Wunschlos glücklich - 23. Mannheimer Filmsymposium
Publikation: Kinema Kommunal
Autor: Eckhard Schleifer
Das findet man nur sehr selten: Dass alle Vorträge einer Veranstaltung sich auf sehr hohem Niveau bewegen und kein Referent gegenüber den anderen abfällt. Kommt dann noch ein hervorragendes Filmprogramm dazu, ist der Besucher wunschlos glücklich. So geschehen beim diesjährigen Mannheimer Symposium „Eros und Tod“ vom 24. - 26. Oktober im Cinema Quadrat.
God bless Hollywood!
Stellvertretend für alle gehe ich auf den Vortrag „God bless Hollywood!“ von Ernst Schreckenberg ein, der sich der Geschichte des production code widmete, dessen Bedeutung für die Goldende Ära Hollywoods in der Filmgeschichtsschreibung völlig unterschätzt wird. Ohne die von der Filmindustrie selbst in die Hand genommene Vorzensur ihrer Filme auf sittlich und moralisch einwandfreie Darstellung von sex and crime hätte Hollywood 1939 nicht seinen Höhepunkt erreicht: mit seiner größten Ausstrahlungskraft, einem nie dagewesenen Publikumszuspruch, dem Bild eines homogenen Amerika, mit Familienfilmen, in denen amerikanische Geschichte gelernt wurde. Dieses Code-Amerika steckt bis heute in den Köpfen der Leute.
Gomorrha am Pazifik
Die Vorgeschichte des production code führt bis in die Roaring Twenties und die 1910er Jahre zurück. Anlässlich von Griffiths „Birth of a Nation“ hatte der Supreme Court entschieden, dass Film keine Kunst sei, sondern business, und deshalb nicht unter dem Schutz der Verfassung stehe. Ende der 1910er Jahre herrscht auf dem Gebiet der Zensur die totale Willkür von Bundesstaat zu Bundesstaat. Ab 1921 hat Hollywood ob seiner Skandale den Ruf als Babylon, als Gomorrha am Pazifik weg. Hollywood ist der große Verführer für das ländliche USA, das small-town-America. 1930 bis 32 setzt Hollywood im Zeichen der Depression voll auf sex and crime. In „She done him wrong“ verführt Mae West einen Priester (Cary Grant) und in „Baby Face“ brilliert Barbara Stanwyck als Prostituierte. In anderen Pre-Code-Filmen sind es Jean Harlow oder Joan Crawford, die das Muster „Eine Frau schläft sich nach oben“ verkörpern. Bezeichnenderweise werden diese Filme nach der Einführung des production code 1934 nicht mehr aufgeführt. Auf dem Gipfel der Depression 1933 gehen die Zuschauerzahlen in den Keller. Roosevelt verkündet den New Deal mit staatlichen Eingriffen in die Wirtschaft. Auch Hollywood soll unter Kuratel gestellt werden. Das ist ganz im Sinne gesellschaftlicher pressure groups, v.a. der katholischen Kirche, die 1934 die Legion of Decency gründet und deren Mitglieder den Eid leisten, keine verderblichen Filme anzusehen.
No picture should lower
the moral standard of those who see it
1934 ist auch das Jahr, in dem die Wirkung des bereits 1930 veröffentlichten production code einsetzt. Richtschnur ist das folgende Prinzip: „No picture should lower the moral standard of those who see it.“ Kann man vor 1934 vom Hays Office sprechen (nach Will Hays), so muss man ab 1934 – nach dem Vorsitzenden der Production Code Administration Joseph Breen – vom Breen-Büro reden, über dessen Schreibtische alle Drehbücher gehen. Der erste Film, den es trifft, ist Lubitschs „Serenade zu dritt“ wegen Profanierung der „Heiligkeit der Ehe“ und ob des homoerotischen Touch im Originalskript. Höchst interessant ist die MGM-Produktion „Hold your man“ mit Clark Gable und Jean Harlow. Die erste Hälfte ist ein typischer Pre-Code-Film, die zweite ein Code-Film, denn er bricht aus dem Gefängnis aus, um mit ihr im Frauengefängnis eine Schnelltrauung zu vollziehen, damit das gemeinsame Kind nicht unehelich zur Welt kommt. Damals wusste Hollywood noch nicht, dass der Code seinen Wiederaufstieg bedeutete. In den 1950er Jahren bekommt das utopische Bild Amerikas Risse. Der Code wird zwar 1951 verschärft und ist bis 1959 voll in Aktion, wird aber zum Gegenstand des Gespötts, besonders was die zulässige Kuss-Höchstdauer von drei Sekunden angeht. Man sehe sich nur die wunderbare Szene in Billy Wilders „Some like it hot“ an, wo die Monroe küssenderweise den ‘frigiden’ Tony Curtis zum Glühen bringt.
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