Publikation: Rhein-Neckar-Zeitung Autor: Wolfgang Nierlin
Das 20. Mannheimer Filmsymposium auf der Suche nach dem Authentischen im Film
Georges Franjus Kurzfilm "Le sang des bêtes" (Das Blut der Tiere) aus dem Jahre 1949 ist ein Klassiker des subversiven Kinos. Detailliert zeigt er die Arbeit in Pariser Schlachthäusern: das präzise Handwerk des Tötens von Tieren, ihre zuckenden, ausblutenden Körper und das Zerlegen der Leiber. Der Schock über die Wirklichkeit der Gewalt wird hier befördert durch einen schonungslosen dokumentarischen Realismus. Und doch trägt der Film auch Züge einer merkwürdigen poetischen Überhöhung, die den Schrecken mit surrealer Schönheit unterwandert und ihn sublim der gezeigten Wirklichkeit entreißt.
Beim 20. Mannheimer Filmsymposium, das am vergangenen Wochenende im Cinema Quadrat stattfand, war Franjus eindringlicher Film eines von vielen Beispielen für das diesjährige Thema „Inszenierte Wahrheit“. „Auf der Suche nach dem Authentischen im Film“ fragten die geladenen Referenten nach der Glaubwürdigkeit von Bildern und der Wahrheit des filmischen Ausdrucks. Vor diesem Hintergrund ist "Le sang des bêtes" unzweifelhaft ein Dokument von hohem Authentizitätsgehalt. Trotzdem sind auch seine Bilder in erster Linie gemacht und die abgebildete Realität ist in diesem Sinne eine Konstruktion, die den Absichten ihres Schöpfers folgt. In Zeiten sogenannter Docu-Fakes, von Reality-TV und Real-Satiren sind die Grenzen zwischen (vorgeblichem) Dokument, manipulierter Wirklichkeit und filmischer Inszenierung allerdings längst nicht mehr trennscharf auszumachen.Gerade im Hinblick auf den fiktionalen Spielfilm, der diese Grenzen implizit voraussetzt (und doch mitunter auch absichtlich verwischt), ist die realistische Darstellung eine stetige Herausforderung. Zumal Realismus im Film nicht nur für ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit bürgt, sondern paradoxerweise auch die filmische Illusion verlängert, was der Kameramann Wolfgang Treu in seinem Werkstattbericht anschaulich zeigte. Ein Schwerpunkt der Veranstaltung bildete deshalb die Annäherung an zwei mehr oder weniger lose Gruppen von Filmemachern, die seit Mitte der 1990er Jahre einem neuen Realismus verpflichtet sind. So sieht der Filmjournalist Rüdiger Suchsland einen "Willen zur Wirklichkeit" und eine forcierte Gegenwärtigkeit in den dezidiert künstlerischen Arbeiten der sogenannten "Berliner Schule" um die Filmemacher Christian Petzold, Angela Schanelec und Thomas Arslan. In seinem materialreichen Referat spürte er den stilistischen Ähnlichkeiten in den Arbeiten dieser "Realisten" nach, zu denen sich neben anderen auch noch Ulrich Köhler, Christoph Hochhäusler und Benjamin Heisenberg zählen ließen und die in der (film)öffentlichen Wahrnehmung hierzulande (im Gegensatz zu Frankreich, wo die Gruppe als Nouvelle vague allemande bezeichnet wird) ein Schattendasein fristen. Offensichtlich sperrt sich ihre "Ästhetik der Aussparung", der langsame, auf Beiläufigkeit setzende Duktus ihrer minimalistischen Filme und der Verzicht auf eine klassische Dramaturgie gegen den schnellen Konsum.
Demgegenüber wirkt das antiillusionistische Keuschheitsgelübde der von Thomas Vinterberg und Lars von Trier gegründeten dänischen DOGMA-Bruderschaft auf den ersten Blick ungleich radikaler. Trotzdem sind die von ihnen aufgestellten Regeln – eine Reihe produktionstechnischer und filmsprachlicher Destruktionen, die dem Film seine Wahrhaftigkeit zurückgeben sollen – fast schon zu einer stilistischen Mode geworden, die nach und nach vom Mainstreamkino absorbiert wird. In ihrem aufschlussreichen Vortrag "Popular Reality" zeigte die Filmwissenschaftlerin Sabina Ibertsberger aber vor allem, mit welchen strategischen Mitteln (z. B. durch Anlehnung an die gruppendynamische Theaterpraxis von Artaud, Grotowski und Beck) die Wortführer des DOGMA-Konzepts Authentizität stiften und so ihrerseits Wirklichkeit konstruieren.
24./25. Oktober 2005
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