KOMMUNALES
KINO MANNHEIM
im Collini-Center
Abschlussbericht zum 20. filmkundlichen Symposium in Mannheim

Publikation: Abschlussbericht des Veranstalters
Autor: Peter Bär

 

Vom 21. – 23. Oktober 2005 fand im Mannheimer kommunalen Kino, Cinema Quadrat, das 20. filmkundliche Symposium unter dem Thema „Inszenierte Wahrheit – Auf der Suche nach dem authentischen Film“ statt. Ca. 120 Teilnehmer aus dem gesamten Bundesgebiet waren angereist und verfolgten ein spannendes und sehr dichtes Programm aus Filmen, Vorträgen und Diskussionen.

Zum Auftakt bot der Heidelberger Philosoph Hans- Joachim Schütt einen Diskurs darüber, was unter „authentisch“ zu verstehen ist und leitete den Begriff der „Authentizität“ vom griechischen „Authentos“ her, was damals so viel wie „Selbsttäter“ bedeutete.

Dem zweiten Vortragenden, dem Regisseur Didi Dankwart, gefiel dieser Ansatz , da es für ihn wichtig war, seine persönliche Sichtweise in seine Filme einzubringen und ihnen damit eine eigene Authentizität zu verschaffen. Auch erläuterte er anhand seines Dokumentarfilms „Wundbrand“ über den jugoslawischen Bürgerkrieg, wie er am Schneidetisch die Aufnahmen – „schmutzige Bilder von einem schmutzigen Krieg“ - montiert und bearbeitet hatte, um ihnen mehr Authentizität zu geben.

Der Filmkritiker Rüdiger Suchsland stellte die „Berliner Schule“ vor. Es handelt sich um eine Gruppe von Filmemachern, die, obwohl auch durchaus unterscheidbar, viele Gemeinsamkeiten haben und sich den Alltag und die kleinen Schicksale und Ereignisse zum Thema machen. Es sind unspektakuläre Spielfilme über Menschen und Situationen in der Bundesrepublik heute, die insbesondere auch die Orientierungslosigkeit der jungen Generation „authentisch“ einfangen.

Das dicht gedrängte Programm fand am Samstag seine Fortsetzung mit dem Kölner Filmpsychologen Dirk Blothner, der Filme vornehmlich aus der Perspektive ihrer Wirkung auf das Publikum beurteilt. Er arbeitete heraus, dass es mehr die Filme sind, die ungeglättet, ja „schrubbelig“ daherkommen, denen vom Publikum Wahrhaftigkeit bescheinigt wird.

In einer ersten Diskussionsrunde wurden von den Referenten und von dem engagiert beteiligten Publikum die Grundlagen dessen, was man unter Authentizität zu verstehen hat, erörtert. Auch ging es darum, wie weit ein Film nicht nur trotz seiner Inszeniertheit, sondern gerade aufgrund seiner inszenatorischen Authentifizierungs-Strategien authentisch wirken kann.

Nach der Mittagspause stellte der Karlsruher Filmemacher Oliver Boeg seinen Film „WordNapping“ vor, in dem er einen Überfall auf die Tagesschau inszeniert hatte. Er hatte diesen Film in 8 Kneipen in Karlsruhe zur Tagesschau-Sendezeit auf Fernsehmonitoren präsentiert und berichtete über die Irritationen des Publikums und eine Pressehysterie, die diese Aktion auslöste.

Der Leiter des Bremer kommunalen Kinos, Karl-Heinz Schmid, knüpfte in seinem Vortrag über „Dokufakes“ hieran an und berichtete über dieses neue Genre, in dem die Filmemacher -mehr oder weniger früh erkennbar - mit der Glaubwürdigkeit von Dokumentarfilmen spielen und das Publikum – meist zu dessen eigenem Vergnügen - an der Nase herumführen. Selbstverständlich gehört ein Mindestmaß an Seherfahrung und Kinokenntnis dazu, diese „Dokufakes“ als solche zu entlarven, weshalb sie erst als postmoderne Erscheinungsform möglich waren, obwohl es - wie Schmid ausführte – bereits mit Orson Welles einen frühen Vorläufer gab.

Als nächster Programmpunkt befasste sich die Bayreuther Filmwissenschaftlerin Sabine Ibertsberger mit dem Phänomen der Dogma-Filme. Sie beschrieb dabei das Dogma-Manifest und die Praxis, danach Filme zu machen, nicht nur als ein Mittel Authentizität zu bewirken, sondern sah darin auch einen ironischen Kommentar auf das Hollywood Kino und zugleich auch eine Strategie, die Filme bei Presse und Publikum mit diesem Etikett attraktiv zu machen. Insoweit – und dies wurde noch breit diskutiert – können Authentifizierungsstrategien zugleich auch Propagandamittel sein. Eine nur scheinbar widersprüchliche, auf jeden Fall aber überraschende Feststellung.

Als letzter Redner des umfangreichen Samstagprogramms berichtete der Kameramann Wolfgang Treu von den Mitteln und Möglichkeiten seiner Berufskollegen, einen Film wahrhaftig aussehen zu lassen. Dabei vertrat er die Position, dass es eher die nicht sichtbare Kamera als die Handkamera und stets eine natürliche Beleuchtungsstrategie sei, die einem Film Wahrhaftigkeit verleihen. Für ihn waren die Wackelkamera des Films „Blair Witch Project“ und die Kerzenbeleuchtung bei Kubricks Barry Lyndon Manierismen, die eher auf die Künstlichkeit und Fehlerhaftigkeit des Filmes verweisen, als ihm Authentizität zu verleihen.

Am Sonntag stand als erstes ein weiterer Werkstattbericht auf dem Programm. Der Heidelberger Regisseur Gordian Maugg berichtete sehr anschaulich darüber, wie er in seinen Filmen, zuletzt in dem Film „Zeppelin!“, altes Dokumentarfilmmaterial und neue Spielfilmszenen nebeneinander stellte und welche Mühe er darauf verwandte, das eine an das andere anzugleichen, um den Eindruck zu erwecken, dass auch die neu inszenierten Szenen aus der Zeit des alten Materials stammen.

Zum Abschluss referierte der Kunsthistoriker Norbert Schmitz aus Kiel darüber, wie in der Kunstgeschichte immer wieder das „wahre Bild“ gesucht wurde und dass auch die Ablehnung des „wahren Bildes“ in der Bilderstürmerei wiederum den Glauben an dasselbe enthält.

Eine zweite Diskussionsrunde am Sonntagmittag zur Verwendung von Authentifizierungs-strategien und deren Missbrauch rundete die Veranstaltung ab.
Zwischen den dargestellten Vorträgen waren Filme eingebettet, so „Ein schöner Tag“ von Thomas Arslan als Beispiel für die Berliner Schule oder „The King is Alive“ als Dogma-Film. Insgesamt war die gesamte Veranstaltung sehr dicht, wies das Programm ein breites Spektrum auf und konzentrierte sich doch immer wieder auf das Bemühen um Authentizität bei Filmen.

Zwei Empfänge am Freitag- und am Samstagabend und der Service des Cinema Quadrat-Teams sorgten für das leibliche Wohl zwischen den Programmteilen. Das Publikum, das sich sowohl aus den veranstaltenden Verbänden (Bundesverband kommunaler Filmarbeit, Bundesverband Kamera, Bundesverband Filmschnitt und AG Dok), als auch aus interessierten Laien rekrutierte, war am Ende leicht erschöpft, aber zufrieden mit einem Programm, das bereichert hatte. Zum Abschied fragten die meisten Teilnehmer bereits nach dem Thema des nächstjährigen Symposiums.

 

zurück