauen auf einer Formel auf, in der immer wieder dieselben Elemente auftauchen. Fast ist daraus schon heute abzuleiten, wie das nächste Film-Abenteuer, das Ende 2017 zu erwarten ist, aussehen wird. Aber nur fast. Die Fans dürfen bis zur Premiere des nächsten Bond spekulieren.

06.04.2016

James Bond-Seminar vom 03. - 05. Juni 2016

Für alle Thrillerfans und vorallem für die Anhänger des coolsten Geheimagenten ihrer britischen Majestät gibt es im Juni ein besonderes Schmankerl: zusammen mit dem James Bond Club Deutschland e. V. verantalten wir am Wochenende vom 3. - 5. Juni ein James-Bond-Seminar. Genau, ein richtiges Seminar mit wissenschaftlichen Referaten und allem Drumrum, aber auch mit vielen James-Bond-Filmen. Mehr Informationen gibt es in Kürze.

 

Für alle Thrillerfans und vorallem für die Anhänger des coolsten Geheimagenten ihrer britischen Majestät gibt es im Juni ein besonderes Schmankerl: zusammen mit dem James Bond Club Deutschland e. V. verantalten wir am Wochenende vom 3. - 5. Juni ein James-Bond-Seminar. Genau, ein richtiges Seminar mit wissenschaftlichen Referaten und allem Drumrum, aber auch mit vielen James-Bond-Filmen.

Mehr Informationen gibt es in Kürze.

03.02.2016

14. Mannheimer Filmseminar - Martin Scorsese

Das Film-Magazin "Screenshot - Texte zum Film" berichtete über das 14. Mannheimer Filmseminar über Martin Scorsese.

 

Von Harald Mühlbeyer

Selbstverständlich ist ein Wochenende – sprich: Samstag und halber Sonntag – viel zu wenig, um Martin Scorseses Œuvre gerecht zu werden. Aber andererseits kommt man dem Filmemacher allein schon näher, wenn man einige seiner Filme sieht: Ein Doublefeature mit "Taxi Driver" und "Mean Streets" / "Hexenkessel", dem anderntags der hollywoodmainstreamaffine "Color of Money" / "Die Farbe des Geldes" und die Mafiasaga "Goodfellas" folgen: Da ist schon ein Claim abgesteckt.

Zumal natürlich Referate und Diskussionen das Feld erweitern. Sehr genau hinsehen. Und weit darüber hinaus blicken. Georg Seeßlen geht in seinem Eröffnungsvortrag auf den auteur-Status Scorseses ein. Was ist ein guter Filmemacher? Entweder schlicht jemand, der gute Filme im Kopf hat; oder einer, der für den guten Film in seinem Kopf den Kampf mit der Kinomaschine, mit Hollywood, mit dem Kommerzsystem, mit produktionsimmanenten Hindernissen aufnimmt. Zu welcher Kategorie Scorsese gehört – dreimal dürfense raten.

Im Scorsese-Publikum – insbesondere im Stammpublikum kritischer Fans – bilden sich dann die Vorstellungen heraus, wie ein Scorsese-Film aussieht. Zwischen "Mean Streets" und "Raging Bull" fand diese Reviermarkierung statt – die Scorsese freilich gerne überwand. Wie geht das Publikum, das einen Scorsese-Film erwartet, um mit so etwas wie "Age of Innocence"? Er fordert nicht nur das Hollywoodsystem heraus; auch seine Zuschauer.

Die grundsätzliche Motivik ist schnell festgezurrt: Der katholische Hintergrund; die Frage nach Motivatioon und Ausgestaltung von Gewalt; die Konstruktion und Dekonstruktion von Männlichkeit; die Sünde, in der der Mensch lebt, und sein Umgang mit ihr; die Musik als Ausdruck von Lebensgefühl; die Sehnsucht, die stets unerfüllt bleibt; die Mythen, die sein Kino hinterfragt und bricht.

Helmut Däuker, Psychoanalytiker aus Mannheim, bricht das herunter auf "Taxi Driver", ganz detailliert: Der Männlichkeitsmythos, der Einsamkeitsmythos, Waffen-, Beschützer- und Befreiungsmythos, der Rächer, der Grenzgänger, die Freiheit: An all diesen Mythen arbeitet Travis Bickle sich ab, und er scheitert. Um dann in einem, so Seeßlen, fast nihilistischen Ende doch Gewinner zu sein.

Ein Ende, das, wie sich zeigte, größten Diskussions- wie Interpretationsbedarf. Wird hier ein Todestraum gezeigt? Kann der amerikanische Mann nur sterbend leben? Überhaupt: Ist Bickle das Verdrängte des Zuschauers?

Schließlich sind wir hier unter Psychoanalytikern. Und da ist es eine besondere Gelegenheit, einen Film aus zwei Sichtweisen anzublicken: einmal film-, einmal psychoanalytisch. Ein Duell der Referate, ganz wörtlich: Denn der Mannheimer Medienprofessor Jochen Hörisch liebt "The Color of Money"; Psychotherapeut Gerhard Bliersbach tat sich gelinde gesagt schwer.

Hörisch – der Medienanalytiker – arbeitet die psychologischen Interpretationsansätze ab: das Ödipale – Paul Newman als Tom Cruises Ersatzvater in Buhlschaft um eine Frau; das Phallische – die stoßenden Stäbe, die Kugeln einlochen –; das Narzisstische, die Psychosucht nach Geld, Erfolg, nach dem Kick. Um daraus eine kleine Theorie des Geldes zu kreieren, das einerseits ganz immateriell und gar nicht sinnlich, andererseits aber ebenso erotisch wie religiös aufgeladen sei ("die Gläubiger müssen befriedigt werden", so ein schlagendes Zitat aus den Wirtschaftsnachrichten). Und irgendwie fühlen wir den Spaß mit, den Hörisch an diesem Film hat, auch wenn wir selbst irgendwo mittendrin das Gefühl für "Color of Money" verloren haben.

Bis Gerhard Bliersbach auftritt. Der nimmt sich denselben Film vor. Doch im Gegensatz zu Hörisch zerpflückt Bliersbach den Film nicht, um ihn dann wieder zusammenzusetzen, arbeitet sich nicht am Material selbst ab – sondern er seziert sich selbst, sein eigenes Unbehagen, erkundet sich selbst anhand des Films. Und sieht einerseits all das Vermittelte im Film, die mittelbaren Impulse: Vom Billardspiel selbst, wo eine Kugel nicht direkt, sondern nur über die weiße Kugel angestoßen werden darf, über all die Bluffs und Doppelbluffs, die Newman und Cruise um ihre Billardspiele herum inszenieren, bis zu dem zwischenmenschlichen Begehren, das immer wieder nur über Bande angespielt werden kann. Und er sieht andererseits im Film lauter unreife Adoleszente am Werk, nicht nur Cruise, der Bruder Leichtfuß, auch Newman, der gealterte Billardmeister, der eine neue Jugend beim neuen Spiel sucht. Das – so führt Bliersbach aus – gehe ihm lebensgeschichtlich nahe, vielleicht zu nahe, um es genießen zu können. Und anhand der langjährigen Doppelkopf-Runden, die er mit alten Schulfreunden regelmäßig abhalte, kommt er hin zu dem, was am Film stört: Das Unausgesprochene hinter den Kulissen, wie bei seinen Kartenspielen, die oft eher genervter Pflichterfüllung glichen: So habe wohl auch Scorsese hier recht unehrlich gefilmt, quasi anhand der Betrügereien im Film wiederum Betrug am Publikum vollzogen, mit all dem Hollywoodglanz der Stars und den manieristischen Kameratänzen von Michael Ballhaus, mit der glatten Ästhetik und der irgendwie irgendwo undurchdachten Handlungserzählung…

So muss es sein, hier spürt man den Wert dieses Filmseminars: Ein paar Stunden intensive Beschäftigung mit Martin Scorsese, und dabei gänzlich unterschiedliche Aspekte, gegenteilige Ansichten, die den Horizont erweitern. Und die auch durchaus unterhaltsam wie auch hinterrücks erkenntnisreich sind: Wenn in der anschließenden Diskussion Hörisch Bliersbach ob dessen Ansichten herausfordert: "Jetzt müssten eigentlich die Fäuste fliegen", oder wenn Hörisch ein rhetorisches Foul begeht: Auf ein ihm missfallendes Argument aus dem Publikum bezüglich der authentischen und der geblufften Reaktionen im Film verwies er auf die generelle Inszeniertheit nicht  nur des Films, sondern unserer zwischenmenschlichen Reaktionen im Leben selbst – als könnte man dies, weil stets vorhanden, nicht einfach herauskürzen. Da hat einer seinen Schopenhauer eifrig gelesen in der Kunst, recht zu behalten – und im übrigen auch seinen Gernhardt, seinen Freud, seinen Kafka, die Hörisch alle fleißig zitierte, um mit Witz und Ironie seinen Standpunkt zu vertreten.

Und ist dies nicht die intellektuelle Variante des scorsesesken Mannes, im Wissenschafts- nicht im Straßenmilieu? Stets zum Angriff bereit, um nach erfolgtem Kampf mit dem Gegner einen zu trinken, bevor sie wieder aufeinander losgehen; mit großer Sehnsucht nach Nähe zum Gegenüber, aber unter der (selbstredend vergeblich bleibenden) Voraussetzung, dass der andere sich einem ergibt; in der Begegnung mit dem anderen stets in einer Performance gefangen: Keitel in "Mean Streets", de Niro als "Taxi Driver", Paul Newman in "Color of Money", Liotta, De Niro, Pesci et. al. in "Goodfellas", und Hörisch in Mannheim…

Mit dem tiefen Bedürfnis, sich in den Mittelpunkt zu stellen durch volles Erfüllen all der Riten – ob bezüglich der Männlichkeit oder der Filmdiskussion. Und das Ganze inszeniert in weitgespannter Erzähllust.

Hier geht es zum Originalartikel.

19.01.2016

Kulturelle Dusche

Am 12. Januar 2016 berichtete die Rheinpfalz über das 30. Mannheimer Filmsymposium.

 

Von Stefan Otto

Seit 30 Jahren bieten die Symposien im Mannheimer Cinema Quadrat die Gelegenheit, sich über mehrere Tage lang intensiv mit einem filmkundlichen Thema zu befassen. Er empfinde sie in jedemJahr aufsNeue als eine erfrischende „kulturelle Dusche“, formulierte Peter Bär, der die Veranstaltungen seit Beginn leitet. Die bequemen Sitze imKino im Collini- Center waren während der drei Tage, die das jüngste Symposium in Anspruch nahm, nahezu komplett belegt. Und in den Vorträgen, die zu hören, und den Filmen, die zu sehen waren, ging es gewissermaßen um diejenigen, die dort Platz genommen hatten. Das Kinopublikum selbst stand im Zentrum des Symposiums mit dem Titel „Zuschauer(t)räume“. Es setzte sich aus interessierten Kinogängern, Filmwissenschaftlern, Kritikern und Psychologen zusammen, die sich gemeinsam mit den vielschichtigen Beziehungen zwischen Filmen und ihren Betrachtern befassten.

Insgesamt sechs Vorträge, dazu Werkstattberichte zweier Filmdramaturgen lenkten den Blick auf die Wirkmechanismen und Vereinnahmungsstrategien filmischer Inszenierung und fragten zugleich nach den Sehgewohnheiten und der Bereitschaft des Publikums, den Lockrufen von der Leinwand zu folgen oder ihnen zuwiderstehen.

Es lockte die Kinopremiere des niederländischen Thrillers „App“ von 2013, der die seltene Gelegenheit bot, während der Vorstellung das Handy anzulassen. Dies wurde sogar empfohlen, denn die Zuschauer konnten sich zu diesem „ersten Second Screen Film“ (Werbezitat) tatsächlich eine App auf ihre Mobilgeräte laden, die mit dem Geschehen auf der Leinwand synchronisiert war. Zu sehen bekam man einige Zusatzinfos und erweiterte Szenen, die aber die Mühe wenig lohnten, neben der Leinwand auch das Display des eigenen Handys ständig im Auge zu behalten. Trotzdem freilich reichten damit die Tentakel des Spielfilms, der selbst voneiner bösen, infektiösen App erzählt, bis in die Hände der Zuschauer.

Nicht unähnlich im Woody-Allen- Klassiker „Mach’s noch einmal, Sam“, der ebenfalls gezeigt wurde. Hier holt sich der Filmkritiker und „Casablanca“- Vielseher Allan Felix Ratschläge von Humphrey Bogart persönlich, der gleichsam der Leinwand, auf der wir ihn zuerst gesehen haben, entstiegen zu sein scheint. Allan Felix hat seine Scheidung zu verkraften und damit den Verlust seiner geliebten Frau Nancy. Ohne auf den Film einzugehen, der erst nach seinem Vortrag lief, legte der Münchener Dramaturg Roland Zag dar, auf welche Weise dabei die Parteinahme des Publikums gelenkt werden kann, damit es sich mit dem Protagonisten identifiziert oder überhaupt interessiertmit der Filmerzählung mitgeht.

Die Interaktionen, die auf der Leinwand zu sehen seien, Woodys Bemühen, über den Verlust seiner Frau hinwegzukommen, oder seine hilflosen Versuche, eine neue Liebesbeziehung anzufangen, erzeugten beim Zuschauer mit zwingender Notwendigkeit bestimmte, vorhersehbare Reaktionen, so Zag. Jenseits aller individuellen, intellektuellen und kulturellen Unterschiede der Zuschauer weltweit seien diese Reaktionen von universellen sozialen Bedürfnissen bestimmt: dem Wunsch nach ausgleichender Gerechtigkeit sowie Fragen der Zugehörigkeit und der Loyalität. Wie erfolgreich ein Film sei, „Mach’s noch einmal, Sam“ oder jeder andere, hänge damit letztlich auch davon ab, wie sehr der emotionale Kern seiner Story auf diese Bedürfnisse eingehe.

Auch der österreichische Psychologe Hannes König setzte in seinem Vortrag „Aus Inhalt wird Struktur“ den emotionalen Anklang, den ein Film findet, in direkte Beziehung zu dessen Beliebtheit. Dabei sprach König, anders als Zag, der formalen Beschaffenheit des Films, dem Stil, mehr Bedeutung zu als dem erzählerischen Inhalt. Seine Beispiele: die Fantasy-Serie „Game of Thrones“ und Michel Gondrys schrillbunte Boris-Vian-Verfilmung „Der Schaum der Tage“, die so überladen ist, dass sie den Zuschauer geradezu orientierungslos werden lässt.

Einen Film zu sehen, von ihm buchstäblich gepackt zu werden, heiße, als Zuschauer zum Verführten zu werden, erklärte der Mainzer Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger in seinem Vortrag „Film als Verführung“. „Der gut gemachte Spielfilm will wie eine psychotische Halluzination, eine Vision erzeugen, in der innen und außen sich vermischen. Er will in den Zuschauer eintauchen, so wie dieser in ihn eintauchen soll“, erklärte in den 1970er Jahren der französische Medientheoretiker und Philosoph Jean Baudrillard, von dessen Schriften Stiglegger die Seduktionstheorie des Films ableitete, bevor er sie anhand von Nicolas Winding Refns Neo-Noir-Thriller„Drive“ erörterte.

Mit der Entwicklung des Ortes, an dem das Publikum zusammenkommt, um Filme zu sehen, befasste sich der Speyerer Filmkritiker Joachim Kurz in seinem anregenden Vortrag „Zukunft des Kinos oder: Das Kino ohne Zukunft?“ Der Tod der Lichtspielhäuser sei in den vergangenen zehn Jahren so häufig prognostiziert worden, dass sich dieses Orakel förmlich eingebrannt habe, so Kurz. Fotos von verlassenen und verfallenden Kinos, wie sie zum Beispiel in der Ausstellung „Filmtheater“ im Frankfurter Filmmuseum zu sehen waren, seien als Boten einer Entwicklung, die scheinbar unaufhaltsam sei, geradezu zu Ikonen der Vergänglichkeit geworden. Dabei sei die Institution Kino im Laufe ihrer Geschichte schon häufig totgesagt worden, beispielsweise als das Fernsehen ihr Konkurrenz zu machen begann oder die ersten Videorecorder Verbreitung fanden. Auch gegenwärtig sei das Kino keineswegs tot, vielmehr in einem Zustand der Auflösung begriffen. „Es hat, zumindest tendenziell, keinen Platz mehr – oder dieser Platz ist zunehmend bedroht, vielleicht auch überflüssig geworden. Es diffundiert und ist damit überall und nirgends mehr zu finden. Es wird ortlos, weil der Film selbst nicht mehr an die Materialität des Trägermaterials gebunden ist, sondern frei verteilt werden kann, aufgespaltet in Bits und Bytes, unkontrolliert kopierbar zu kleinen Dateien, die wir überall hin mitnehmen können“, erklärte Kurz. Mit dem Siegeszug des Internets sei das Kino als primärer Abspielort für Filme unter großen Druck geraten.

Seine Hoffnung auf eine „Rettung der Filmkunst“ setzte Joachim Kurz auf Kommunale Kinos wie das Cinema Quadrat. Sie sollten in Zukunft zu zentral gelegenen, fachkundig geführten, offenen Orten der Begegnungmit anspruchsvollen Filmen werden, mit Meisterwerken aus der Vergangenheit, mit Reihen, die Epochen, Genres, Länder und manchmal auch Seitenund Holzwege der Filmgeschichte präsentierten, so Kurz' Idealvorstellung. Freilich bräuchten sie dafür eine bessere finanzielle Ausstattung, für die wiederum eine Reform der Filmförderung nötig wäre. Nur so aber könnten sie sich zu einer Kinemathek als Lernort, als Raum der sozialen Begegnung, als Platz für den Austausch über Film und Ideen entwickeln. Im Zuschauerraum selbst wäre dieses Kino der Zukunft ganz still, ohne Störungen und Ablenkungen, und draußen im Foyer ein quirliger, lebendiger Ort des Beisammenseins.

Veranstaltungen wie die Mannheimer Filmsymposien lösen bereits heute aufs Beste die Ziele ein, die Kurz in seinemVortrag formulierte.

19.12.2015

Faszinierend vielschichtiges Vermächtnis

Am 07.12. berichtete der Mannheimer Morgen über die Vorführung der "Schwefel Oper" im Cinema Quadrat.

 

Von Martin Vögele

Es fühlt sich an, als wehte ein klammer, vom nahen Winter kündender Wind durch dieses Lied. Als streiche er in trauriger Zartheit über die getragenen Klavierakkorde, über die vereinzelten Vogelrufe und die markante, ruhige Erzählerstimme: „Und ich reiste und reiste weiter zum Tempel der Dämmerung“, dann folgt eine Stille, die bis tief ins Mark dringt. Es sind die letzten Worte, die auf der „Schwefel Oper“ erklingen, im Epilog „Die Teufelsbrücke“. Sie führen einem schmerzlich vor Augen, dass man ihrem Urheber im Leben nicht mehr begegnen wird: Norbert Schwefel ist vergangenen Juli im Alter von nur 54 Jahren verstorben.

„Die Schwefel Oper“ ist sein künstlerisches Vermächtnis, ein Werk, an dem der in Lampertheim geborene Musiker über Jahre bis fast zu seinem Tod gearbeitet hatte. Posthum ist die ursprünglich „Stahl- Oper“ betitelte Komposition fertig gestellt worden und nun in Gestalt einer aufwendig gestalteten Doppel- CD-Box erschienen.

Im Cinema Quadrat wird sie vorgestellt – bei einem „Hörabend“, wie Schwefels langjähriger Freund und Musikproduzent Peter Weinkötz erklärt. Begleitend werden filmische Schwarz-Weiß-Impressionen von Mannheim unbekannter Provenienz gezeigt (jemand habe sie „in den Briefkasten“ eingeworfen, so Weinkötz). Ein knappes Dutzend Stücke sind zu hören; insgesamt erstreckt sich die Oper über zweieinhalb Stunden und 26 Titel, die der Multiinstrumentalist und Sänger Schwefel mit den Musikern Heike Schlägel, Leroy Hartmann, Christian Marley, Markus Born, Alexandar Stojkovic, Lilly Pfeiffer und seiner Tochter Lilli-Lou Trott einspielte.

Thematisch sei es gleichsam eine Zeitreise durch die deutsche Geschichte, beginnend mit dem Weltkriegs- zerstörten Mannheim – „Ruinen“ heißt auch das erste Stück des zweiaktigen Opus’. Zugleich werde die Historie auch mit der persönlichen Geschichte Schwefels verwoben. „Es gibt Stücke, die autobiografisch sind und sein Denken und sein Fühlen wiedergeben“, so Weinkötz. Wir erleben im Folgenden eine Stunde, die noch einmal eindrücklich belegt, wie aufregend und faszinierend vielschichtig Schwefels Schaffen gewesen ist: „Ruinen“ ist ein Instrumental- Stück, in dem Stahl- und kühle Industrie-Geräusche auf gleißende Keyboard-Strahlen, ein wunderbar freigeistig-jazziges Saxofon und hypnotische Rhythmus-Oszillationen treffen. Auch im Song „The Opera“ begegnet uns treibend pulsierende Elektronik und Schwefels unverwechselbarer Gesang, der von der Chor-Süße weiblicher Stimmen kontrastiert wird – um dann in einen tänzelnden Sixties-Sound überzugehen. „In der Liebe“ ist ein berührend gefühlvolles Stück – das unwillkürlich an den großen Rio Reiser denken lässt. Und in „Veitstanz“ setzt sich Schwefel in avantgardistischer Grandezza mit der Finanz- und Wirtschaftskrise auseinander.

Bühnenproduktion soll folgen

Die Oper solle auch auf die Bühne gebracht, eine „Crowdfunding“-Aktion gestartet werden, um dies zu realisieren, so Weinkötz. Er glaube, ab März gebe es Konkreteres und regt die Besucher im voll besetzten Saal an, dann die sulphursonic.de- Webseite aufzusuchen. Bis dahin, so viel ist sicher, werden wir die „Schwefel Oper“-CD noch oft anhören (sie ist per Mail zu bestellen: rip(at)nobertschwefel.de.