Publikation: film-dienst 25-2007
Autor: Bernd Zywietz
Unter dem Motto „Erinnern – Vergessen – Verarbeiten“ widmete sich das 22. Mannheimer Filmsymposium dem „Umgang mit Vergangenheit im Film“. Die gelungene Kulisse dafür lieferte das modernistische Collini-Center in dem das Cinema Quadrat das Symposium in Zusammenarbeit u.a. mit dem Bundesverband kommunale Filmarbeit und dem bvkamera ausrichtete. Vom 16. bis 18. November wurde neben Filmprogrammen zu elf Vorträgen und zwei Diskussionsrunden geladen. Höhepunkte lieferten am Anfang und Schluss der Veranstaltung sowohl der älteste als auch der jüngste Redner: Manfred Osten (Jahrgang 1938) bot in einem Parforce-Ritt durch 200 Jahre Geistes- und Kulturgeschichte zitat- und anspielungsreiche Überlegungen zur Gesellschaft des Vergessens. Robert Geib, geb. 1980, stellte zum Thema „Gedächtnis und Erinnerung im neuen japanischen Film“ u.a. Hirokazu Koreedas „After Life“ vor, der leichthändig und tiefsinnig mit der humanen Bedingtheit durch die eigene Erinnerung spielt. Geibs Vortrag war zudem ein Gewinn, weil er sich hinlänglich mit der Ästhetik der Filme beschäftigte. Sinnlich aufbereitet zeigte sich auch Ralf Michael Fischers Gewaltmarsch durch das Werk Chris Markers, der sich in seinen Essay-Filmen und (Nicht-) Bild-Experimenten wie „Sans Soleil“ dem Unvermögen und der Manipulationskraft filmischer und fotografischer Aufnahmen widmet. Sabine Ibertsberger befasste sich mit den Erinnerungszerrbildern in Lars von Triers „Europa-Trilogie“, Rüdiger Suchsland versuchte sich über Filme wie „Caché“ oder „Strange Days“ an einer Systematik des Erinnerns im neueren Spielfilm.
In der gut gemischten Zusammenkunft aus Praktikern und Theoretikern wurde in Mannheim darüber hinaus Nichtfiktionales präsentiert, das vor allem das Vergessen eindrücklich vor Augen führte: Während Heiner Roß zwei Re-Education-Filme aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg präsentierte, bot Rolf Coulanges Einblicke in seine filmische Spurensuche nach dem KZ Mittelbau-Dora und in die vielfältigen Probleme im Umgang mit dessen „Rekonstruktion“. Gábor Tallai wiederum referierte zum nie veröffentlichten Propagandafilm des Imre-Nagy-Schauprozesses im Zuge des ungarischen Volksaufstandes von 1956. Trotz der runden Konzeption, der familiären Stimmung und der reichhaltigen Begleitpublikation blieb indes „Erinnerung“ als zentraler Begriff oft schwammig oder selbstverständlich, was auch konzentrierte Zugriffe der Referenten nicht ganz wettmachten. Es hätte gut getan, genauer zu klären, worin sich z.B. Erinnern von Erleben unterscheidet und wie „filmisch“ Vorgang und Produkt des Vergegenwärtigens generell sind. Das Thema „Erinnerung“ blieb weitgehend reines Erzählmotiv – oder das Medium Film wurde als Mittel des kollektiven deutschen Zurück(ge)denkens untersucht. Zumindest mit letzterem schien man sich einmal mehr schwer zu tun.
Dafür stand als „running gag“ des Wochenendes der wiederholte Wunsch, Nico Hofmann wäre (noch) da. Der teamWorx-Produzent war am Freitagvormittag Gast des vom Symposium ausgerichteten Film-Talks für Schüler, wo er „Dresden“ präsentierte und diskutiert. Bei seinem zu kurzen Besuch im Cinema Quadrat am Abend verteidigte er seine Arbeit, gestand unverhohlen, für die Masse TV zu machen und sich sein „Event“ per PR zu kaufen. Die einigende Ablehnung von derlei History-Hollywood, so schien es, ließ dann für den Rest des Wochenendes wenig kritische Energie für- und gegeneinander übrig. Alles in allem erwies sich das Filmsymposium als seinem Motto würdig: Zum Erinnern und Verarbeiten bot es mehr als genug.
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