Publikation: Mannheimer Morgen, 19.11.2007 Autor: Hans-Günter Fischer
Löchrig und verschlissen wie ein alter Plastiksack im Wind: Ist so das Wesen der Erinnerung? Der Plastiksack flattert im Kurzfilm "Album" von Matthias Müller, der auch sonst mit ein paar starken Bildern im Gedächtnis bleibt. Aber noch mehr mit seinen semiphilosophisch tiefgründelnden Texttafeln, mit seinem Überhang an Theorie. Es wäre freilich ungerecht zu sagen, dass er deshalb ganz besonders gut zum 22. Symposium passt, das in bewährter Form drei Tage lang in Mannheims Cinema Quadrat stattfindet
Mit leichtem Gepäck in die Zukunft Diesmal geht es um den Umgang mit Vergangenheit im Film. In subjektiver, psychoanalytischer wie auch politischer Beziehung. Peter Bär und seine Mannschaft haben es sich wieder mal "nicht leicht gemacht", erzählen sie. Zur Tradition gehört inzwischen, einen kompetenten Nicht-Filmfachmann in das Thema des Symposiums einführen zu lassen. Es ist Manfred Osten, früher Diplomat und Präsident der Humboldt-Stiftung, ein Kulturhistoriker mit weitem Horizont. Das mit dem Nicht-Filmfachmann stimmt denn nicht ganz, denn Osten arbeitete schon mit Alexander Kluge an gemeinsamen Projekten. Er spricht ohne Manuskript. "Es geht hier ja um das Gedächtnis", sagt er. Und um dieses steht es nicht zum Besten, das "Veloziferische" der Welt - bereits der alte Goethe sah es anbrechen - setzt ihm schwer zu. Wir werden geistig immer schneller, doch mit immer leichterem Gepäck, Die "Zukunftskompetenz" riskiert es, keine Herkunftskenntnisse herumzuschleppen. Und ansonsten speichern wir ja mittlerweile digital. Doch Manfred Osten warnt vor der geringen Halbwertzeit der Datenträger, jetzt schon seien viele Aufzeichnungen nicht mehr brauchbar. Was nicht heißt, dass er ein kultureller Untergangsprophet sein möchte. "Datenlöschen" kann auch sinnvoll sein. Und lebenstüchtig. "Wir erinnern uns, um zu vergessen", sagte Sigmund Freud.
Rüdiger Suchsland möchte das Vergessen gar zur Kunst erklären, überlegt sich beim Symposium aber doch lieber Kategorien der Erinnerung im Kino. Ziemlich vorläufig und allgemein sind sie, wenn sie schon bald vergessen werden, ist es auch nicht schlimm. Der Referent hebt nicht zuletzt auf Filme ab, die sich dem Trügerischen der Erinnerung bewusst werden, wie Kurosawas "Rashomon" (wo viele Zeugen viele Wahrheiten parat haben) und Antonionis "Blow-up" (wo Fotos ihre Objektivität verlieren). Wenn aber verbürgt Historisches ins Bild kommt, wittert Suchsland rasch "verordnete Geschichtsbilder" und "Moden der Erinnerung". Er nennt die Filme "Todesspiel" (über den Schleyer-Mord) und "Mogadischu".
Geschichte heiratet Melodram "Mogadischu" leitet schön zu Nico Hofmann über - er ist Produzent des Films. Und beim Symposium wirkt er manchmal immer noch, als wolle er zum Guido Knopp des fiktionalen Fernsehens ernannt werden (Obwohl: Ist Knopp nicht selbst ein Mann des Fiktionalen?). Als ihm Bär vorhält, dass in "Dresden" eine Love-Story "Vehikel" der Geschichtserzählung werde, kontert Hofmann, spätestens seit "Casablanca" sei es üblich, Melodram und Zeitgeschehen zu vermählen. Doch nun scheint ihn das Event-Fernsehen auch anzuöden. Hofmann sieht Komplexität in der Geschichtsvermittlung als den neuen Trend. Den müsste er bedienen können, hat er doch als Regisseur mit "Land der Väter, Land der Söhne" diesbezüglich glänzend angefangen. Lange ist es her. Doch man erinnert sich.
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