Die Relativität der Erinnerung und die unbedingte Notwendigkeit des Erinnerns
Publikation: Abschlussbericht des Veranstalters
Autor: Peter Bär
Vom 16. bis 18.11.2007 fand in vertrauter und angenehmer Atmosphäre das 22. filmkundliche Symposium von Cinema Quadrat in Mannheim statt. Das Programm erfüllte den Anspruch des Titels: „Erinnern – Vergessen – Verarbeiten, vom Umgang mit Vergangenheit im Film“ in vollem Umfange. Es war mit 11 Vorträgen, 6 Filmveranstaltungen, 2 Diskussionsrunden und zwei Empfängen fast übervoll und verlangte den Teilnehmern einiges an Konzentration ab, stieß aber ohne Einschränkungen auf große Anerkennung.
Die rund 120 Teilnehmer aus dem gesamten Bundesgebiet rekrutierten sich zum Teil aus der Mitgliedschaft der verschiedenen kooperierenden Verbände, zu einem weiteren Teil aus den Studenten verschiedener Film- und Medienhochschulen und letztlich aus Teilnehmern, die aus ganz unterschiedlichen Motiven angereist waren, nämlich als historisch Interessierte, als filminteressierte Psychoanalytiker oder einfach als Filmfans.
Den Reigen der Referenten eröffnete Manfred Osten. Er sprach in völlig freier Rede „um das Gedächtnis zu trainieren“ und gespickt mit Zitaten aus der Literatur über den möglichen Verlust der Gedächtniskultur im digitalen Zeitalter. Er machte die zunehmende Beschleunigung unseres Alltags einerseits und die Fülle des zu Speichernden dafür verantwortlich, dass heute immer mehr an Wissen und Erinnerung und damit an Gedächtniskultur verloren geht, als in früheren Jahrhunderten.
Der nächste Beitrag war nicht als Vortrag, sondern als Gespräch angekündigt. Nico Hofmann als Vorstandsvorsitzender der Firma TeamWorX, derzeit größter Fernsehproduzent und verantwortlich für TV-Events, wie die Zweiteiler DRESDEN und DIE FLUCHT stellte sich den Fragen von Peter Bär und des gesamten Publikums zum Thema „Popularisierung von Ereignissen der Geschichte“. Er bekannte völlig offen, dass es ihm darum ginge, ein großes Publikum zu erreichen und dass er deswegen selbstverständlich auch Kompromisse eingegangen sei, dass ihm aber bei seinen Arbeiten immer die Authentizität der Geschichten bzw. Episoden wichtig sei und dass er sich hierfür stets international renommierter Berater bediene. Die Popularisierung von Geschichte mit einer herzergreifenden Liebesgeschichte sah Nico Hofmann spätestens seit CASABLANCA als legitim an.
Nach dem Empfang des Oberbürgermeisters, der die Gäste aus dem gesamten Bundesgebiet in Mannheim willkommen hieß und das Symposium parallel zum Filmfestival in Mannheim-Heidelberg und zum Festival des Deutschen Films Ludwigshafen als eine wichtige Säule der Filmkultur in der Region sah, folgte, ein Vortrag von Rüdiger Suchsland, freier Filmkritiker, der versuchte, das Thema Erinnern und Vergessen, das in einer Vielzahl von Filmen der Filmgeschichte zum zentralen Thema wurde, zu kategorisieren und zu strukturieren. Er rief dabei eine Vielzahl von Filmen auf, die der Mehrzahl der Teilnehmer offensichtlich bekannt waren, die es aber einzuordnen galt.
Nachdem am Nachmittag bereits Kurzfilme zu sehen waren, endete das Programm am ersten Tag mit SPIDER von David Kronenberg, einem Film, der die Geschichte eines geistig Kranken schildert, bei dem bewusst offen bleibt, ob die immer wieder auftauchenden „Rückblende“, die sich zu einer Kindheits-Biografie und dem Werdegang des Protagonisten zusammenfügen ließen, reine Hirngespinste oder Erinnerungen an reale Geschehnisse sind. Dies knüpfte wunderbar an den Vortrag von Rüdiger Suchsland an, der auch thematisiert hatte, dass der Film besonders geeignet ist, die Subjektivität und die Relativität zu objektiven Ereignissen von Erinnerungen aufzuzeigen oder gerade auch zu verschleiern.
Als nächstes berichtete der Filmsammler und –historiker Heiner Roß aus Hamburg über Filme aus der Nachkriegszeit, die inzwischen „vergessen“ wurden. Im Rahmen der sogenannten „Reeducation“ wurde 1948 dem Deutschen Volk deutlich gemacht, dass sie sich von der Vergangenheit abwenden und neuen demokratischen und solidarischen Idealen zuwenden soll (Kurzfilm: ES LIEGT AN DIR) und dass der HUNGER – so ein zweiter Kurzfilm – nicht nur in Deutschland grassierte, sondern in der gesamten Welt und nur gemeinsam bekämpft werden kann.
Der dritte Vortrag am Vormittag kam von dem ungarischen Historiker Gabor Tallai vom „Haus des Terrors“, einem modernen „Museum gegen den Totalitarismus“ in Budapest. Er schilderte, wie in Folge des ungarischen Aufstandes 1956 zum einen die Medien in Ost und West die gleichen Bilder mit völlig verschiedenen Kommentaren besprachen und wie ein Film über den Schauprozess gegen den zeitweiligen Ministerpräsident Imre Nagy, als Propagandafilm gegen den Aufstand und für das Regime gedacht, unterdrückt wurde, weil die Bilder den Propagandazweck unterliefen und die Zielsetzer der Machthaber konterkarierten. Interessant war in der weiteren Diskussion mit Gabor Tallai zu erfahren, dass bis heute die Rolle von Nagy, seine Persönlichkeit und Rolle, die er in den 50-er Jahren spielte, in Ungarn heiß umstritten ist und verschiedene Fraktionen ganz unterschiedliche Einschätzungen (und Erinnerungen) haben.
Nach dem Mittagspause wurden die Vorträge des ersten Teils des Symposiums lebhaft diskutiert.
Mit dem Stummfilm LE MYSTÈRE DE ROCHE KADOR aus dem Jahre 1912 gelang eine Entdeckung: Der viragierte Film aus der Frühzeit des Kinos, mit Live-Klaviermusik vorgeführt, zeigte die Magie und frühe Faszination desselben, indem nämlich ein Film im Film dazu dient, einer Verunglückten ihr früheres Leben und die Ereignisse, die zu ihrer Amnesie geführt hatten, ein Verbrechen aus Geldgier, in Erinnerung zu rufen. Die Filmwissenschaftlerin Heike Klippel hatte diesen Film empfohlen und stellte ihn den Teilnehmern vor. Sie erinnerte dabei daran, dass die Diskussion um ein kulturelles Gedächtnis, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Folge des neuen Mediums Film aufkam und Parallelen zur aktuellen Gedächtnisdiskussion in Folge der digitalen Revolution aufwies.
Wie bereits der Stummfilm Parallelen zur Bewältigung vergangener Traumata durch Freud aufwies, so knüpfte der nächste Referent, Günter Minas, an einen Aufsatz von Freud mit dem Titel „Erinnern – Wiederholen – Durcharbeiten“ an. Minas bleib dann allerdings nicht lange beim Vater der Psychoanalyse, sondern führte den Diskurs weiter zu dem Ehepaar Mitscherlich und deren Feststellung aus den 60-er Jahren nämlich der „Unfähigkeit zu Trauern“ (der Deutschen über die NS-Vergangenheit).
Minas bezog das Schlagwort der „Unfähigkeit zu Trauern“ auch auf die fehlende oder undifferenzierte Erinnerungskultur in den Filmen, insbesondere der 60-er und 70-er Jahre und konstatierte erst heute bei einigen wenigen zitierten Beispiele eine positivere Erinnerungsarbeit bezüglich der NS-Vergangenheit, die sich häufig dadurch auszeichnet, dass heute nicht mehr die Filmemacher aus der Generation der Täter, sondern deren Kinder oder gar Enkel, die es in Einzelfällen geschafft haben differenziert Sachverhalte darstellen, kritische Nachfragen stellen und ggf. auch darüber eine Erinnerungskultur aufbauen.
Ralf Fischer von der Universität Frankfurt wiederum beschäftigte sich mit einem Filmemacher, durch dessen gesamtes Werk sich die Frage nach dem Erinnern, wie man sich erinnert, welche Rolle Bilder und Filme dabei spielen und wie sich Erinnerung subjektiv verändert, eine zentrale Rolle spielen: Chris Marker.
Marker prägte in seinen Essay-Filmen u.a. den Begriff der „Nicht-Bilder“, Bildern der Zensur, der verlorenen Erinnerung oder der Verdrängung und er verweist darauf, wie Geschichte als globales Gedächtnis und subjektive Erinnerung umgeschrieben wird, wenn sie mit Bildern verbunden ist, die sich einprägen, die sich im Nachhinein aber als nicht authentisch darstellen.
Der abendliche Film A WALK INTO THE SEA beschrieb die dokumentarische Suche der Filmemacherin nach ihrem im Jahre 1967 verschwundenen Onkel, der sich vermutlich umgebracht hat. Dieser, Danny Williams, war Mitglieder der Warhol-Factory, ein Freund von Andy Warhol und Kameramann. Sie hat Filme von diesem Verschwundenen aufgetrieben und interviewte Freunde und Künstler der damaligen Zeit, die alle eine völlig verschiedene Erinnerung an Danny Williams hatten.
Der letzte Symposiumstag startete mit einem Vortrag von Sabina Ibertsberger aus Wien mit einer Betrachtung der Europa-Trilogie von Lars von Trier, sowie seines Abschlussfilmes von der Filmhochschule BILDER DER BEFREIUNG, der schon einige Motive vorwegnimmt. Während Chris Marker die subjektive Erinnerung, ihre Veränderbarkeit nur aufzeigt, verfremdet und manipuliert Lars von Trier ganz bewusst Erinnerungsfetzen und „gestaltet“ damit die Erinnerung.
Robert Greib bot zum Abschluss einen Einblick auf einen ganz anderen Umgang mit Erinnerung, nämlich in das junge japanische Kino: Anhand von drei Filmen zeigte er auf, wie junge experimentierfreudige japanische Regisseure originell mit dem Thema umgehen: In AFTER LIFE sollen gerade Gestorbene eine Erinnerung aus ihrem Leben auswählen, damit sie für sie nachgespielt und konserviert wird. In CURE zeigt Kiyoshi Kurosawa wie Menschen durch Hypnose zu Morden manipuliert werden und daran keine Erinnerung haben, während es im dritten Film um die Aufarbeitung eines Kindheitstraumas ging. Alle drei Filmbeispiele passten gut zum Thema und wurden so interessant dargestellt, dass die Teilnehmer bedauerten, die Filme nicht komplett sehen zu können.
Dies war möglich beim Abschlussfilm von Raoul Ruiz DIE WIEDERGEFUNDENE ZEIT der nach Motiven von Marcel Proust noch einmal das Thema reflektierte.
Insgesamt - so dass Feedback einer Vielzahl von Teilnehmern - war das Programm voller vielseitiger Eindrücke, anspruchsvoll und anregend, aber immer noch nicht erschöpfend.
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