Eros und Tod
Publikation: film-dienst 25/08
Autor: Rüdiger Suchsland
Wenige Filme verbinden so konsequent und kompromisslos, was „Eros und Tod“ bedeuten kann, wie die einzige Regiearbeit des Schriftstellers und Gelegenheitsdarstellers Yukio Mishima, „Yukoku – Rite of Love & Death“. Der 29-minütige Film zeigt einen Soldaten, dessen Putschversuch scheitert, worauf er sich zum rituellen Selbstmord entschließt. Auf letzte Zärtlichkeiten mit seiner Frau folgt die explizite Darstellung des doppelten Freitods, in dem, zumindest im Auge der Betrachter, Liebe und Tod zusammenfallen. Die Verschmelzung und Wechselbeziehung von „Eros und Thanatos“ ist ein traditionsreiches Thema. Es fürs Kinos aufzugreifen heißt, dieses vergleichsweise junge Medium einzubinden in einen mehrtausendjährigen, kulturübergreifenden Traditionszusammenhang und dessen Referenzen. Dies war das Ziel beim diesjährigen Mannheimer Filmsymposium, das Ende Oktober zum 23. Mal vom „Cinema Quadrat“ in Zusammenarbeit mit mehreren Fachverbänden (Kamera, Schnitt, Filmkritik) und dem Bundesverband Kommunale Filmarbeit veranstaltet wurde und bei dem Mishimas Film gezeigt wurde. Der Untertitel der Tagung präzisierte, es sollte um „Leidenschaften und Grenzerfahrungen im Film“ gehen. Weitgesteckt war auch das Spektrum der Vorträge und erfüllte damit das Hauptziel der Veranstaltung, dem Fachpublikum Anregungen zur Film- und Programmarbeit zu geben und verschiedene (Film-)Berufsperspektiven in produktiven Austausch zu bringen. Auch Filme wie „Eau de la Vie“ (von Simon Baré) und „Motodrom“ (von Jörg Wagner) und selbst das Vampirkino, das in einer Multivisionsshow auf sechs parallelen Leinwänden präsentiert wurde, lösten das im Thema implizit verborgene Versprechen ein, die oft unangenehme, gewalttätige oder herausfordernde Verbindung beider Elemente, den Zusammenprall der Extreme zu zeigen. Denn wer „Eros und Thanatos“ thematisiert, das zeigte der Vortrag des Kunsthistorikers Norbert Schmitz, der fragt nach dem Exzess, nach dem Ausnahmezustand, und der kommt um die Frage nach dessen moralisch-politischen Konsequenzen nicht herum. Schmitz berief den Surrealisten und Philosophen Georges Bataille zum Kronzeugen für eine Moderne, die die Grenzen immer wieder auch hin zum Narzissmus, zur Gewalt und damit zum – vermeintlich – Unmoralischen überschreitet, während Marcus Stiglegger später just mit Bataille die versteckte Moral einer künstlerischen Haltung belegte, die auf dem Eigenwert von (ästhetischen) Erfahrungen beharrt und diese nicht den Interessen und Konsenszwängen eines Wertesystems opfern möchte. Stiglegger schloss an seine Arbeit „Ritual und Verführung“ (Berlin 2006) an und entdeckt in der Geschichte des Films Spuren eines „transgressiven Kinos“. Als Beispiel dienten Bertoluccis „Letzter Tango“, Oshimas „Ai no Corrida“ und das Werk Catherine Breillats. Dem Werk David Cronenbergs, dem Splatterfilm und der Figur der Femme Fatale galten einige der Vorträge – hier rütteln Filme an die Rahmenbedingungen des Mainstream-Kinos, wie sie schon in den 1930er-Jahren im rigiden „Production Code“ zusammengefasst wurden, mit dem Ziel, Grenzerfahrungen zu bändigen (Ernst Schreckenberg). Je länger die Tagung dauerte, um so intensiver kreiste die Diskussion um die Frage nach dem Eigenwert und Eigenrang des Ästhetischen. Denn nur dort, unabhängig von Vorgaben der Gesellschaft, können sich Eros und Thanatos treffen. Das war schon in der griechischen Tragödie so, und ist es nicht weniger im Fall von Mishimas Film.
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