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23. Mannheimer Filmsymposium 24.-26. Oktober 2008
REFERATE UND REFERENTEN

Inkarnationen des Paradoxen Fremden und Verdrängten ?
Die 'Spiegelkabinette' der Femme Fatale im Film Noir
Zu den bekanntesten Frauentypen der Filmgeschichte, in denen Eros und Tod untrennbar miteinander verknüpft sind, zählt die femme fatale des "klassischen" amerikanischen film noir der 1940er und 1950er Jahre.
Der obsessive, von einer dunklen Vergangenheit und (Selbst-)Zweifeln geplagte Anti-Held dieser Filme ist meistens dazu verdammt, sich im Netz ihres tödlichen Charmes zu verfangen und daran zugrunde zu gehen. Leidenschaft, Zerstörung und Selbstzerstörung gehen hier Hand in Hand. Nicht jeder Film Noir präsentiert eine ausgereifte femme fatale, aber in der Femme Fatale manifestieren sich zentrale Anliegen des film noir in pointierter Form. Die Janusköpfigkeit dieser Figuren ? die Ausstrahlung von Schönheit gepaart mit menschenverachtender Manipulation und Ausbeutung der Mitmenschen ? verdichtet in sich ein breites Spektrum von Diskursen, die mit typischen, höchst kontrovers diskutierten ambivalente Erscheinungsformen der Moderne in enger Verbindung stehen: so repräsentieren femmes fatales beispielsweise Faszination und Schrecken der Großstadt (vgl. The Naked City), die Entindividualisierung im Zeitalter der Massenproduktion (vgl. Double Indemnity), das bisweilen unsäglich Fremde im Eigenen (vgl. The Lady from Shanghai).
Der Referent: Ralf Fischer
Studium der Kunstgeschichte und Germanistik in Tübingen und an der University of Massachusetts in Amherst. Von 1993 bis 1998 Mitarbeit bei den Französischen Filmtagen in Tübingen. Von 2001 bis 2007 wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Kunstgeschichtlichen Instituten in Marburg und Frankfurt. Seit Juli 2007 Mitarbeiter des Projekts „Genre und Genrekritik. Raumkonstruktionen des Erzählkinos und ihre filmische Reflexion“ an der Universität Frankfurt mit einem Teilprojekt zum film noir. Dissertation über die Konstruktion von Raum und Zeit im Ouevre Stanley Kubricks (erscheint im Januar 2009).
Schwerpunkte in Forschung und Lehre: Film (filmischer Raum, Kurosawa, Kubrick, Bergman, Marker, Film Noir und Neo-Noir, Essayfilm); Wechselwirkungen zwischen den Bildmedien; amerikanische Malerei des 19. und 20. Jahrhunderts; documenta-Geschichte. Publikationen zu Kurosawa, Kubrick, Edward Hopper und Jackson Pollock. Referent in Mannheim 2006 und 2007.

Entgrenzte Lust und Todessehnsucht Paraphiliedarstellungen in David Cronenbergs „Crash“
Im Mittelpunkt der Untersuchung soll der Film „Crash“ (Großbritannien/Kanada 1996, David Cronenberg) stehen, der die Verbindung von Eros und Thanatos auf eine besondere Weise inszeniert. Die Protagonisten entdecken ihre Lust an der Verquickung von Sexualität und Autounfällen bzw. Lust an Schmerz, Verstümmelung und Tod durch Autounfälle und bewegen sich in eine nicht enden wollende Spirale der Sehnsucht nach Überschreitung des Gewohnten, nach Transformation des Körpers. Neben mittlerweile harmlos erscheinenden Sexualpraktiken versuchen die Figuren auch durch aus heutiger Sicht sexuell abweichender Praktiken, ihrem Leben einen Sinn zu geben. „Der Zusammenprall unserer Wagen war das Modell einer ultimativen sexuellen Vereinigung, von der ich bisher niemals auch nur zu träumen gewagt hatte.“ Man kann dabei durchaus im medizinischen Sinne von Paraphilien (gr. para = neben, philia = Freundschaft, Liebe) reden, womit eine Gruppe von der „Norm“ abweichender sexueller Handlungsweisen bzw. Phantasien gemeint ist.
Der Referent: Christian Hoffstdadt,
M.A., Karlsruhe. Geboren 1972 in Essen. Studium der Philosophie und Neueren Literaturwissenschaft an der Universität Karlsruhe (TH).
Seit 2002: Mitbegründer, Veranstalter und Herausgeber der interdisziplinären Veranstaltungs- und Buchreihe „Aspekte der Medizinphilosophie“
2003-2007: Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutsch-Russischen Kolleg der Universität Karlsruhe (TH) und am Lehrstuhl für Wasserchemie/DVGW. 2007: Einreichung seiner Dissertation zum Thema „Denkräume und Denkbewegungen. Untersuchungen zum metaphorischen Gebrauch der Sprache der Räumlichkeit“ am Institut für Philosophie der Universität Karlsruhe (TH), erwartete Promotion Ende 2008. Arbeitschwerpunkte: Medienphilosophie (Film und Game Studies), Medizinphilosophie, Kontemporäre Kulturphilosophie, Poststrukturalismus, Systemtheorie, Epistemologie, Meta-Theorie.

Ruhelose Seelen - der japanische Geisterfilm
Asiatische Horrorfilme sind dem großen Publikum heute zumeist durch ihre Hollywood-Remakes vertraut. Ein kommerzieller Verdrängungsprozess, dem meist in tiefes Missverständnis eingeschrieben ist, denn die fernöstliche Vorstellung vom Phantastischen unterscheidet sich grundlegend von der handelsüblichen cheap thrills-Dramaturgie. Das ehrwürdige Genre des japanischen Geisterfilms feiert seit mehr als 10 Jahren eine bemerkenswerte Renaissance. Neben Hideo Nakata (Ringu) hat sich vor allem der hier zu Lande wenig bekannte Kiyoshi Kurosawa als überragender Stilist der Bewegung erwiesen. In ihren Filmen wird die spirituelle Tradition des Shintoismus, der belebten Gegenstände und beseelten Orte, entschieden mit der Moderne vermählt. Während in klassischen Geisterfilmen von Kenji Mizoguchi, Masaki Kobayashi u.a. die Wiederkehr des Verdrängten eine starke erotische Konnotation besitzt, schildern die neuen Filme den Konflikt zwischen Technologie und Natur: Exkursionen in eine Welt, die sich nicht so leicht entzaubern lässt.
Der Referent: Gerhard Midding Geboren 1961. Studium der Theaterwissenschaft, Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft. Arbeitet als freier Film-Journalist für Filmfachzeitschriften u. a. für Filmbulletin, Kölner Stadt-Anzeiger, Tagesanzeiger und Frankfurter Rundschau. Radiobeiträge für den SFB, Fernsehbeiträge für den WDR. Mitarbeit an verschiedenen Filmbüchern. Eigene Publikationen als Autor oder Herausgeber u. a.: „Mitchum/Russell“ (1991), „Stars des neuen Hollywood“ (1991), „Teamwork in der Traumfabrik“ (1993), „Clint Eastwood. Der konservative Rebell“ (1996), „Die Kunst des Filmschnitts“ (2005). Referent in Mannheim 1999, 2001, 2002, 2003 und 2004.

Der Tod: eine Projektion
Natürlich machen sich auch Filmemacher – wie jeder andere Mensch – eigene Vorstellungen vom „Danach“. Dabei hat die Bildkunst Film schon immer eine starke Neigung gehabt, die Situation auf der anderen Seite als eine Variante des Lebens im Diesseits zu zeigen: als eine Art „doppelte Projektion“. Dies meint einerseits den technischen Vorgang, die Bilder auf die Leinwand zu werden und die Vorstellung, das Weiter-Leben nach dem Tod geschieht nach uns bekannten Mustern und Anordnungen – oft verbunden damit, dass ein Wechsel zwischen den beiden Welten relativ leicht stattfindet. Filme wie „Das Spiel ist aus“ und „Orphée“ sehen im Tod eine Organisation, die mit Hilfe von Gesetzbüchern und Kommissionen entscheidet, wer wieder „zurück“ darf und wer nicht. Andere Filme zeigen den Tod als eine Person, die als eine Art Doppelagent die Menschen ins Jenseits abholt („Das siebente Siegel“, „Rendezvous mit Joe Black“). Die vielleicht interessanteste Variante ist die Darstellung des Todes als eine Ortes, aus dem es kein oder kaum ein Entrinnen gibt wie in „Macao“ oder „Alice“. Anhand von Filmbeispielen wird versucht, die relative Einfallslosigkeit dieser Vorstellungen zu analysieren, aber auch deutlich zu machen, warum dies – nach den Regeln des Genres – so sein muss. Und zu fragen, ob es nicht dennoch spannende Alternativen gibt.
Der Referent: Karl-Heinz Schmid
Kinoprogramm-Kurator, Bremen. Kinomacher aus Passion. Langjähriger Mitarbeiter des „Kino 46“ in Bremen, 5 Jahre lang Vorstand des Bundesverbandes für kommunale Filmarbeit. Mitglied des Veranstalterteams des Internationalen Bremer Symposium zum Film (inzwischen im 14 Jahr). Mitherausgeber der Schriftenreihe zu diesen Symposien im Verlag Bertz & Fischer, Vorträge, Filmanalysen, Entwicklung von Projekten über und zu Filmereihen. Referent in Mannheim 1998, 2005

Eros und Thanatos – Ein Programm der Moderne
Kunstgeschichtliche Grundlagen filmischer Erotik
Liebe und Tod sind menschliche Grunderfahrungen, die in den Mythen und Religionen mit Sinn erfüllt wurden. Die Entzauberung der Moderne ließ sie dagegen problematisch erscheinen, als Verheißung eines irdischen Paradieses oder als Erfahrung vollständiger Sinnlosigkeit. Die Kunst sollte das Vakuum füllen.
Der Vortrag zeigt, wie sich die Kunst der Moderne der Liebe und des Todes bedient und umgekehrt unsere scheinbar natürlichen Sehnsüchte Ergebnis ästhetischer Formung sind. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie die Provokation der Sexualität durch die Form selbst gebannt und sublimiert wird. Was Mitte des 19. Jahrhunderts allerdings Sache kleiner Eliten war, bestimmt heute die gesamte Gesellschaft. Nicht zuletzt der Film prägte und prägt dieses Bild moderner Erotik zwischen Sex und Sublimation. So sollen hier auch die ästhetischen Paradigmen erörtert werden, die filmische Erotik begründen.
Der Referent: Norbert Schmitz
Kunsthistoriker.
Professor für Ästhetik an der Muthesius – Kunsthochschule, Kiel. Kunst- und Medienwissenschaftler. Lehrtätigkeiten an Universitäten und Kunsthochschulen in Wuppertal, Bochum, Linz und Zürich. Arbeit zu Fragen der Intermedialität von bildender Kunst und Film, Ikonologie der alten und neuen Medien, Diskursgeschichte des Kunstsystems und Methodik der moderner Bildwissenschaft.
Publikationen: Kunst und Wissenschaft im Zeichen der Moderne (Weimar: VDG 1994) zuletzt: Bewegung als symbolische Form, in Über Bilder Sprechen. Positionen und Perspektiven der Medienwissenschaften, hg. Von H. B. Heller u.a. (Marburg, 2000, S. 79-98), Der Film der klassischen Avantgarde oder die gescheiterte Autonomie des Kinos, in: Aufbruch ins 20. Jahrhundert. Über Avantgarden, Sonderband Text + Kritik, IX/01 hg. Von H. L. Arnold München, (Boorberg) 2001, S. 138-154), Medialität als ästhetische Strategie der Moderne - Zur Diskursgeschichte der Medienkunst, in:, 'Formen interaktiver Medienkunst', hrsg. von P. Gendolla/N. M. Schmitz/I. Schneider/P. Spangenberg, Frankfurt (Suhrkamp) 2001, S. 95 – 135, und: Die Biologie der Mimesis als Diskurs der Moderne - Evolutionstheoretische Voraussetzungen gegenständlicher Wahrnehmung, in: Film und Psychologie – nach der kognitiven Phase?, hg. von J. Sellmer und H. J. Wulff, Schriftenreihe der GFM, Marburg (Schüren) 2002.
Referent in Mannheim: 1992, 1994, 1997, 1998, 2000, 2005 und 2006

God bless Hollywood! Zur Geschichte des production code
In den meisten Darstellungen zur Geschichte des amerikanischen Kinos spielt der seit 1934 geltende Production Code, die von der Filmindustrie selbst in die Hand genommene Vorzensur ihrer Filme auf sittlich und moralisch einwandfreie Darstellung von „sex and crime“, keine nennenswerte Rolle. Dabei hätte es ohne die Auflagen des Production Code nicht das vielgerühmte Goldene Zeitalter Hollywoods ab Mitte der dreißiger Jahre gegeben. Der Code, dessen Vorgeschichte bis tief in die „roaring twenties“ Hollywoods zurückreicht, ist nicht nur das Ergebnis eines jahrzehntelangen Drucks gesellschaftlicher pressure groups wie der Katholischen Kirche der USA oder einflussreicher Frauenverbände, die die öffentliche Moral durch Hollywoods amoralischen Lebenswandel und verderbliche Filme gefährdet sahen. Er stellt auch die Antwort Hollywoods auf den gesellschaftlichen Umbruch nach der Weltwirtschaftskrise und die Aufbruchstimmung des New Deal dar. Dabei geht es gegenüber den zwanziger Jahren nicht nur um geänderte Themen und Stoffe, sondern auch um einen Darstellungsstil diskreten Andeutens, elliptischen Erzählens und symbolischer Verweise, den man in allen zensurbestimmten Systemen historisch wiederfindet.
Der Referent: Ernst Schreckenberg
Medienwissenschaftler, Oldenburg. Früherer Leiter der Programmbereiche Politik, Kultur und Medien und des VHS-Kinos an der Volkshochschule Dortmund. Zahlreiche Aufsätze zur Film- und Medienpädagogik und zu film-historischen Themen in Sammelbänden und Zeitschriften, zuletzt in 2006: "Die Reise des Helden. Zur Geschichte eines Erzählmodells in Hollywood", "Spielfilm, Migration und Politische Bildung" und (zusammen mit Paul Hofmann), Texte zur Film- und Medien-geschichte Nordrhein-Westfalens im Internetportal www.geschichte.nrw.de. Praktischer Arbeitsschwerpunkt seit vielen Jahren ist die Lehrerfortbildung in Sachen Film, aus der sich das medienpädagische Projekt "Crashkurs Filmdramaturgie" entwickelt hat. Referent bei Mannheimer Symposien: 1992, 1993,1997, 1998, 1999, 2004 und 2006

Ritual & Verführung. Schaulust, Spektakel & Sinnlichkeit im Film
Die Geschichte des Kinos ist ein einziges Ritual der Verführung: eine Verführung durch Sinnlichkeit, Körperlichkeit, Bewegung, Rhythmus, Licht, Raum und Klang – aber auch eine Verführung mittels des Begehrens, zur Souveränität wie zum Bösen. Die filmtheoretische Arbeit geht von den klassischen Konzepten der Filmtheorie aus und überprüft sie im Kontext der von Jean Baudrillard abgeleiteten Seduktions-These. Ziel ist es, Kino grundsätzlich als ein seduktives System zu begreifen, und somit Filme unterschiedlichster Herkunft und Ausrichtung gleichberechtig analysieren zu können.
Der Referent: Marcus Stiglegger
(geb. 1971) ist ein deutscher Publizist, Filmwissenschaftler und Drehbuchautor. Er lehrt als Dozent für Filmwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz, wo er 1999 mit der Studie Sadiconazista – Faschismus und Sexualität im Film promovierte und 2006 mit Ritual und Verführung habilitierte. Marcus Stiglegger schreibt regelmäßig für die Filmzeitschrift Filmdienst und das Poptheorie-Magazin Testcard. Seit 2002 ist er Gründer und Herausgeber des Kulturmagazins :Ikonen: - Zeitschrift für Kunst, Kultur und Lebensart mit Sitz in Wiesbaden. Gelegentlich ist er auch als Drehbuchautor und Gothic DJ tätig. Als Drehbuchautor schrieb er zusammen mit Bernd Kiefer das Drehbuch zu Der Fahnder: "Auge um Auge". Seine Essays zum Thema Film wurden unter anderem regelmäßig in der deutschen Ausgabe von Splatting Image und in Ausgaben des Filmdienst veröffentlicht.
Das Splatterkino als Kino der Grenzerfahrung
Der Referent: Rüdiger Suchsland
Filmkritiker. Studierte Geschichte und Philosophie in München, Tübingen und Berkeley/Ca., Abschluss in München mit einer Arbeit über „Kulturkritik und Kulturpessimismus im späten deutschen Kaiserreich 1910 – 1918“.
Seit dem Studium Arbeit als freier Journalist für allem für Kulturredaktionen. Seit 1998 Schwerpunkt im Bereich der Filmkritik, daneben Wissenschaft und Sachbuch. Autor u.a. beim Film-Dienst, FAZ, Frankfurter Rundschau, Deutschlandfunk, Telepolis und div. andere. Daneben Vorträge und Moderationen.
Seit 1997 Redakteur des Internetmagazins www.artechock.de. 1998 – 2004 Mitarbeiter des Filmfest München. Seit 2002 Mitarbeit beim Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg, seit 2005 beim Festival des Deutschen Films, Ludwigshafen. Seit 2004 Mitglied im Vorstand des Verbandes der deutschen Filmkritik.
Referent in Mannheim 2005, 2006 und 2007.
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