Mit Geistern aus der Krise
Publikation: Mannheimer Morgen 28.11.2008
Autor: Hans-Günter Fischer
"Leidenschaft und Grenzerfahrungen im Film" will das Symposium untersuchen. Aber handelt Kino, großes Kino jedenfalls, nicht stets von Leidenschaft und Grenzerfahrungen! "Eros und Tod", der offizielle Titel der Veranstaltung in Mannheims Cinema Quadrat, ist ein zentraler Topos abendländischer Kultur. Seit zweieinhalb Jahrtausenden. "Wie kann ich Schneisen in das Thema schlagen?", fragt sich gleich der erste Referent. Es ist der Kunsthistoriker Norbert M. Schmitz, zum achten Mal beim - mittlerweile 23. - Symposium eingeladen.
Schmitz, das Urgestein, tut sich mit seinen "Schneisen" schwer. Aber am Schluss des Vortrags weiß er mit bemerkenswertem Optimismus aufzuwarten: Trotz des "Sexualisierungsterrors" in den Medien könne man eine Verfeinerung der Sitten feststellen. Was früher winzigen Eliten vorbehalten war, sei heute massentauglich. Jean Antoine Watteaus berühmtes Bild "Die Einschiffung nach Kythera", eine galante Bändigung des Sexualtriebs, lebe in "Sex And The City" weiter. Schmitz spricht von "Watteau im Alltag".
Eros und Tod
Unbestreitbar als Verfeinerung kann man die Geisterfilme sehen, die aus Japan zu uns kommen. Jedenfalls, wenn man mit Hollywood vergleicht. "Keine cheap thrills'", lobt Gerhard Midding, und: "Mehr Tod als Eros." Diese Filme schließen an die Tradition des Shintoismus an, erklärt der Referent. Dass die Natur belebt, alle Erscheinungen beseelt sind, steht hier außer Frage. Geister dürfen sogar vor Gericht aussagen (in Akira Kurosawas "Rashomon"). Und haben mittlerweile wieder Konjunktur in Japans Kinos. Wie so oft in Krisenzeiten. Geister sind gewissermaßen Krisenreaktionskräfte.
Eros und Tod: Natürlich ist das auch ein Hauptaspekt vieler berühmter Kriminalfilme. Was wären sie ohne die "Femme fatale"? Was wäre "Gilda" ohne Rita Hayworth? Solchen Fragen muss sich das Symposium stellen. Und auch Filmgattungen untersuchen, die den Körper eines Menschen noch weit voyeuristischer und expliziter ausweiden: Rüdiger Suchsland widmet sich dem Splatterkino, also dem Brutalo-Horrorfilm. Der freilich durch die Fernsehnachrichten aus Abu Ghraib oder Guantánamo zunehmend realistisch wirkt. Was vom Vampirfilm, in dem jeder Biss eine erotische Eroberung beglaubigt, vorerst nicht zu sagen ist.
Doch Peter Bär und seine Mitstreiter vom Cinema Quadrat benutzen dieses Genre, um sich auch ein bisschen der Eventkultur zu öffnen. Gleich am ersten Abend des Dreitagemarathons wird Friedrich Wilhelm Murnaus Stummfilm "Nosferatu" als Multivisions-Vampirshow plus Musikbegleitung aufbereitet, kleine Pannen inbegriffen.
Auf den Nebenleinwänden sind kürzere Sequenzen jüngerer Vampirfilme zu sehen, hauptsächlich von Werner Herzog und Francis Ford Coppola. Und Herzog kommt der Qualität des Originals am nächsten, hat auch mit Klaus Kinski den todtraurigsten aller Vampire aufzubieten. Coppola hat dafür mit Winona Ryder eine wunderhübsche Mina, züchtig und erotisch gleichermaßen. Hier siegt ausnahmsweise Hollywood.
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