KOMMUNALES
KINO MANNHEIM
im Collini-Center
Kubrick, Nixon und der Mann im Mond

Publikation: Die Rheinpfalz
Autor: Stefanie Schnitzler

 

Mit dem Spannungsverhältnis Realität und Wahrheit oder mit Authentizität im Film hat sich am Wochenende das 20. Mannheimer Filmsymposium im Cinema Quadrat beschäftigt.

 

Seit 1985 ist das Cinema Quadrat im Erdgeschoss des Collini-Centers Anziehungspunkt für Filmemacher und -liebhaber. Hier findet seit zwanzig Jahren im Oktober, ein paar Wochen vor der Eröffnung des Filmfestivals, das Mannheimer Filmsymposium statt. Zum einen ist es ein Forum, das Ort und Anregungen bietet zur Auseinandersetzung mit dem Medium Film. Zum zweiten kann man einfach gute Filme sehen. Filme, die selten gezeigt werden, von denen nur eine Hand voll Kopien existiert, die bei ausgesuchten Festivals gezeigt werden.

 

Die Fachgespräche, Diskussionsforen und interdisziplinären Vorträge sind es, die Regisseure, Kameraleute, Film- und Medienwissenschaftler, Philosophen, Psychologen und Filmkritiker ein Wochenende nach Mannheim locken. Zwischen zehn und fünfzehn Stunden täglich dauert die Film-Fachtagung. Und der Gesichtsfarbe, dem Kaffee- und Zigarettenkonsum nach zu urteilen, nehmen die meisten Symposiumsteilnehmer und Vortragenden diese Chance wahr. Auch Mitglieder des Cinema-Quadrats, dieses als Verein organisierten Kunstkinos, das sich aus Fördergeldern und Mitgliedsbeiträgen finanziert, verbringen ganze Tage im Kinosaal. Es sind Menschen wie Frau R., die vor 14 Jahren ihren Wohnsitz von Mailand nach Ladenburg verlegte und Mitglied des kleinen umtriebigen Kinos wurde. „Das sind drei Tage, in denen ich mich im Kino zu Hause fühle“, sagt sie.In diesem Jahr geht es um das Thema der inszenierten Wahrheit, oder, wie der Zungenbrecher, den Intellektuelle und Feuilletons ins Herz geschlossen haben, heißt: „Authentizität“ im Film. Fünf Kurzfilme, acht Filme in Spielfilmlänge, zehn Vorträge und zwei Diskussionsrunden standen an drei Tagen auf dem Programm.Eine junge Frau taumelt der Kamera entgegen. Jeder Schritt macht ihr Mühe. Mit dem rechten Auge fixiert sie direkt die Kamera. Ihr Blick ist fest und scheint zugleich um Hilfe zu bitten. Ihre linke Gesichtshälfte ist zugeschwollen. Das Auge blicklos. Die Frau schreit nicht. Das sind die ersten Bilder der deutsch/niederländischenProduktion „Der letzte Dokumentarfilm“. „Ich war sechs, als ich dieses Bild zum ersten Mal sah. Es hat mich erschreckt. Ich habe oft davon geträumt. Es ist nur ein Bild aus dem Krieg, wurde mir gesagt“, lautet der Text zu dem Bild. Die Abschlussarbeit der Filmstudenten Daniel Sponsel und Jan Sebening verknüpft persönliche Erinnerungen und Begegnungen eines fiktiven Ich-Erzählers mit historischem Material aus der Dokumentarfilmgeschichte. Hier wird parallel erzählt, wie die Bilder laufen lernten und wie ein Kind der siebziger Jahre mit Bildern und Filmen aufwächst. Privates Super8-Material von Babyglück, Strandurlauben und Weihnachtsfesten steht neben historischem Material aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert und Interview-Sequenzen mit Dokumentar- Filmemachern wie Leacock oder Wildenhahn. Entstanden ist ein Filmexperiment, das durch die Verknüpfung von Filmgeschichte und Privatleben ein geistreiches und gut gelauntes Bekenntnis zum fantasievollen Dokumentarfilm bietet. Auch der Doku-Fake „Operation Lune“, deutsch „Kubrick, Nixon und der Mann im Mond“ von William Karel spielt mit den Wahrheitsbezügen und Ansprüchen von Dokumentarfilmen und stellt sie massiv in Frage.

 

Ein wesentlich ungebrocheneres Verhältnis zu den Begriffen Realität und Wahrheit haben die fiktionalen Filmemacher der Dogma-Bewegung und der Berliner Schule. Beide Kunstfilm- Richtungen plädieren für „realistischere“ Filme und setzen dem Ausstattungsfilm ästhetische, formale und erzählerische Grenzen. Die Filmrichtung der Berliner Schule wird durch den sehr anschaulichen und detailreichen Vortrag des Filmkritikers Rüdiger Suchsand und die Vorführung „Der schöne Tag“ von Thomas Arslan präsentiert.

 

Als die letzten Enthusiasten Freitagnacht das Kino durch den Hinterausgang verlassen, ist die Freude auf die nächsten beiden Tage so groß wie die Müdigkeit.

 

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