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Herr Pixel und Frau Korn
Publikation: Die Rheinpfalz 07.12.2009
Autor: Stefan Otto
Zum 24. Mal lud das Mannheimer Kommunale Kino Cinema Quadrat dieses Jahr zum Filmsymposium. An drei Tagen drehte sich in einer Vielzahl von Vorträgen und Werkstattberichten mit Filmbeispielen alles um das digital generierte oder bearbeitete Filmbild, das im Kontrast zum analogen Bild steht. „Digitale Welten – Reine Technik oder künstlerische Chance?“ lautete der Titel der Tagung beziehungsweise die Frage, der nachgegangen wurde.
Mr. Pixel und Mrs. Grain, Herr Pixel und Frau Korn, sitzen beim Paartherapeuten. Das Problem sei ihre unterschiedliche Herkunft, erklärt Mr. Pixel. Er ist ein pragmatischer Newcomer ohne Geschichte, dessen Welt nur aus Nullen und Einsen besteht. Sie hingegen kommt aus einer traditionsreichen Familie – mit chemischem Background. „Sie fühlt sich nur bedroht, weil ich die Zukunft bin“, meint Mr. Pixel. „Eine sehr kalte Zukunft“, entgegnet Mrs. Grain, „völlig künstlich und seelenlos“. Der Therapeut fordert das Paar auf, positive Eigenschaften des Partners zu benennen, woraufhin Mrs. Grain anerkennt, dass es ein Vorteil ist, dass Mr. Pixel nicht ins Labor muss. Sie mag es, wie er einfach zurückspulen kann, um zu begutachten, was er gemacht hat. Und es sei schön, dass er keine Kratzer bekomme. Mr. Pixel gesteht ein, dass Mrs. Grain eine wesentlich höhere Auflösung hat, und lobt sie dafür, dass sie nicht altert.
Drei Kurzfilme um „Mr. Pixel & Mrs. Grain“ eröffneten das Symposium und führten gleich mitten hinein in den Lagerstreit zwischen den Befürwortern des analogen Films und den Parteigängern der digitalen Aufzeichnung. Der Filmtechnikhersteller ARRI, der beide Formate bedienen kann, produzierte die witzig-pointierten Filme, die man auch auf YouTube findet, als werblichen Beitrag zum Diskurs.
Filmjournalist Rüdiger Suchsland rückte in seinem hübsch reißerisch betitelten Vortrag „Der Angriff der Killer-Pixel“ die DVD in den Blickpunkt. Durch sie „wird der Film zum Buch“, so Suchsland, „er wird zum Netz. Er bekommt Kapitel, man kann darin blättern“. Der Zuschauer werde zum Cutter, der mit der Wahlmöglichkeit zwischen verschiedenen Fassungen, bisweilen auch zwischen mehreren Kameraperspektiven und alternativen Filmenden in die Wiedergabe eingreifen kann. Auch auf diese Weise, nicht nur durch Verfilmungen wie „Tomb Raider“ oder „Resident Evil“, näherten sich Filme und Computerspiele seit Jahren einander an und konkurrierten miteinander um das Geld und die Zeit ihrer Kunden.
Der Stuttgarter Kameramann Rolf Coulanges, seit den 1990er Jahren Stammgast beim Mannheimer Filmsymposium, war in seinem Vortrag „Partikel aus Licht – Über die Struktur der Bilder in der Produktion“ dagegen erfolgreich bemüht, die Differenzen zwischen dem Korn des analogen chemisch-optischen Bildes und den Pixeln des digitalen Bildes aufzuzeigen. „Korn ist“, so Coulanges, „eine zufällige Struktur im Filmbild, die sich von Bild zu Bild ändert wie das Leben vor der Kamera. Durch seine Materialstruktur bringt es eine innere Bewegung in das Bild, die an dieses Leben erinnert, weil es dessen zufällige Struktur trägt. Bei Architekturfilmen stört das Korn mehr, vermutlich deshalb,weil man von den Hochhäusern weiß, dass sie für das Unbewegte, Statische stehen. Filme über das Leben sind nicht so, und sie vertragen das Korn nicht nur, sondern es verleiht ihnen eine sinnliche Struktur, es macht sie wärmer, jedoch keinesfalls unscharf.“
Die Zuschauer irrten, wenn sie meinten, digitale Bilder seien schärfer als herkömmliche Filmbilder. Wenn man eine professionelle High-Definition (HD)-Kamera zur Hand nehme, sei für den Kameramann eine der wichtigsten Einstellungen für die Bildästhetik das „Detailing“, das für die Wiedergabe der feinsten Strukturen im Bild sorge. Alle Kanten und Hell-Dunkel-Übergänge in einem Bild, die der Sensor durch seine Pixelstruktur nicht ausreichend hoch auflösen kann, würden „nachgeschärft“.
Dem Auge werde auf diese Weise der Schärfeeindruck vermittelt, den es als Maßstab seiner Bildbeurteilung setze. Da diese nachträgliche Kantenberechnung digital erfolge, spielten komplexe Algorithmen eine wichtige Rolle, die das zu berechnen suchten, was das Auge für seinen Schärfeeindruck benötige. Mit dem Detailing habe der Kameramann dabei die Wahl zwischen dem originalen Bild mit sichtbarer Unschärfe oder einem elektronisch nachbearbeiteten Bild, das einen schärferen Eindruck mache, dabei aber auch seine eigene Struktur entwickele, den „elektronischen Look“.
Prägend für diesen Look seien die regelmäßige Struktur der Pixel sowie die Anmutung von Helligkeit, klinischer Reinheit und Fehlerlosigkeit. Digital aufgenommene Bilder seien eben bereinigte, also idealisierte Darstellungen, wodurch die Bildkompression, die Reduktion der Daten erst möglich sei. Die teuersten Kameramodelle von heute seien immerhin darauf ausgerichtet, ähnlich wie analoge Filme Unsauberkeiten zu erhalten und fotografische Qualität zu erreichen.
Mit einem Blick auf das „Grindhouse Double Feature“ von Quentin Tarantino und Robert Rodriguez stellte Dominik Schrey von der TH Karlsruhe sein Dissertationsprojekt zum Thema „Mediennostalgie“ vor. In Abstimmung auf das Thema des Symposiums richtete er sein Augenmerk besonders auf den häufig beschworenen Tod des Kinos und des Zelluloids sowie auf die bereits einsetzende Verklärung und Idealisierung dessen, was durch die Digitalisierung verloren zu gehen droht.
Sein Vortrag „Nostalgia for the Analogue“ zeigte anhand von „Death Proof“ und „Planet Terror“ zwei unterschiedliche Modi des nostalgischen Rückbezugs auf das „Schmuddelkino“, mit dem Quentin Tarantino und Robert Rodriguez aufwuchsen. Ihr Double-Feature von 2007 ist ein großes Retro-Produkt, das nicht allein charakteristische Filme aus den 1970er und 80er Jahren feiert, sondern auch die typischen Abnutzungserscheinungen der Filmkopien rekonstruiert, die in den Grindhouse-Kinos bisweilen rund um die Uhr liefen: die Kratzer, die Laufstreifen und Flecken, die Klebespuren, Verzerrungen und Fehlstellen. Die Nostalgiker Tarantino und Rodriguez ästhetisieren damit die Bildstörungen, denen sie in ihrer Jugend begegneten.
„Death Proof“ wurde auf klassischem 35-Millimeter-Film gedreht. Auch die Kratzer und die übrigen „Fehler" im Film wurden nicht digital erstellt, sondern das Filmmaterial wurde tatsächlich malträtiert, zerkratzt und zerschnitten, um so alt und verbraucht auszusehen wie eine abgenudelte Kopie aus den 80ern. „Planet Terror“ hingegen wurde mit einer HD-Kamera digital aufgenommen, und die Altersflecken und Streifen wurden digital erzeugt.
Dabei rückt das vorgebliche Material bei Rodriguez stärker als bei Tarantino in den Vordergrund, so zum Beispiel in einer Sexszene, bei der der Film Feuer zu fangen scheint. Während Tarantino einen dezidiert analogen Film gedreht hat, um das Grindhouse-Kino weitgehend originalgetreu zu rekonstruieren, präsentiert sein Regiekollege Rodriguez eine digitale Simulation des analogen Exploitation-Films. Dem „Grindhouse Double Feature“ gelingt damit eine so intelligente wie unterhaltsame Reflexion der Möglichkeiten und der Grenzen der digitalen Technik sowie der Veränderungen im Film und im Kino, die sie mit sich bringt.
Neben den Referaten hatten auch die Filme, wie „Ben X“ und „Waking Life“, die Diskussionsrunden und besonders die Werkstattberichte aus aktuellen Film- und Fernsehproduktionen einen gewichtigen Anteil am sehr gelungenen Gesamteindruck, den das Symposium machte. Allein mehr Teilnehmer wären ihm zu wünschen gewesen ...
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