Die Filme der NS-Zeit wurden nicht vornehmlich nach wirtschaftlichen, sondern nach politischen Kriterien produziert. Einerseits sollte das Kino zwischen 1933 und 1945 die Zuschauer unterhalten und ablenken; andererseits aber auch ideologisch indoktrinieren. „Harmloses“ Filmvergnügen gab es nicht in den gleichgeschalteten Produktionsprozessen und unter dem strengen Auge von Joseph Goebbels. Einige der Filme aus der Zeit des Nationalsozialismus aber waren direkt auf ihre Propagandawirkung hin inszeniert worden – und sogenannte „Vorbehaltsfilme“ dürfen bis heute nur mit Einführung und Diskussion vorgeführt werden.

Das Cinema Quadrat zeigt in der Filmreiche „Propaganda im NS-Kino“ von April bis Juli vier NS-Propagandafilme, insbesondere in Hinblick darauf, hinter der Filmhandlung die zugrundeliegenden Ideologien aufzuzeigen. WUNSCHKONZERT (Eduard von Borsody) von 1940 verbindet Heimat- mit Kriegsfront über eine beliebte Radiosendung. ICH KLAGE AN (Wolfgang Liebeneiner) von 1940 versucht, Euthanasieprogramme zur Tötung „lebensunwerten Lebens“ zu legitimieren. KOLBERG (Veit Harlan) ist ein monumentaler Historienfilm von 1945, der den Durchhaltewillen der Soldaten und der Bevölkerung anstacheln sollte. Mit TRIUMPH DES WILLENS inszenierte Leni Riefenstahl in überwältigenden Bildern den Parteitag der NSDAP von 1934.

Zum Auftakt der Reihe am 1. April läuft mit Rüdiger Suchslands HITLERS HOLLYWOOD ein Dokumentarfilm über das NS-Kino in seiner Gesamtheit zwischen Ideologie und Traumfabrik, gestaltet in einer Kompilation von Filmausschnitten und versehen mit einem klugen, kenntnisreichen Kommentar. Rüdiger Suchsland wird bei der Vorführung anwesend sein. Im Anschluss läuft WUNSCHKONZERT - Kombikarten für beide Filme kosten 14.- Euro Normalpreis, 10.- Euro ermäßigt, 8.- Euro für Mitglieder

Hitlers Hollywood

In Anwesenheit des Regisseurs:

Hitlers Hollywood

DEU 2017. R: Rüdiger Suchsland. Dokumentarfilm. 106 Min. FSK: 0

Was weiß das Kino, was wir nicht wissen? Über 1000 Spielfilme wurden in den Jahren 1933 bis 1945 in Deutschland hergestellt. Bei den wenigsten handelt es sich um offene Propaganda. Aber noch weniger der im Nationalsozialismus produzierten Filme sind harmlose Unterhaltung. Rüdiger Suchsland kompiliert in seinem essayistischen Dokumentarfilm Filmausschnitte aus der NS-Zeit, um dieser dunkelsten und dramatischsten Periode deutscher Filmgeschichte näherzukommen: Manipulativ, ideologisch ausgerichtet, eskapistisch – aber mit ihren Stars, Glamour und technischer Perfektion auch eine Traumfabrik. Doch welche Träume wurden hier erschaffen? Und was erzählen sie über ihre Zeit?

Im Anschluss Diskussion mit Rüdiger Suchsland

Sa. 01.04.2017, 18:30 Uhr

Wunschkonzert

Wunschkonzert

DEU 1940. R: Eduard von Borsody. D: Ilse Werner, Carl Raddatz, Joachim Brennecke, Ida Wüst. 101 Min. FSK: 18

Während der Olympischen Spiele 1936 lernen sich die junge Inge und der Fliegeroffizier Herbert kennen und lieben – doch bevor sie heiraten können, wird Herbert in geheimer Mission zur Legion Condor nach Spanien abkommandiert. Sie verlieren sich aus den Augen. Als 1939 der Krieg beginnt, übermittelt Herbert von der Front über die Radiosendung „Wunschkonzert für die Wehrmacht“ Grüße an Inge, die er nicht vergessen konnte... Die Radiosendung gab es tatsächlich, im Film treten von Rühmann bis Rökk diverse Stars im Rahmen des Wunschkonzertes auf – im Dienst der volksgemeinschaftlichen Verbindung von Heimat- zu Kriegsfront. So bettet der Film geschickt seine Liebesgeschichte in die Wirklichkeit des Kinopublikums ein und erreicht große atmosphärische Dichte. Als „Staatspolitisch wertvoll“, „Künstlerisch wertvoll“, „Volkstümlich wertvoll“ und „Jugendwert“, wurde der Film von der NS-Filmprüfstelle ausgezeichnet, nach 1945 unterlag er zunächst einem Aufführungsverbot.

Es wird eine Einführung gegeben.

Einzelkarten für die Filme: 8.- Normal, 6.- ermäßigt, 5.- Mitglieder Kombikarte für beide Filme: 14.- Normal, 10.- ermäßigt, 8.- Mitglieder

Sa. 01.04.2017, 21:30 Uhr

Ich klage an

Ich klage an

DEU 1941. R: Wolfgang Liebeneiner. D: Heidemarie Hatheyer, Paul Hartmann, Mathias Wiemann, Harald Paulsen, Albert Florath. 122 Min. FSK: 18

Vordergründig ist ICH KLAGE AN ein ergreifendes Sterbehilfe-Melodram: Hanna Heyt ist an multipler Sklerose erkrankt. Während ihr Mann, Medizinprofessor, verzweifelt an einem Heilmittel forscht, schreitet die Krankheit unaufhaltsam fort. Schließlich bittet Hanna darum, sie zu erlösen. Ihr Mann wird angeklagt, ein Mordprozess muss klären, ob die Tat ein humanitärer Akt war. Das Drama um unheilbares Leiden und Tötung auf Verlangen war Teil einer großangelegten Propagandaaktion, die den Weg für ein angestrebtes Sterbegesetz bereiten sollte, in dem die systematische „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ juristisch gefestigt werden sollte. Auf subtile psychologische Weise wird der Filmzuschauer zur Akzeptanz eines rechtlichen Rahmens für staatliches Töten verführt, zur Akzeptanz des „schönen Todes“, der Euthanasie. So spricht der Film mit allen Mitteln des Emotionsdramas von etwas, das er gar nicht sagt: Er plädiert letztendlich für die staatliche Entscheidungskompetenz darüber, wer leben darf und wer sterben soll.

In Kooperation mit den Fachschaften Geschichte und Medien- und Kommunikationswissenschaften der Universität Mannheim

Einführung: Dr. Dominik Nagl und N.N.

Bildquelle: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden

Do. 25.05.2017, 19:30 Uhr

Triumph des Willens

Triumph des Willens

DEU 1935. R: Leni Riefenstahl. Dokumentarfilm. 114 Min. FSK: 18

Der Film, der den Mythos Riefenstahl begründete – die Regisseurin oszillierte zeit ihres Lebens zwischen den Polen einer innovativen Film-Ästhetin oder einer propagandistischen Wegbegleiterin Adolf Hitlers. TRIUMPH DES WILLENS dokumentiert – mit für die Kamera inszenierten Bildern – den Reichsparteitag 1934 in Nürnberg; der Filmtitel bezieht sich auf den Willen zur Macht, den Hitler stellvertretend für das deutsche Volk verkörpere. Mit dynamischen Kamerabewegungen, rhythmischer Montage, suggestiver Musikuntermalung feiert Riefenstahl das Volk, das Reich, den Führer. Hitler steigt mit dem Flugzeug wie ein Erlöser vom Himmel herab, wird von den Massen wie ein Popstar bejubelt, er wirkt als Hohepriester eines Massenkultes, die Kamera nimmt eine fast erotische Beziehung zu ihm auf: TRIUMPH DES WILLENS ist hochkünstlerisches Propagandaprodukt mit vielerlei Nachwirkungen sowohl in der Ästhetik von Film, Popkultur und Werbung als auch in der Diskussion um das Verhältnis von Kunst, Politik und Ethik im Dokumentarfilm.

Einführung: Dr. Kilian Schultes

So. 25.06.2017, 19:30 Uhr

Kolberg

Kolberg

DEU 1940. R: Veit Harlan. D: Heinrich George, Kristina Söderbaum, Horst Caspar, Gustav Diessl, Paul Wegener, Otto Wernicke, Irene von Meyendorff. 111 Min. FSK: 18 Joseph Goebbels’ Auftrag an Veit Harlan von 1943 war eindeutig: „Hiermit beauftrage ich Sie, einen Großfilm KOLBERG herzustellen. Aufgabe dieses Films soll es sein, am Beispiel der Stadt, die dem Film den Titel gibt, zu zeigen, daß ein in Heimat und Front geeintes Volk jeden Gegner überwindet.“ Und Harlan lieferte: Am 30. Januar 1945 hatte sein dramatischer Kriegsfilm Premiere, in dem die heldenhafte Abwehr der napoleonischen Truppen durch die Soldaten und Bürger von Kolberg in Pommern im Jahr 1807 schildert. Während der Ortskommandant angesichts der Übermacht schon aufgeben will, mobilisieren Major Gneisenau und Bürgerrepräsentant Nettelbeck die Bürgerwehren gegen die anrückenden Feinde.

KOLBERG war die teuerste Filmproduktion der NS-Zeit, und das sieht man: Die Elite der Filmschauspieler, gewaltige Massenszenen, grandiose Filmarchitektur unter unvorstellbarem Artilleriebeschuss – KOLBERG ist Überwältigungskino mit klarer propagandistischer Botschaft: „Ein Volk steht auf, der Sturm bricht los!“

Einführung: Harald Mühlbeyer

Bildquelle: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden

So. 23.07.2017, 19:30 Uhr