Publikation: Kinema Kommunal
Autor: Eckhard Schleifer
Im Filmbild ist nicht nur der Raum aufgehoben, sondern auch die Zeit, als Nicht-Mehr oder Noch-Nicht, wie Georg Seeßlen es formuliert. Mit dem ersten Aspekt, dem Film als Medium der Erinnerung, beschäftigte sich das vorzügliche Symposium vom 16. bis 18. November im Cinema Quadrat.
Paukenschlag
Filmisch ging es gleich mit einem Paukenschlag los: Charles Vidors „The Bridge“, der auf „An Occurrence at Owl Creek Bridge“ von Ambrose Bierce basiert. Die Kurzgeschichte hatte mich schon in der Schule, wo wir sie im Englisch-Unterricht gelesen haben, fasziniert. Ein Mann wird gehängt, der Strick reisst, er kann im Kugelhagel entkommen und schafft es bis zu seinem Zuhause, Frau und Kind vor Augen. Cut. Er hängt tot am Seil.
In seinem souverän vorgetragenen, kurzweiligen Eröffnungsreferat ging Manfred Osten der Frage nach, ob wir eine Gesellschaft des Vergessens sind. Denn wir bewegen uns immer schneller (sog. velociferisches Phänomen), mit immer leichterem Gepäck, weil wir dabei Gedächtnis-Ballast abwerfen. Unsere Speicherkapazitäten sind begrenzt und müssen immer wieder geräumt werden. Problematisch ist, dass wir dabei sind, unser Lanzeitgedächtnis an digitale Speicher abzugeben, die dafür gar nicht intendiert sind.
Fremde Bilder in fremdem Tempo
Unser Gedächtnis muss ständig trainiert werden, sonst können wir nicht mehr memorieren und verlieren auch unsere gedächtnisgestützte Urteilskraft. Einerseits müssen wir erinnern, denn das Gedächtnis ist konstitutiv für unsere Identität. Andererseits destabilisiert jeder Akt des Erinnerns unser Gedächtnis. Von daher gibt es kein verlässliches Gedächtnis, denn es ist in einem permanenten Prozess des Umgestaltens begriffen. Auf das Kino bezogen, hat schon Franz Kafka von der Überflutung des eigenen Bewusstseins gesprochen. Beim Lesen bestimmt man selbst das Tempo und produziert eigene Bilder. Im Kino ist man einem fremden Tempo und fremden Bildern ausgesetzt. Die Bilderflut wirkt auf das implizite Gedächtnis, das von großer Bedeutung für unsere Emotionalität ist. So erklärt sich, meint die Psychoanalyse, der regressive Charakter des Kinos.
Der aus Mannheim stammende Regisseur und Produzent Nico Hofmann erzählte von den TV-Produktionen seiner Firma teamWorx. Am Vormittag hatte er 400 Schülern „Dresden“ gezeigt. „Jetzt wissen wir, wie Krieg ist,“ meinten danach drei Schülerinnen. Ihnen widersprach Hofmann, allenfalls hätten sie jetzt eine Grundahnung davon. Er war erstaunt über die fehlenden Vorkenntnisse der Schüler, für die der 2. Weltkrieg schon sehr weit weg ist, und die starke Wirkung, die der Film auf sie gehabt hat. Jede Geschichte, so auch die von „Dresden“, basiert zwar auf oral history, auf Zeitzeugenberichten, und ist durch die Beratertätigkeit führender Historiker ‘abgesegnet’, aber letzten Endes bleibe sie doch subjektiv, seine Vision des historischen Ereignisses.
Weg von Hollywood
Bei „Dresden“ hat Hofmann das vorhandene dokumentarische Material komplett gesichtet und auch Dokfilmpassagen eingebaut, die die Schüler übrigens nicht vom Rest unterscheiden konnten. In Zukunft möchte er weg vom melodramatischen „Hollywood-Ansatz“ hin zu einem stärker dokumentarischen Vorgehen. So darf man gespannt sein auf „Mogadishu“, woran er gerade arbeitet. Auch darauf, ob das Publikum ihm auf diesem Weg folgen wird. „Dresden“ hatte zweimal fast 14 Mio Zuschauer, „von Leuten ohne Hauptschulabschluss bis zu Promovierten“. Hofmann ist klar, dass er diese Zahlen bei jüdischen Themen nicht erreicht. Als Beispiel nannte er „Nicht alle waren Mörder“, den an die Biografie von Michael Degen angelehnten Film über das Überleben einer Jüdin und ihres Sohnes in Berlin von 1943 bis 45.
Vergessene Filme
Heiner Roß präsentierte u.a. den Re-education-Film „Es liegt an dir“, der im Juni 1948 als Vorfilm ins Kino kam. Die Deutschen können ihre Autoritätsgläubigkeit und Ich-Schwäche überwinden, jeder soll sich am öffentlichen Leben beteiligen und sich für den Weg des Friedens und der Freiheit entscheiden: Das ist die Botschaft dieses Kompilationsfilms. Trotzdem sprachen sich 39% der Kinogänger 1948 gegen den Film aus - das Kino sei kein Ort der Politik - und 31% sahen in seiner „Schwarz-Weiß-Zeichnung“ „Nazipropaganda mit anderen Mitteln“.
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