15.03.10
Vanilleduft und Autoklau
Der Mannheimer Morgen berichtete ebenfalls über den "Goldenen Hirsch" in der Alten Feuerwache
Autor: Bernd Mand Erschienen im Mannheimer Morgen vom 12.3.2010
Auf die Jagd geht man aus verschiedenen Gründen. In erster Linie geht es natürlich um den Nahrungsgewinn. Auch die Gewinnung von Rohmaterialien wie Fell und Leder spielt dabei eine Rolle. Historisch gesehen geht es auch um gesellschaftliche Repräsentation und die Festigung der hierarchischen Ordnung. Und in jüngster Zeit auch vermehrt um Freizeitspaß. Jene Jagdgesellschaft, die angetreten ist, um den Goldenen Hirschen zu erlegen, will sich allerdings weder ihr Abendessen schießen (auch wenn jeder Vorrundenpreisträger immerhin mit 100 Euro Preisgeld nach Hause gehen darf), noch wird sie sich aus den goldbemalten Hirschtrophäen einen neuen Wintermantel nähen.
Das ganzjährige Kurzfilmfestival in der Metropolregion verspricht allerdings in jeder Runde gesteigertes Freizeitvergnügen und natürlich die Chance beim großen Endhirsch-Finale den Hauptpreis zu ergattern. In der jüngsten Ausgabe des glänzenden Festivalgewächses zeigten sich in der voll besetzten Alten Feuerwache in Mannheim viele Teilnehmerfilme von einer ernsteren Seite. Sowie Niels Reinhards dramatische Filmnovelle „Vanilleduft und Blutgeschmack“, die sich mit David Lynch und Arthur Schnitzler als gedankliche Schirmherren auf eine bildgewaltig komponierte Irrfahrt durch eine Nacht im Mannheimer Jungbusch begibt. Ein filmisches Nachdenkewerk bescherte auch Tim Sessler, der sich mit „Umleben“ der Frage nach dem persönlichen Wert des Lebens nachspürte und dabei eine Familie aus den Tiefen der stillgelegten U-Bahn-Fantasie am Danziger Platz in Ludwigshafen auferstehen lässt.
Kolja von Boeckel zeigte in seinem Animationsfilm „Xein oder Nicht Xein“ einen zackigen Psychosenswing, der seinem gezeichneten Protagonisten eine bitter-komische Lektion in Sachen Lebensfreude erteilt. Insgesamt war eine starke Tendenz in Richtung Kunstfilm unter den Filmeinreichungen für den Abend zu erkennen. Vom sekundenkurzen „Edward Munch ist tot“ des Künstlerkollektivs Astronaut bis zu Silvia Szabós „Ohne Mich“, das sich in Museumshallen-Video-Optik auch ganz ohne Tonspur dem Rausch des Drehens hingab.
Den ersten Preis dieser Ausgabe des Publikumsfestivals machte wohl dementsprechend Peter Derks „Selfmademan“, eine filmische Kleine-Leute-Glosse samt Autoklau und Kiosküberfall, die sich warmherzig humorvoll von den meisten ihrer Mitstreiter absetzte. Und mit einer gehörigen Portion optischen Lokalkolorits zu punkten wusste.
Nächster Termin: 26. Mai, 20 Uhr, Alte Feuerwache.
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