KOMMUNALES
KINO MANNHEIM
im Collini-Center
Darf man im Kino seinen Auten trauen?

Publikation: Rheinpfalz

Autor: Doris M. Trauth-Marx

 

Ein Filmsymposium in Mannheim über Erinnerung, Vergessen und andere Sachen, die nicht einfach zu erklären sind

 

Stimmt es wirklich, dass Film, wie Jean Luc Godard sagte, 24 Mal Wahrheit pro Sekunde ist, oder ist er doch eher 24 Mal Lüge? Und wie objektiv ist ein Objektiv? Kann der, der im Kino sitzt, seinen Augen trauen? Dem wachen Kinogänger stellen sich diese und andere Fragen unvermeidlich. Zum Beispiel die Frage nach der Vergangenheit. Sich mit Vergangenheit zu beschäftigen – auch im schlichten Erzählen von Geschichten – ist eine grundlegende Eigenschaft des Kinos. Da lag es fast nahe, den filmischen Umgang mit der Vergangenheit zum Thema des 22. Mannheimer Filmsymposiums zu machen.


Und fanden sich dann am Wochenende Praktiker und Theoretiker im kommunalen Kino Cinema Quadrat zusammen, um unter dem Motto „Erinnern – vergessen – verarbeiten“ dieses Thema unter die Lupe zu nehmen. Es wurde referiert und diskutiert und natürlich an konkreten Filmbeispielen analysiert.


Unsere Gegenwart und unsere Zukunft speist sich aus der Vergangenheit. Man kann das Wissen um die Vergangenheit weitergeben, verarbeiten oder auch – vergessen. Zu den Mitteln, mit denen Vergangenheit bewahrt werden kann, gehört selbstverständlich der Film. Scheinbar. Denn der Film ist nicht bloß ein Medium – ein Mittel also – und für den, der ihn macht, ein Mittel zum Zweck. Da ist es gut, sich gelegentlich vor Augen zu führen, dass mit dem Medium Film seit seiner Erfindung so viele Zwecke verfolgt wurden, wie sich Menschen seiner bedienten. Zum Beispiel, die Erinnerung wach zu halten, sie so korrekt wie möglich wiederzugeben. Oder sie zu verschleiern, zu verändern, zu verfälschen – etwa im Propagandafilm.


Doch auch da, wo die Vergangenheit so korrekt wie möglich wiedergegeben werden soll, sind die Herangehensweisen verschieden. Da stehen, wenn es um Geschichte geht, Historienfilme aus Hollywood und die aktuellen Spielfilme deutscher Vergangenheitsbewältigung, mit oft detailversessen genau der Realität nachgestellten Szenen, neben puristischen Ansätzen, wie sie etwa Claude Lanzmann in „Shoa“ bevorzugte.

Da spiegeln Genrefilme – etwa Krimis – im Laufe der Jahrzehnte die sich verändernden Lebensumstände der Menschen (etwa am Beispiel von Auto oder Telefon), Literaturverfilmeungen versuchen, vergangen Lebenswelten historisch so getreu wie möglich ins Bild zu setzen. Im Genre der Diary-Filme benutzen Regisseure das Medium als ganz persönliches Tagebuch. Und daneben reflektierte der Film schn von Beginn an sich selbst, wie die Filmwissenschaftlerin Heike Klippel beim Symposium bewies: Der von ihr vorgestellte französische Stummfilm „Le mystère des roches de Kador“ aus dem Jahr 1912 erzählt von einer in Amnesie gefallenen Schönen, die durch einen therapeutisch für sie gedrehten Film ihr Gedächtnis wieder findet: Freud lässt grüßen.


Das unter der Federführung von Peter Bär konzipierte Programm des Symposiums erwies sich als ebenso packend wie vielseitig. Der Bogen spannte sich von philosophischen Vorträgen – etwa von dem Wissenschaftler und Ex-Diplomaten Manfred Osten zum Thema „Kulturelles Gedächtnis und Medien“ oder von dem Psychologen Günter Minas (in der Region bekannt als Mitarbeiter des Mannheim-Heidelberger wie des Ludwigshafener Filmfestivals) übe Sigmund Freuds Therapieansatz „Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten“, bis hin zu Raul Ruiz' opulentem Gesellschaftsporträt „Die wiedergefundene Zeit“ nach Motiven von Marcel Proust (1998).

 

Und während der Kunstgeschichtler Ralf Micael Fischer mit dem Franzosen Chris Marker jenen Regisseur vorstellte, der wie kaum ein anderer in seinen Filmen die Unfähigkeit sich zu erinnern und den Zweifel am Bild radikal thematisierte, kam mit dem aus Mannheim stammenden Regisseur und Produzenten Nico Hofmann ein Vertreter der Gegenposition zu Wort: ERversuche, so Hofmann, mit sienen Filmen zum Thema Vergangheitsbewältigung („Dresden“, „Die Flucht“) so viele Zuschauer wie möglich zu erreichen, auch wenn er dafür Zugeständnisse an den Publikumsgeschmack in Kauf nehmen müsse.


Drei Tage lang diskutierten sich Referenten und Besucher die Köpfe heiß, doch blieb immer noch Zeit für spannendes Augenfutter: damit von dem Gehörten und Gesehenen möglichst viel verarbeitet und möglichst wenig vergessen wird.

 

zurück