KOMMUNALES
KINO MANNHEIM
im Collini-Center
Wahrheit muss man inszenieren

Publikation: Mannheimer Morgen
Autor: Hans-Günter Fischer

 

Ja, die bösen Film- und Fernsehmenschen. In den späten 70ern, als das Entlarven noch geholfen hat, drehte Hans Sachs "Die Frau, deren Mutter Goethe noch sah". Da sieht man eine arme Alte - sie soll stolze 104 Jahre sein -, die sich nur mehr bruchstückhaft und gar nicht kameragerecht erinnern kann, im Würgegriff der Medienmeute. Omas gute Stube mit dem Bücherschrank ist voll gestopft mit Mikrofonen und Stativen. Aber die Geschichte und die alte Frau sind frei erfunden, geben bloß ein Lehrstück ab über "die Vergewaltigung des Menschen durch die Medien", wie es damals hieß. Ein bisschen plakativ zwar, aber pädagogisch äußerst wertvoll.


Heute dient der Kurzfilm mit dem Zeigefinger als perfekter Einstieg in das Jubiläums-Filmsymposium - das schon 20. - in Mannheims Cinema Quadrat. Es dreht sich um das Thema "Inszenierte Wahrheit", sucht nach dem "Authentischen" im Film. Begriffsklärung tut Not. Die liefert, wie es sich gehört, ein Außenstehender: der Philosoph Hans-Peter Schütt. Er kann dem Publikum den Hinweis nicht ersparen, dass aus dem "Authentischen" ein gern benutztes "Requisit der Rezensentenprosa" wurde. Das ist streng genommen etwas sonderbar, denn das mit diesem Wort Bezeichnete ist zweifellos ein knappes Gut, ein rares Gütesiegel. Durchweg positiv besetzt mit der Bedeutung "echt" und "glaubwürdig". Das war im alten Griechenland noch anders, wie Schütt berichtet. Dort galt der "Authentiker" als "Täter" im brutalsten Sinn: als Mörder oder Selbstmörder.


Von Selbstmördern und Mördern war auch Didi Danquart regelrecht umstellt, als er zu Kriegszeiten in Sarajevo drehte. Und der Regisseur zeigt den Mannheimer Symposiums-Teilnehmern Passagen aus dem alten Material, die heute noch unter die Haut gehen. Der Film heißt ja auch "Wundbrand". Quälend lange Einstellungen - als Garanten des "Authentischen", sagt Danquart -, wackelige Bilder in Schwarz-Weiß: "Die Kamera muss mitleiden", erklärt der Regisseur, die "schmutzigen" und schlechten Bilder werden zu einer Art Kriegsmetapher. "Glatt machen" oder erläutern darf man sie auf keinen Fall. Nur jene Kamera, die sich bewegt, sei wahrhaft menschlich. Doch "authentisch" seien letztlich nicht die Bilder, sondern ihre Wirkung. Auf den Zuschauer komme es an, auf seine Einfühlung, seine Erfahrung. Im Erzählkino sei das nicht anders.


Den Beleg liefern die Regisseure der "Berliner Schule". Sie vertrauen auf ein aufgeschlossenes, aktives Publikum. Gefunden haben sie es vorerst nur in kleiner Zahl. Doch sie sind Lieblingskinder der Kritik (in Frankreich spricht man schon von einer deutschen "Nouvelle Vague"). Der Referent in Mannheim ist ein solcher Kritiker: Rüdiger Suchslands Sympathien für die Filmemacher um Angela Schanelec und Christian Petzold sind ganz offensichtlich. Aber ihm gelingt, auch mit geschickt gewählten Filmausschnitten, der Beweis, dass die "Berliner Schule" mehr als nur ein schickes Etikett ist: Eine Heimstatt des lakonischen, diskreten Realismus, der auf Nüchternheit und Langsamkeit vertraut, die Wirklichkeit als beiläufig und flüchtig zeigt und keineswegs einen "Best-Of-Zusammenschnitt des Lebens" auf den Markt wirft, wie ihn Hollywood so oft serviert.


Der Kameramann Wolfgang Treu, seit über 40 Jahren im Geschäft, ist gleichfalls ein Befürworter der "unsichtbaren Kamera". Sie dient bescheiden der Geschichte, also tendenziell auch dem "Authentischen". Ein Film wie Stanley Kubricks "Barry Lyndon", der mit ungeheurem Aufwand und enormer Stilisierung die Vergangenheit imaginiert und dabei mehr an alte Ölbilder als an die "Wirklichkeit" erinnert, wird von ihm in Mannheim mit Kritik bedacht. Doch jede "Wirklichkeit" ist inszeniert. Ein Filmsymposium wie das gut besuchte und vom Team um Peter Bär penibel vorbereitete im Cinema Quadrat kann das zwar diskutieren. Aber niemals ändern.

 

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