KOMMUNALES
KINO MANNHEIM
im Collini-Center

Publikation: Cinefoyer
Autor: Reinhard Hucke

 

Zeit seines Lebens galt der amerikanische Regisseur, Autor und Schauspieler Orson Welles (1915-1985) als das "enfant terrible" Hollywoods. Nach seinem Tod im Oktober 1985 bildeten sich stetig neue Legenden um seine Person, basierend auf Halbwahrheiten und Gerüchten. Verschwenderisch wäre er gewesen, egomanisch und größenwahnsinnig. Zu einfach liest sich im Nachhinein die Biographie des Orson Welles: In den 30er Jahren als Wunderkind des Radios und Theaters gefeiert, stürzte er nach dem Kritiker- Triumph seines Film-Debüts "Citizen Kane" (USA 1941) ins künstlerische Nichts. Diese äußerst geglättete Version seiner Vita entspricht nicht den Tatsachen seines Werdegangs. Welles drehte auch nach "Citizen Kane" bedeutende Filme, u. a. den Film Noir "Im Zeichen des Bösen" (USA 1957) und die Shakespeare-Adaption "Othello" (F/I 1952), und hatte mit ihnen mindestens künstlerischen Erfolg. Bis zu seinem Tod arbeitete Welles an der Realisierung verschiedener Projekte, nur die wenigsten davon konnte er allerdings beenden. Immer wieder zwangen ihn Finanzierungsprobleme zum vorzeitigen Aufgeben. Der zweiten Phase seines Schaffens haftete daher der Ruf des Fragmentarischen, Unvollständigen an. Bereits 1955 begann er in Spanien mit den Dreharbeiten zu "Don Quixote". Auch nach dem Tod des Hauptdarstellers drehte Welles weiter, bis er selbst verstarb.

Das diesjährige Mannheimer Filmsymposium beleuchtete Orson Welles und sein Gesamtwerk neu. Gezeigt wurden mehrere Kurzfilme, nicht vollendete und bis dato nicht gesehene Filme sowie verschiedene Fernseharbeiten, welche von der Öffentlichkeit bislang kaum wahrgenommen wurden. Vor Ort waren profunde Welles-Kenner zugegen wie der amerikanische Filmkritiker Jonathan Rosenbaum (Mitherausgeber des Interviewbuches "This is Orson Welles."), der spanische Dozent für Filmgeschichte Esteve Riambau, der französiche Filmrezensent Francois Thomas, die deutschen Publizisten Daniel Kothenschulte und Gerhard Midding, der Rundfunk-Redakteur Wolfram Wessels und die Cutterin Ursula Höf. Als Kronzeugen fungierten Welles letzte Lebensgefährtin, die Schauspielerin Oja Kodar, und die beiden Welles- Kameramänner Willy Kurant und Gary Graver. Stefan Drößler, Direktor des Filmmuseums München, und somit zuständig für die Restauration des Spätwerks von Welles, brachte einige "Schätze" aus dessen Nachlass mit, u. a. den unvollendeten Thriller "The Deep" (GB 1968/69).

Das vier Tage andauernde Filmsymposium schaffte es, einen völlig anderen Blick auf den Künstler Welles zu eröffnen, bekannte Filme aus Welles Oeuvre wurden elegant umkurvt, dafür gab es viel Unbekanntes zu entdecken. Vergessene Projekte wie der Fernsehfilm "The Fountain of Youth" (USA 1956), stilistisch eine Augenweide, entpuppten sich als kleine Perlen. Welles war, so abgedroschen es klingen mag, ein genialer Besessener, der ständig neue Ideen ausbrütete und bei dem man bedauern darf, dass nur ein Bruchteil dessen, wirklich in die Tat umgesetzt wurde. Bereits der 4minütige Trailer zu "Citizen Kane" (USA 1941) beweist, wie innovativ Welles bei seiner Arbeit war. Der Trailer ist ein Kunstwerk für sich, in welchem Welles als Sprecher (man sieht ihn nie) einzelne Darsteller wie Joseph Cotten und Agnes Moorehead dem Publikum vorstellt. Nebenbei führt er die geheimnisvolle Filmfigur Charles Foster Kane ein und wirft Fragen auf, die sich mit der Persönlichkeit Kanes beschäftigen. Wer war Kane wirklich? Widersprüchliche Aussagen von Freunden und Bekannten Kanes werden aneinandergereiht. Die Rahmenhandlung des Trailers zeigt ein Mikrofon, welches sich von oben herunter bewegt, bis die Worte "My name is Orson Welles" erklingen. Am Ende fährt das Mikrofon wieder nach oben. Welles referiert auf seine Popularität als Radiosprecher, noch ist seine Stimme vertrauter als sein Gesicht. Das Mikrofon-Motiv wendet Welles am Ende seines zweiten Films "Der Glanz des Hauses Amberson" (USA 1942) noch einmal an.

Der Dokumentarfilm "The-One-Man-Band" (F/D 1996), ebenfalls auf dem Symposium gezeigt, schildert die Tragik des Orson Welles. Als er 1975 in Los Angeles eintrifft, um den Oscar für sein Lebenswerk entgegenzunehmen, erzählt er in seiner Dankesrede von seinem jüngesten Projekt, "The Other Side of the Wind" (1970-76). Doch Welles bleibt für viele der Mann, der "Citizen Kane" schuf. Schon zu Lebzeiten ist er ein Denkmal der Filmgeschichte geworden. Nur die wenigsten interessieren sich für sein Spätwerk. In "The-One-Man-Band" sind auch erstmals Ausschnitte aus mehreren Kurzfilmen zu sehen, die zum Entstehungszeitpunkt der Dokumentation eigens dafür restauriert wurden. Inzwischen wurden die kompletten Kurzfilme von Münchner Filmmuseum nachbearbeitet und zu einem Kurzfilmprogramm ("Der unbekannte Orson Welles") zusammengeschnürt, welches fortan bundesweit in den Kommunalen Kinos gezeigt wird. Den Auftakt der Tournee gab es auf dem Filmsymposium. Im Kurzfilm "London" (1968-71) demonstriert Welles sein komisches Talent und beweist Mut zur Häßlichkeit. Vom Make-Up teilsweise bis zur Unkenntlichkeit entstellt, schlüpft er in mehrere Rollen, u.a. in die einer Frau, eines Polizisten und eines Stadtstreiches. In einer anderen Szene spielt Welles einen Adligen, Lord Plumfield, der auf seinem Landsitz von einem aufdringlichen Reporter (ebenfalls Welles) interviewt wird. Bemerkenswert ist die Produktionsgeschichte dieser Szene. Welles drehte zunächst den Plumfield-Monolog, um dann einige Jahre später die passenden Reporter-Fragen hinzuzufügen. Gut beobachtet und detailliert herausgearbeitet ist die Winston-Churchill-Parodie, eine weitere Episode aus "London". Man sieht nur die Silhouette von Welles, doch Sprachrhythmus und Körpersprache treffen das Original sehr genau. In "Moby Dick" (1971) liest Welles aus Herman Melvilles berühmten Roman vor. Mit einfachsten Mitteln, den Nuancen seiner Stimme, schafft es Welles, den Zuschauer in seinen Bann zu ziehen und vergessen zu lassen, dass überhaupt kein Setting (das Meer, das Boot) vorhanden ist. Man sieht Welles in einer sehr spartanischen Kulisse, er rezitiert vor einem hellblauen Hintergrund. "Vienna" (1969) zeigt den Flaneur Orson Welles, der durch die Straßen Wiens schlendert und berühmte Wiener Köstlichkeiten anpreist. Welles inszeniert sich hier selbst: ein eitler, geheimnisumwobener Fremder, der die ebenso geheimnisvolle Stadt Wien vorstellt. Die Stadt Wien und der Schaupieler Welles werden seit Carol Reeds "Der dritte Mann" (GB 1949) miteinander verbunden, Welles spielte damals den Verbrecher Harry Lime, der von seinem ehemaligen Freund durch die Katakomben Wiens gejagt wird. Anton Karas berühmte Filmmusik setzte Welles auch in seinen späteren Fernsehreportagen gern ein.
Die "Magic Show" (1976-85) präsentiert verschiedenes Material zur heimlichen Leidenschaft des Orson Welles, der Zauberei. "The Spirit of Charles Lindbergh" (1984) ist eine Widmung für einen Freund. Welles zitiert diesmal einige Passagen aus dem Tagebuch des Piloten Lindbergh, der während des berühmten Transatlantik-Fluges seine Gedanken schriftlich fixierte.

Der absolute Höhepunkt des Filmsymposiums war die Weltpremiere von "The Deep". Welles hatte in den Jahren 1968 und 1969 den Thriller fast abgedreht, als der Hauptdarsteller Laurence Harvey plötzlich starb. Auf bis heute nicht geklärte Weise verschwanden kurze Zeit später die Filmnegative, nur zwei Arbeitskopien, eine schwarzweiße und eine farbige, blieben erhalten, die nun die Basis für die gegenwärtige Rohfassung des Films lieferten. In einigen Szenen fehlt die Tonspur, in anderen ist der Originalton und das Rattern der Kamera zu hören. Einige Passagen wurden von Welles bereits nachvertont, so dass die Darsteller Laurence Harvey und Michael Bryant auf einmal eine andere Stimme hatten. Stefan Drößler beschrieb nach der Vorführung die Odyssee bei der "Rekonstruktion" des Werkes, welches wohl nie mehr in der von Welles intendierten Form die Leinwand erblicken wird. Drößler bekannte, dass man im Augenblick nicht wüßte, wie mit dem vorhandenen Material zu verfahren sei. Es gäbe zwei Möglichkeiten: den Film ein wenig kürzen, an einigen Stellen untertiteln, um ihn somit für die Zuschauer etwas konsumierbarer zu machen. Dies würde aber bedeuten, sich noch mehr von Welles ursprünglichem Projekt zu entfernen, weil man z. B. nie erfahren wird, wie Welles das abgedrehte Material geschnitten bzw. ob und welche Filmmusik er benutzt hätte. Die andere von Drößler vorgeschlagene Möglichkeit ist sicherlich die bessere: eine Dokumentation über die Herstellung des Films, in welche man das Material einbettet. Es erstaunt jedoch, wie "The Deep" in einigen Szenen auch in der Rohfassung funktioniert. Oja Kodar erzählte, dass Welles seinerzeit beabsichtigte, dem Thriller einen komischen Unterton zu geben und dass sie sich freue, dass das Mannheimer Publikum an den richtigen Stellen gelacht habe.

Ein anderes unvollendetes Projekt wurde am letzten Tag des Symposiums vorgestellt. Etwa 30 Minuten lang konnte das Publikum Szenen aus "The Other Side of the Wind" begutachten, in welchem u.a. die Regisseure John Huston und Peter Bogdanovich mitwirken.

Die große Qualität des diesjährigen Symposiums lag darin, dass nicht nur Filme und Referate geschickt miteinander kombiniert wurden, sondern die Referenten die gesamte Bandbreite von Orson Welles Werk und Biographie abdeckten. Der Rundfunk-Historiker Wolfram Wessels konzentrierte sich auf die Radiotätigkeit von Welles und gab Auskunft, wie sich die Radioerfahrung auf die spätere Filmarbeit übertrug. Die Cutterin Ursula Höf analysierte den schon erwähnten Fernsehfilm "The Fountain of Youth", der Filmkritiker Gerhard Midding hielt ein exzellentes Referat über die TV-Projekte des Orson Welles, die keineswegs einen Rückschritt in der Entwicklung von Welles darstellten. Jonathan Rosenbaum betrachtete Orson Welles’ Blick auf Amerika im Spiegel seiner Filme und Esteve Riambau präsentierte seinen Dokumentarfilm "Orson Welles in the Land of Don Quixote", der die besondere Beziehung von Welles zu Spanien hervorhebt.

Nach dem Symposium ist man wieder neugierig auf Orson Welles geworden.

 

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