Publikation: Frames Online
Autor: Harald Mühlbauer
Orson Welles ist sicherlich einer der ganz Großen der Filmgeschichte. Seine Filme sind nicht zuletzt wegen der charismatischen Figuren, die er spielte, und der überbordenden visuellen Kraft, die er ihnen gab, unvergesslich. Seine Themen, die sich um Macht drehen und um Menschen, die sich von ihr korrumpieren lassen, um Moral und deren Verfall, sind zeitlos. Wie Peter Bär, der Organisator des 17. Mannheimer Filmsymposiums mit dem Titel "Orson Welles Revisited – Kino, Theater, Radio, TV", sagte, war Welles ein Musiker, der immer im gleichen Ton spielte, auch wenn er verschiedene Melodien (d.h. Genres) oder verschiedene Instrumente (d.h. Medien) benutzte.
Im Symposium, das vom 3. bis 6.10 im Mannheimer Cinema Quadrat stattfand, ging es um den unbekannten Welles, um den Welles, der in den 1930ern das Wunderkind des Broadways und der skandalöse Radiostar war, dann im Kino für Furore sorgte, der ab den 50ern auch im noch jungen Fernsehen Fuß zu fassen versuchte, um den Welles der abgebrochenen Projekte und unvollendeten Werke. Diese Aspekte von Welles wurden einerseits in Referaten nähergebracht, andererseits wurden eine Menge selten oder noch nie gesehener Filme gezeigt.
Zunächst wurde Welles als Maverick charakterisiert; Filmkritiker Daniel Kothenschulte sieht in Welles einen Künstler, der in seiner interdisziplinären Arbeitsweise, in seiner Gleichbehandlung von Hoch- und Polpulärkultur anachronistisch wirkte, der nicht in seine Zeit passte.
Andere Vorträge beschäftigten sich mit Welles Radioarbeit: Seine Anfänge im Rundfunk in der Hochzeit des Radios im Amerika der 1930er Jahre wurde von dem SWR-Redakteur Wolfram Wessels beschrieben, der Gebrauch von Soundeffekten in seinen Radioproduktionen und den Einfluss dieser Arbeit auf seine Kinofilme beschäftigte den französischen Filmkritiker François Thomas. Des weiteren wurden von dem Filmjournalisten Gerhard Midding Welles’ TV-Arbeiten in den 50ern vorgestellt, die er meist für das britische Fernsehen anfertigte, die aber wegen ihrer essayistischen und recht experimentellen Herangehensweise oft wenig erfolgreich waren.
Der spanische Filmkritiker Esteve Riambau berichtete von der Arbeit von Orson Welles einerseits und John Houseman (Produzent) und Joseph L. Mankievicz (Regie) andererseits an dem Shakespearschen "Julius Caesar"-Stoff. Welles hatte diesen sowohl fürs Theater als auch für den Rundfunk adaptiert, Houseman und Mankievicz (die mit Welles bei CITIZEN KANE zusammengearbeitet hatten) adaptierten das Stück 1953 für den Film, wobei sie durchaus bei den Wellesschen Bearbeitungen Anleihen machten. An Ausschnitten aus dem Film wie aus dem Wellesschen Hörspiel sowie anhand von Fotos aus der Theatervorführung zeigte Riambau, wie Welles von Shakespeare nahm, was Mankievicz nicht von Welles nehmen konnte.
Der amerikanische Filmhistoriker Jonathan Rosenbaum beleuchtete das Verhältnis von Welles zu Amerika und sah in den ideologischen Vorbehalten, die die amerikanische Öffentlichkeit gegen Welles hegte wegen seiner amerikakritischen (aber nicht antiamerikanischen) Haltung, wegen seiner Liebe zu Europa (vor allem zu Spanien, Frankreich und Italien), wegen seiner als subversiv verstandenen Filmthemen, mit einen Grund für seinen Misserfolg bei Kritik und Publikum in den USA.
All diese sehr interessanten und durch Film- und Hörbeispiele aufgelockerten Vorträge konnten in Podiumsdiskussionen mit den Referenten direkt mit Fragen und Anmerkungen besprochen werden.
Das Mannheimer Filmsymposium bot aber neben der Beschäftigung mit Welles’ Arbeiten in verschiedenen Medien noch mehr. Es war nämlich gleichzeitig die zweite Orson-Welles- Konferenz, die 1999 zum ersten Mal im Münchner Filmmuseum abgehalten wurde. Diesem nämlich hatte Oja Kodar, letzte Lebensgefährtin und enge Mitarbeiterin Welles’, dessen filmischen Nachlass übergeben. Und dort wird unter der Aufsicht des Leiter des Filmmuseums Stefan Drößler die Werke, die sich in diesem Erbe befinden, aufbereitet, restauriert, rekonstruiert und, wenn möglich, vollendet. War 1999 bei der ersten Konferenz lediglich eine Übersicht über das bis dahin aufgefundene Material möglich, so konnte nun, drei Jahre später, über die Fortschritte bei der Aufarbeitung berichtet werden. Und das aus erster Hand: neben Stefan Drößler und Oja Kodar waren auch die Kameramänner Willy Kurant, der in den 1960ern, und Gary Graver, der ab 1970 für Welles arbeitete, unter den Gästen.
Und das war das interessanteste an diesem Wochenende: all die selten (oder nie) gezeigten oder unvollendet gebliebenen Werke von Welles, dazu Informationen genau von den Personen, die mit Welles gearbeitet hatten. Beispielsweise war das Symposium der Auftakt einer bundesweiten Kino-Tournee von Wellesschen Kurzfilmen, die teilweise auch schon einmal in einem Themenabend auf arte gezeigt wurden, darunter ORSON WELLES’ LONDON (1968-1971), eine Kompilation von fünf sketchartigen Episoden über das London der 60er Jahre, die allesamt sehr lustig, sehr frisch und lebendig sind, ORSON WELLES’ MAGIC SHOW (1976-1985), einem unvollendeten Projekt, in dem Welles, der die Zauberei liebte, verschiedene Zaubertricks vorführt, und THE SPIRIT OF CHARLES LINDBERGH (1984), einem kurzen Monolog in die Kamera als Geburtstagsgruß an einen Freund, die letzten Filmaufnahmen, die von Welles existieren.
Viele weitere frisch restaurierte Filme wurden gezeigt, FILMING THE TRIAL zum Beispiel, Aufnahmen aus einer Podiumsdiskussion, die Welles 1982 mit Filmstudenten nach einer Vorführung seines Filmes DER PROZESS (1962) abhielt, oder Szenen aus THE OTHER SIDE OF THE WIND, Welles’ legendärem Film, an dem er von 1970 an arbeitete, der auch vollständig abgedreht, aber nie fertiggestellt wurde: es gab Probleme mit dem iranischen Geldgeber, dem Schwager des Schahs, der den Film für sich beanspruchte. Seit vielen Jahren lagert das Negativ nun in einem Safe irgendwo in Paris, und Oja Kodar kämpft mit allen Mitteln gegen die rechtlichen und damit finanziellen Schwierigkeiten, die einer Fertigstellung und eventuell sogar Veröffentlichung von Welles’ letztem Meisterwerk im Weg stehen. Die Szenen, die gezeigt wurden, versprechen einen visuell höchst außergewöhnlichen und inhaltlich sehr vielschichtigen Film, der von der Geburtstagsfeier eine alternden Regisseurs (John Huston) handelt und, in diese Handlung eingewoben, von seinem letzten Film, der unvollendet bleiben wird.
Stefan Drößler, Leiter des Münchner Filmmuseums, berichtete von dem Stand der Restaurierung von Welles' nachgelassenem Werk
Höhepunkt des Symposiums war aber sicherlich die erste Vorführung einer Arbeitskopie von Welles’ Thriller THE DEEP, den er in den Jahren 1967-1969 vor der dalmatinischen Küste gedreht hat. Der Film ist bis auf wenige Zwischenschnitte vollständig abgedreht, teilweise auch geschnitten, doch es fehlt noch einiges auf der Tonspur, und das Material liegt teilweise in Farbe, teilweise aber eben auch nur in Schwarz-Weiß vor. Die von Welles gedrehten Szenen wurden nun zunächst einfach aneinandergefügt, so dass sich die Gesamtlänge dieses ersten Schrittes hin zu einer eventuellen Fertigstellung auf 115 Minuten erstreckte. Im Nachlass von Welles wird nun nach weiterem Material gesucht, um vor allem den Soundtrack zu vervollständigen.
Trotz all dieser Unzulänglichkeiten am Material strahlt der Film eine Kraft aus, eine Lebendigkeit, die auch in dieser völlig unfertigen Fassung das Potential erkennen lassen, das diesem Film innewohnt. Es geht um eine Pärchen (Oja Kodar und Michael Bryant), die ihre Hochzeitsreise auf einer Jacht im Atlantik verbringen. Eines Tages treffen sie auf ein anderes Segelboot, von dem ein Mann (Laurence Harvey) zu ihnen herüberrudert und von der Lebensmittelvergiftung berichtet, die angeblich alle seine Freunde auf dem Boot dahingerafft hat. Michael Bryant rudert zu der sinkenden Jacht hinüber und findet dort Jeanne Moreau und Orson Welles; währenddessen entführt Laurence Harvey das Boot mit Oja Kodar.
Würde man diesen Film im Schnitt richtig kürzen und dem Film einen vollständigen Soundtrack unterlegen, so könnte man ihn tatsächlich auch einem breiten Publikum zugänglich machen, und ich glaube nicht, dass seine einzige Qualität und der Grund, warum man ihn sich ansehen sollte, einfach die kuriose Tatsache ist, dass es sich dabei um einen bisher unentdeckten Film aus Orson Welles’ Nachlass handelt.
Er wäre auf jeden Fall besser als DEAD CALM (dt. Titel: TODESSTILLE, USA/Australien 1988) mit Nicole Kidman und Sam Neill, der auf dem Drehbuch von Welles basiert. DEAD CALM ist zwar spannend und gut gemacht, aber auf konventionelle Art. Die Spannungsdramaturgie, die Figurenzeichnung, die zur emotionalen Identifikation einladen sollen, folgen perfekt den Regeln des Handbuchs für Filmemacher; doch es fehlt der Charme, die Atmosphäre, die Inspiration des Wellesschen Genius, der in seinem Fünf-Personen-Film auf engstem Raum ein Drama entwickelt, das in seiner rauen Holprigkeit eine ganz eigene Spannungsatmosphäre aufbaut.
Großartig, schlichtweg meisterhaft ist die Szene, in der Oja Kodar ein Schlafmittel in Laurence Harveys Suppe rührt, vorsichtig abschmeckt und nachwürzt, damit man das Mittel nicht schmeckt; und dann mit einem psychologischen Trick, indem sie die Suppe nämlich als ihre eigene ausgibt, ihren Entführer Harvey dazu bringt, sie auszutrinken. Oder die Sequenz, wenn die drei auf dem sinkenden Boot beschließen, ihre Jacht anzuzünden, um Oja auf dem anderen Schiff ein Zeichen zu geben: mit allem Brennbaren wird das Schiff begossen, mit Terpentin und verschiedenen Farben, und das trotz der brenzligen Situation mit viel Lust an der Zerstörung. In der Dämmerung, mit Farbfiltern vor der Kamera und zerfließenden, sich mischenden Farben an Deck des Segelschiffes ergeben sich Bilder von ausgesuchter Schönheit, trotz oder gerade wegen des spröden und zerkratzten Filmmaterials.
In seinen eigenen Werken und in den Filmen, in denen er lediglich als Darsteller mitspielte, baute Welles seinen Mythos auf. In seinen Fernseharbeiten, in seinen Filmen, in seinen dokumentarisch anmutenden Essays, in seinen Geschichten, in denen er als Erzähler, Conférencier, Zeremonienmeister auftrat, spielte er mit diesem Mythos, indem er sich selbst spielte, einen Orson, der mit dem Publikum vertraut ist und es mit seiner Stimme, seiner Sprechweise, seiner Mimik in den Bann ziehen kann. Und diese Seite von Welles, nicht weniger aufregend als der bekannte Welles in seinen verschiedenen filmischen Verkörperungen, war der Hauptgegenstand des diesjährigen Mannheimer Filmsymposiums. Keiner, der Welles’ Filme schätzt, hätte es verpassen dürfen.
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